Premium-Kunden

Bello, schweig! Nestlé verkauft neu Mittel, die verängstigte Hunde vom Bellen abbringen sollen

Verängstigte Hunde bellen oft. Für Nestlé sind sie ein lukratives Geschäft.

Verängstigte Hunde bellen oft. Für Nestlé sind sie ein lukratives Geschäft.

Der Nahrungsmittelgigant nimmt die haarigen Vierbeiner als Premium-Kunden ins Visier. Mit angereichertem Futter werden wissenschaftliche Erfolge versprochen. Doch das kostet einiges.

Auch wenn es mal nicht so rund läuft, auf die haarigen Vierbeiner und ihre Besitzer ist Verlass. Tierfutterprodukte sind für Nestlé seit Jahren ein lukratives Geschäft. Denn selbst in Rezessionen gilt: Beim Wohl für Rex und Felix sparen die Kunden zuletzt. Etwa 13 Milliarden, also jeden siebten Franken, setzt der Nahrungsmittelkonzern mit Hunde- und Katzenfutter um. Auch 2019 trug die entsprechende Sparte Purina Pet Foods überdurchschnittlich stark zum Umsatzwachstum bei (siehe Box unten).

Hinter Mars und seinen Produkten wie Sheba und Whiskas ist Nestlé heute der zweitgrösste Tierfutterhersteller der Welt. Wie bei den Mahlzeiten für Menschen, ist Nestlé nun auch bei den Tieren daran, deren Mahlzeiten aufzumotzen mit medizinischen Zusatznutzen. So hat der Konzern neu das Produkt «Calming Care» für Hunde lanciert. Dabei handelt es sich um ein Probiotikum, wie Vorstandsmitglied Stefan Palzer sagt, der bei Nestlé für die technologische Entwicklung zuständig ist. «Es hilft, um Hunde zu beruhigen, die zum Beispiel Angstzustände haben und deswegen viel bellen.»

Höhere Margen als bei Nescafé

Das Produkt soll ängstlichen Hunden bei der Stressbewältigung unterstützen, zum Beispiel wenn das Tier allein gelassen wird, ein unbekannter Besucher anwesend ist oder wenn es neuartige Geräusche hört. Eine Umfrage von Nestlé bei Hundebesitzern habe ergeben, dass 62 Prozent angeben, ihr Tier weise Angstsymptome auf. Verkauft wird «Calming Care» vorerst in den USA und in Kanada. Doch weitere Märkte dürften folgen, denn: «Das Produkt verkauft sich sehr gut», sagt Palzer.

Eine Box à 45 Sachets, die für eine Behandlung über sechs Wochen gedacht ist, verkauft Nestlé auf Amazon für 38 Dollar. Die Marge der Hundemedizin dürfte somit deutlich höher sein als von einer Tasse Nescafé.

Auch Katzen nimmt Nestlé als Premium-Kunden ins Visier. Für sie gibt es bald ein Nahrungsergänzungsmittel, das allergische Stoffe in ihrem Pelz vermindern soll. «Im Schnitt, je nach Rasse, sinkt die Zahl der Allergene, die bei Menschen für allergische Reaktionen sorgen, um 47 Prozent», sagt Palzer. Das Potenzial ist gross. Denn rund 20 Prozent der Menschen ist laut Nestlé auf Katzen allergisch. Bei ihnen beginnen die Augen zu Tränen und für Asthmatiker wird es schwieriger zu atmen.

Das eigentliche Allergen befindet sich ursprünglich im Speichel der Katzen. Doch da sie sich sehr oft selber lecken, geraten sie in ihr Fell. Nestlés Lösung besteht darin, dem Futter einen Antikörper aus Ei beizumischen, um das entsprechende Protein zu reduzieren. Doch wie wissenschaftlich ist das Ganze? Nestlé verweist auf eine Studie, bei denen Kurzhaarkatzen das Produkt während zwölf Wochen verabreicht erhielten. Nach drei Wochen gab es eine «signifikante Reduktion».

Bereits 2018 hat Nestlé den britischen Online-Tierfutterhändler Tails.com übernommen. Dieser stellt für Vierbeiner individualisierte Mahlzeiten zusammen, die den Besitzern per Paket nach Hause geschickt werden. Dafür füllt der Käufer ein Formular aus, um die spezifischen Bedürfnisse seines Haustieres zu definieren, basierend auf Alter, Rasse, Gewicht, Geschmacksvorlieben und möglichen Allergien. Ein Algorithmus bestimmt in der Folge die genaue Rezeptur. Das Unternehmen zählt mehr als 100'000 Kunden.

Schneiders Handschrift wird spürbar

Die diversen, wissenschaftlich basierten Innovationen sind ein Zeichen des Wandels bei Nestlé, seit der Deutsch-Amerikaner Mark Schneider 2017 den Chefposten von seinem Vorgänger Paul Bulcke übernommen hat. Schneider, der zuvor den Medizintechnik und Gesundheitskonzern Fresenius leitete, hat das Tempo beim einst behäbigen Nestlé-Tanker deutlich gesteigert. Allein im vergangenen Jahr hat Nestlé 30 Prozent mehr an Innovationen lanciert. Die Zeit, die es brauchte auf dem Weg von der Forschung und Entwicklung bis zum Verkauf in den Supermärkten, wurde um einen Viertel gekürzt.

«Früher war die Forschungs- und Entwicklungsabteilung für viele Leute bei Nestlé eine Blackbox, die autonom für sich arbeitete», sagt ein Firmeninsider. Schneider habe sie geöffnet und die Kooperation mit anderen Abteilungen, aber auch mit externen Experten und Start-ups gefördert.

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