Credit Suisse
Chef Thomas Gottstein: Vom Bankerstar in der Coronakrise zum 4,4-Milliarden- Abschreiber innerhalb von 13 Monaten

Mit dem Abschreiber von 4,4 Milliarden Franken kann Gottstein eine Ankündigung nicht einhalten - es ist nicht das erste Mal.

Niklaus Vontobel
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Muss Lehren ziehen: Credit-Suisse-Chef Thomas Gottstein.

Muss Lehren ziehen: Credit-Suisse-Chef Thomas Gottstein.

KEYSTONE

Das moderne Bankengeschäft ist schnelllebig, zumindest wenn es von den amerikanischen Finanzmärkten abhängt. Diese Schnelllebigkeit zeigt sich nun beispielhaft an den ersten dreizehn Monaten von Thomas Gottstein als Chef der schweizerischen Grossbank Credit Suisse.

Gottstein flog erst hoch. In der Öffentlichkeit konnte er sich kurz nach Amtsantritt im Februar 2020 schon als Macher in Szene setzen, als notleidende Betriebe schnell Corona-Kredite brauchten. Die Credit Suisse half beim Entwickeln der Strategie und der Umsetzung fleissig mit und strich dies in der Öffentlichkeit hervor. Gottstein durfte im Interview mit der «Schweizer Illustrierten» sagen: «Wir spenden den Gewinn.» Nun ist er krachend auf den Boden gestürzt.

Die Credit Suisse muss 4,4 Milliarden Franken abschreiben auf ihre Geschäfte mit dem Hedgefonds Archegos. Allein im ersten Quartal entsteht so ein Verlust von 900 Millionen Franken. Damit setzt sich im Grossen ein Muster fort, dass sich im Kleinen durch die bisherigen Monate von Gottstein als CS-Chef zog. Er machte Ankündigungen, weckte kleine und grosse Hoffnungen – und konnte sie im Nachhinein nicht einhalten oder bestenfalls nur halbwegs.

Eine neue Ära hätte 2021 beginnen sollen

So machte Gottstein erst im letzten Dezember eine grosse Ankündigung, die er nun mit dem Milliarden-Abschreiber ganz und gar nicht einhalten kann. Gegenüber der Financial Times sagt er, es sei sein Ziel das Jahr 2021 mit einer möglichst reinen Weste zu beginnen. Das kommende Jahr solle eine neue Ära für seine Bank bringen, in der sie in die Offensive gehen und wachsen wolle. Das Finanzblatt titelte:

«Credit-Suisse-Chef verspricht für 2021 eine saubere Weste.»

Gottstein wollte die jüngsten Skandale seiner Bank hinter sich lassen. Einen Monat zuvor hatte die Credit Suisse schon 450 Millionen Franken abschreiben müssen. Auch dieses Geld ging in Geschäften mit einem amerikanischen Hedgefonds verloren. Und namentlich die «Abhör-Affäre» hing noch an der Credit Suisse. Sie hatte den zur Konkurrentin UBS gewechselten angeblichen «Starbanker» Iqbal Khan von Detektiven beschatten lassen.

Der erste neue hässliche Fleck war auf der «sauberen Weste» ehe die «Financial Times» das Interview mit Gottstein veröffentlichen konnte. Die schweizerische Bundesanwaltschaft hatte in der Zwischenzeit eine Anklage gegen die Grossbank veröffentlicht. Sie habe nicht genug getan, um Geldwäscherei zu verhindern. So habe sie einem bulgarischen «Kokain-König» das Geschäften ermöglicht. Nach dem Abschreiber von 4,4 Milliarden ist es endgültig vorbei mit Gottsteins angekündigter «neuen Ära» im Jahr 2021.

Ankündigungen, die sich nur halbwegs einhielten liessen

Hoffnung geweckt, die er nicht recht einhalten konnte, hat Gottstein in seinen ersten dreizehn Monaten noch zwei weitere Male. Beide Male ging es darum, die Bank in der Coronakrise als gute «Corporate Citizens» darzustellen, als gute Unternehmensbürger.

Gottstein bewies zunächst inmitten der Coronakrise viel Feingefühl. Ihm war offensichtlich klar, dass hohe Saläre inmitten einer Jahrhundertkrise schlecht ankommen würden in der Öffentlichkeit. Also spendete er einen Teil seines Fixlohns und sagte abermals der «Financial Times»:

«Es ist zu erwarten, dass die Boni im Vergleich zum Vorjahr sinken werden, und das ist Teil unserer Solidarität und sozialen Verantwortung.»

Dem konnte er nur halbwegs gerecht werden. Die Credit Suisse veröffentlichte für ihn einen Lohn von 8,5 Millionen Franken. Das war zwar weniger als sein Vorgänger Tidjane Thiam erhalten hatte in seinem letzten Jahr. Und von diesen 8,5 Millionen Franken spendete er gemäss seinen Ankündigungen etwa 200'000 Franken. Aber es dürfte in den Augen der Öffentlichkeit kaum taugen als Zeichen von «Solidarität und sozialer Verantwortung». Im Coronajahr hatten gemäss einer Studie Haushalte mit monatlichen Einkommen von weniger als 4000 Franken davon im Schnitt etwa 20 Prozent verloren.

Und im April 2020 hatte Gottstein schon einmal ein feines Sensorium beweisen wollen. Er hatte dem Schweizer Radio und Fernsehen gesagt, er schliesse zurzeit Entlassungen aus: «Wir haben zurzeit die Politik, keine Leute zu entlassen, solange diese Pandemie besteht.» So wolle man die nächsten Wochen und Monate weitermachen. Er schränkte ein, «mittel- bis langfristige Versprechungen» könne er nicht machen. Die mittlere Frist war schnell vorüber. Bereits im August gab die Credit Suisse eine Massenentlassung bekannt. Damals wurde der Abbau auf 500 Stellen geschätzt.

Nun beweist Gottstein abermals Fingerspitzengefühl: Er verzichtet auf jeglichen Bonus für 2021. Und er hat abermals eine Ankündigung gemacht. Nach dem Abschreiber von 4,4 Milliarden Franken gelobt er Besserung: «Wir werden ernsthafte Lehren ziehen.» Diese Ankündigung wird er einhalten müssen und rasch Anzeichen von Besserung präsentieren können. Sonst könnte seine Zeit als Chef der Credit Suisse kurz sein.

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