Flugverkehr

Auch dank Julia Roberts: Über den Wolken wird es weiblicher

Vor allem bei Geschäftsreisen zeigt sich, dass Frauen in der Businesswelt auf dem Vormarsch sind. Beim Buchungsverhalten kommen allerdings Unterschiede zum Vorschein.iStockphoto

Vor allem bei Geschäftsreisen zeigt sich, dass Frauen in der Businesswelt auf dem Vormarsch sind. Beim Buchungsverhalten kommen allerdings Unterschiede zum Vorschein.iStockphoto

Der Anteil weiblicher Flugreisender nimmt in der Schweiz deutlich zu. Ein Grund: Deutlich mehr Frauen sind als Geschäftsreisende im Flugzeug unterwegs.

Reinhard Mey sang nicht die ganze Wahrheit. Über den Wolken ist die Freiheit zwar grenzenlos, doch in der Vergangenheit war sie vor allem eins: männlich. An Bord der Flugzeuge sassen in erster Linie Männer. Dies scheint sich zu ändern, wie die neuste Jahresstatistik des Flughafens Zürich zeigt. Die «Schweiz am Wochenende» hat den Zehn-Jahres-Vergleich beim Passagier-Mix getätigt. Das Resultat: Der Anteil der Frauen in den Flugzeugen nimmt stetig zu. 2007 waren erst 38 Prozent der Passagiere weiblich. Heute sind es 45 Prozent. Weltweit beträgt ihr Reise-Anteil laut einer Studie der George Washington University School of Business sogar rund zwei Drittel.

«Dass die Frauen inzwischen die Flugzeuge ab Zürich praktisch zur Hälfte füllen, überrascht mich nicht», sagt Walter Kunz, Geschäftsführer des Schweizer Reise-Verbands, der rund 700 Reisebüros und -Veranstalter vertritt. «Ich erkläre mir diese Zahl vor allem mit der veränderten Geschäftswelt, in der Frauen zunehmend eine wichtige Rolle spielen, auch auf oberer Ebene.» Früher seien Geschäftsreisen eine reine Männerdomäne gewesen. «Das ist heute definitiv anders», sagt Kunz.

Die Lufthansa-Tochter Airplus, die Geschäftsreisen abwickelt, bestätigt den Trend im Hinblick auf die Schweiz. Zwar dominieren die Männer auf Businessflügen noch immer. Doch 2017 lag der Anteil der Frauen auf Geschäftsreisen zum zweiten Mal in Folge über 20 Prozent – Tendenz steigend.

Bei Airplus heisst es, die Zahlen würden die veränderte Gesellschaft widerspiegeln, in der die klassische Arbeitsteilung Mann/Frau ausgedient habe und mehr Frauen Positionen besetzen, in denen gereist werden müsse. Kommt hinzu, dass Frauen immer einkommensstärker werden. Laut dem Beratungsunternehmen EY verdienen Frauen weltweit 18 Billionen US-Dollar.

Unterschiede zeigen sich laut Airplus beim Buchungsverhalten. So absolvieren Frauen 85 Prozent ihrer Geschäftsflüge in der Economy Class, bei den Männern sind es 82 Prozent. Letztere geben den höheren Klassen häufiger den Vorrang. Während Business-Frauen im Schnitt knapp einen Monat vor Abreise ihr Flugticket buchen, warten Männer vier Tage länger zu.

Auch abseits der Geschäftswelt sieht Verbandschef Walter Kunz Veränderungen: «Viele Menschen reisen zunehmend im hohen Alter.» Bei Frauen, die zudem älter werden als Männer, halte das Reisefieber aber länger an. «Während es Männer aufs Alter hin oftmals gemütlich nehmen und eher zu Hause bleiben, scheuen sich ältere Frauen tendenziell weniger, längere Reisen anzutreten.»

Lieber Mauritius als Botswana

Der Reiseveranstalter TUI Suisse schenkt dem Trend Beachtung. «Wenn es als Familie oder zu zweit in die Ferien geht, bemerken unsere Berater, dass oftmals die Frauen das letzte Wort haben», sagt Sprecherin Bianca Schmidt. Sie verweist zudem darauf, dass Frauen gerne öfter alleine verreisen: «Sie schliessen sich nicht mal unbedingt einer Gruppe an, sondern erkunden ein Land bei einer Rundreise auf eigene Faust.» Diese Lust sei vor allem bei jüngeren Kundinnen zu beobachten. Im kommenden Winterprogramm werde TUI deshalb erstmals die Möglichkeit anbieten, ein halbes Doppelzimmer zu buchen. So könne die Allein-Reisende andere Personen mit den gleichen Interessen kennen lernen.

Bei der Kuoni-Inhaberfirma DER Touristik heisst es, die Anzahl Buchungen von Männern und Frauen würden sich praktisch die Waage halten. Bei den Wunsch-Destinationen seien allerdings divergierende Präferenzen erkennbar: «Die Website unseres Afrika-Spezialisten zählt etwa 45 Prozent weibliche Besucher», sagt Sprecher Markus Flick. «Bei unserem Spezialisten für den Indischen Ozean und Tauchferien weltweit liegt der Anteil der weiblichen Besucher hingegen bei 60 Prozent. Flick folgert: «Die Anziehungskraft des Indischen Ozeans, wo oftmals Hochzeitsreisen gebucht werden, wirkt auf Frauen offenbar stärker als Ferien im wilden Afrika.»

Der Einfluss von Julia Roberts

Die Migros-Reisetochter Hotelplan hat gar eine Studie erstellt: «So verbringen Single-Frauen ihre Ferien.» Demnach zieht es allein reisende Frauen, die zum grössten Teil zwischen 46 und 55 Jahre alt sind, vor allem nach Spanien. An zweiter Stelle liegt Griechenland, gefolgt von den USA, die bei den Single-Männern am höchsten im Kurs sind. Die Studie kommt ausserdem zum Schluss, dass Single-Frauen «nicht nur beim Kleider- und Schuhe-Shopping, sondern auch beim Ferienbuchen» online-affiner sind als Single-Männer. Und sie geben mit durchschnittlich 1350 Franken pro Reise rund 100 Franken mehr aus.

Die Swiss gibt keine genderspezifische Auskunft zur Zusammensetzung ihrer Passagiere. Die Präferenzen seien zu unterschiedlich, sagt Swiss-Sprecher Stefan Vasic. Einzig: «Bei den weiblichen Reisenden stellen wir fest, dass sie mehr Wert auf leichtes Essen legen. Besonders beliebt sei bei ihnen jeweils das vegetarische Menü.»

In China haben einige Flughäfen auf die Zunahme von Frauen auf Reisen reagiert. So hat der Guangzhou Baiyun International Airport 2016 drei Reihen der Sicherheitskontrolle für Frauen reserviert. Laut «China Daily» sollen sie die Privatsphäre der weiblichen Passagiere beschützen. Die Kontrollen werden ebenfalls nur von Frauen durchgeführt. Auch Schanghais Flughafen hat getrennte Kontroll-Reihen.

In den USA gibt es Hotels, die einzelne Etagen für Frauen reserviert haben. Die «Indigo»-Kette lancierte Zimmer mit grösseren Badezimmern und farbigerem Design, das speziell Frauen ansprechen soll. Die «Kimpton»-Hotels haben Dampf-Glätter für Kleider, Make-up-Entferner und kostenlose Tragtaschen mit Yoga-Ausrüstung im Angebot. Und in den «Palace Resorts» finden Frauen spezielle Luxus-Haarprodukte und Haarglätter.

Laut dem «Boston Globe» hatten nicht zuletzt erfolgreiche Hollywood-Filme wie «Under the Tuscan Sun» (2003) und «Eat, Pray, Love» (2010) einen Einfluss auf den Buchungsboom gehabt. Im ersten Film zieht eine Single-Frau spontan nach Italien, und im zweiten bereist Julia Roberts nach der Scheidung die Welt. Vor allem Frauen der Millennial-Generation, die zwischen 1980 und 2000 geboren sind, gelten laut Experten als reise-affin. Sie sind als Kinder bereits mit den Eltern verreist oder haben im Ausland studiert und haben oftmals in verschiedenen Ländern Freunde.

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