Immobilien
Die Gefahr hinter dem Evergrande-Debakel: Die grösste Blase aller Zeiten

Keine Firma hat mehr Schulden als der Immobilienentwickler Evergrande, der in Zahlungsnöten steckt. Doch das wahre Problem verbirgt sich dahinter. Wem dies richtig weh tun könnte.

Niklaus Vontobel
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Finden sich noch Bewohner ein: In China stehen gemäss Schätzungen an die 90 Millionen von Wohnungen leer

Finden sich noch Bewohner ein: In China stehen gemäss Schätzungen an die 90 Millionen von Wohnungen leer

Qilai Shen / Bloomberg

Evergrande dominierte gegen Wochenende die Schlagzeilen der Finanzpresse. Chinas zweitgrösster Immobilienentwickler lasse die Anleger im Dunkeln, während es eine entscheidende Frist verstreichen lasse, so die «Financial Times». Ein Zahlungsverzug stehe kurz bevor. Im «Wall Street Journal» gerät PwC unter Beschuss. Der Buchprüfer habe nicht vor Evergrandes hoher Schuldenlast gewarnt.

In der Aufregung geht unter, wofür Evergrande eigentlich steht. Peking hat über drei Jahrzehnte hinweg eine gigantische Immobilienblase entstehen lassen. Wie der ehemalige Chefökonom des Internationalen Währungsfonds, Kenneth Rogoff, in einer neuen Studie schreibt: «Die Ausmasse der chinesischen Immobilienblase sind noch nie da gewesen.»

Noch vor vier Jahrzehnten existierte in China gar kein Immobilienmarkt. Es gab kein privates Wohneigentum. Alles gehörte dem Staat, der entschied, wer wo zu leben hatte. Erst in den Achtzigerjahren entstand allmählich privates Wohneigentum. So fing es an. Wie die Preise seither abgehoben haben, findet Ökonom Rogoff «ziemlich dramatisch».

Heute sind Peking, Schanghai und Shenzhen hoffnungslos überteuert. Gemessen am Einkommen wird fast doppelt so viel bezahlt für Wohnraum wie in London oder dreimal so viel wie in New York. Zuvor hatte sich der Quadratmeterpreis im nationalen Schnitt ab 2002 vervierfacht, in den grossen Städten versechsfacht. Zum Vergleich: In den USA gab es in den Nullerjahren eine Zunahme um 80 Prozent. Dann crashte der Markt. Die Preise fielen. Via den Finanzmarkt wurde die ganze Welt in eine Krise gerissen.

In China ist der gesamte Immobiliensektor überdimensioniert. Wie Rogoff berechnet hat, betrug sein Anteil an der gesamten Wirtschaft zuletzt 29 Prozent (siehe Grafik). Damit können selbst gewaltige Immobilienblasen der jüngeren Geschichte nicht mithalten.

Genug leere Wohnungen für ganz Deutschland

Irland etwa wurde in den Nullerjahren als «keltischer Tiger» gefeiert. Nach dem Crash verloren Hunderttausende ihre Arbeit. In Spanien waren die Grössenordnungen ähnlich wie aktuell in China und die Folgen erschreckend: Die Arbeitslosenquote stieg rekordhoch. Doch Spanien hat die ungleich geringere Bedeutung als China, die zweitgrösste Wirtschaft der Welt. In den USA wurden nie die gleichen Dimensionen erreicht, selbst auf dem Höhepunkt nicht.

Der Boom hat Folgen: Wohnungen stehen leer. In den grossen Städten sind es 17 Prozent, in den kleineren gar 20 Prozent. Was das bedeutet, hat ein Beratungsbüro errechnet: In den leeren Wohnungen hätte es Platz genug für 90 Millionen Menschen. Deutschland oder Italien könnten ihre gesamte Bevölkerung unterbringen.

«Fiktives Wachstum» sei das, schimpfte Chinas Präsident Xi Jinping unlängst. Wohnungen seien dazu da, um darin zu leben, nicht um damit zu spekulieren. Peking will Luft ablassen aus der Blase. Doch das geht nur, wenn es zuvor etwas auf den Müllhaufen der Geschichte wirft: sein erfolgreiches Wachstumsmodell. Laut Schätzungen des US-Ökonomen Michael Pettis war nämlich in den letzten Jahren fast die Hälfte des gesamten Wachstums «fiktiv». Endet der Immobilienboom, wäre es vorbei mit Chinas wundersamen Wachstumsraten.

Und es könnte noch dümmer kommen. Nämlich dann, wenn auf den Boom ein Crash folgt. Andere Länder mussten erleben, wie dann zig Banken in Schieflage geraten und weniger Kredite vergeben. So erging es etwa der Schweiz am Anfang der Neunzigerjahre, den USA und der Eurozone nach der Finanzkrise. Rogoff schreibt, in China sei «eine Anpassung zugleich notwendig und unvermeidlich».

Dennoch probiert Xi, auf ein neues Modell umzustellen. Es soll weniger Geld zu Beton verwandelt werden. Darum gelten nun für Entwickler «drei rote Linien». Wer alle übertritt, erhält keine neuen Kredite. Basta. An Evergrande wird ein Exempel statuiert. Schaut her, liebe Banken, früher hätten wir solchen Kunden von euch sofort geholfen. Das ist vorbei. Vergebt eure Kredite künftig vorsichtiger.

Banken schweigen sich zu den Risiken aus

Doch es ist knifflig. Das gilt selbst für einen Führer wie Xi, der Beamte und Parteimitglieder zwingen kann, eine Sammlung seiner Ideen regelmässig zu studieren. Bleibt er hart, verlieren Kleinsparer alles, mächtige Lobbies rebellieren. Das geht nicht. Zumal er eine dritte Amtszeit anstrebt. Experten glauben, es werde passieren, was bisher immer passierte, wenn wichtige Firmen in Schieflage gerieten: Der Schaden wird aufgeteilt. Am meisten leidet, wer sich am wenigsten wehren kann – wohl ausländische Geldgeber.

Von all dem liest man nichts, studiert man Analysen, die Banken ihren Kunden geben. Ihnen zufolge gibt es keine Risiken, die Chinas Aktienmärkte bremsen könnten. Im Gegenteil, es wird empfohlen, mehr vom Ersparten zu investieren als zuvor. Denn, so heisst es: «Das kluge Geld fliesst bereits in chinesische Vermögenswerte.»

«Es ist, als wären derlei Analysen in einem Paralleluniversum geschrieben worden», sagt George Magnus, früher Chefökonom der Grossbank UBS. Dort gebe es kein Evergrande, keine Immobilienschulden und keine Menschenrechtsverletzungen. Für Magnus ist klar: Es sei kein guter Zeitpunkt, um in China zu investieren. Wer es dennoch tun wolle, solle gründlich darüber nachdenken und sich von unabhängigen Beratern helfen lassen. «Oder die Chancen im Rest der Welt nutzen.»

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