Arbeitsmarkt
Wer muss stempeln? Neue Zahlen aus Bundesbern zeigen, wie die Arbeitnehmer durch die Coronakrise kommen

Nach einem Jahr mit Corona sind in der Schweiz rund 50'000 Personen mehr bei den Regionalen Arbeitsvermittlungszentren gemeldet. Die wichtigsten Fragen und Antworten.

Niklaus Vontobel
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Der Gang zum Arbeitsamt: Die Coronakrise zwingt Tausende dazu.

Der Gang zum Arbeitsamt: Die Coronakrise zwingt Tausende dazu.

Bild: Matthias Jurt (Zug, 24. Februar 2021) / Luzerner Zeitung

Wie haben sich die Arbeitslosenzahlen verändert?

Ende Februar waren in der Schweiz genau 167'953 Personen bei den Regionalen Arbeitsvermittlungszentren als arbeitslos gemeldet. Das hat das Staatssekretariat für Wirtschaft heute vermeldet. Gemäss Seco liegt damit die Arbeitslosenquote in der Schweiz bei 3,6 Prozent.

Sind das gute oder schlechte Neuigkeiten?

Das kommt darauf an. Es ist wahrscheinlich besser, als es die Bevölkerung erwartet hat. So sieht es zumindest Boris Zürcher, Leiter der Direktion Arbeit beim Seco: «Zwischen der öffentlichen Stimmung und der tatsächlichen Situation auf dem Arbeitsmarkt stelle ich eine Differenz fest.» Sprich, die Situation ist weniger schlimm, als es die öffentliche Stimmung ist.

Diese Einschätzung von Zürcher kommt einmal daher, dass eine grosse Welle von Firmenkonkursen bisher ausgeblieben ist. Bis Ende Januar 2021 sei kein deutlicher Anstieg an Konkursen oder Insolvenzen festzustellen, so das Seco in einer Kurzanalyse. In der Finanzkrise war dies noch anders: die Zahl der Konkurse stieg um 40 Prozent. Auch eine Zunahme von Massenentlassungen ist gemäss Seco nicht festzustellen.

Mag nicht Schwarz malen: Seco-Direktor Boris Zürcher

Mag nicht Schwarz malen: Seco-Direktor Boris Zürcher

Peter Schneider / KEYSTONE

Boris Zürcher stellt sich weiterhin gegen düstere Szenarien. Schon einmal bekam er damit Recht. Im Sommer 2020 wurde noch mit einer Krise gerechnet in der Grössenordnung der Erdölkrise in den 1970er-Jahre. Zürcher erkannte aber früh, dass es nicht ganz so schlimm kommen würde. Damals sagte er: «Ich erachte dies heute als ein zu pessimistisches Szenario.»

Am Ende gab es nicht einen Wirtschaftseinbruch von über 6 Prozent, wie befürchtet. Mit einem Minus von 2,9 Prozent ist der Einbruch jedoch tiefer als in der Finanzkrise von 2008. Im internationalen Vergleich kam die Schweiz noch gut weg. Deutschland oder Österreich erging es deutlich schlechter.

Wirtschaftseinbruch im Vergleich

Bruttoinlandprodukt im 4. Quartal 2020 zu 4. Quartal 2019
-10-8-6-4-20SchweizUSADeutschlandFrankreichEuroraumItalienUKÖsterreichSpanienLänder

Wie viel Schaden richtet die Coronakrise an?

Unbestritten ist, dass die Arbeitsaussichten weit besser wären ohne Coronakrise. Gemäss den Seco-Zahlen waren im Februar rund 50'000 Personen mehr bei den Regionalen Arbeitsvermittlungszentren (RAV) gemeldet, als noch ein Jahr zuvor – als die Coronakrise noch nicht durchgeschlagen hatte.

Und die neuen Zahlen des Seco erfassen nur Personen, die sich bei einem RAV angemeldet haben. Diese Erhebung liefert monatlich Daten über den Trend am Arbeitsmarkt. Jedoch wird die Zahl von Jugendlichen und Langzeitarbeitslosen unterschätzt. Das Niveau der Arbeitslosigkeit wird darum von einer anderen Kennzahl besser erfasst: der Erwerbslosenquote. Diese stieg zuletzt an auf 5,2 Prozent – ein Allzeitrekord. Demnach waren 246'000 Menschen ohne Arbeit.

Und auch diese Zahl zeigt kein vollständiges Bild. Denn auch die Zahl der Unterbeschäftigten ist gestiegen. Derzeit sind 384'000 Menschen, die eigentlich mehr Arbeit möchten. Das entspricht 7,7 Prozent aller Erwerbspersonen. Nimmt man die Arbeitslosen zusammen mit den Unterbeschäftigten, haben rund 630'000 Menschen keine oder zu wenig Arbeit – das ist jede achte Erwerbsperson.

Wer muss zum Arbeitsamt?

Das Seco erhebt ja direkt bei den Regionalen Arbeitsvermittlungszentren, welche Personen eine neue Stelle suchen müssen. Dabei zeigt sich leider ein sehr klares Bild: die Gastronomie trifft es mit Abstand am härtesten. Im Branchenvergleich landet die Gastronomie auf dem obersten Platz, wenn man auf den Anstieg der Arbeitslosenzahlen schaut. Im Vergleich zum Februar 2020 sind 9566 mehr Personen bei einem RAV registriert. Im Detailhandel sind es 4000 Personen mehr – immer noch eine hohe Zahl, aber nicht einmal die Hälfte der Gastronomie.

Vorjahres-Vergleich: Neu beim RAV gemeldete Personen

Anzahl bei Regionalem Arbeitsvermittlungszentrum gemeldete Personen im Vergleich zum Vorjahr
0200040006000800010000GastgewerbeDetailhandelBaugewerbeSonstige ServicesFreiberufliche ServicesGesundheits- und SozialwesenVerkehr und TransportGrosshandelBanken und VersicherungenElektrotechnik, UhrenBranche

Die Gastronomie erreicht auch den traurigen Spitzenplatz, wenn man auf die Arbeitslosenquote gemäss Seco schaut. Diese Zahl zeigt, auf welchen Anteil die arbeitslosen Personen kommen gemessen am Total der Erwerbspersonen in diesen Branchen. Im Gastgewerbe sind es über 10 Prozent. Ebenfalls viel zu leiden hat gemäss diesem Kriterium die Uhrenbranche: sie kommt auf eine Arbeitslosenquote von 7,2 Prozent.

Arbeitslosenquoten

Branchen mit den höchsten Arbeitslosenquoten im Februar 2021
0246810GastgewerbeUhrenBaugewerbeKunststoffwarenTextilien und BekleidungNahrungsmittelindustrieMetallbrancheDetailhandelDruckgewerbeFahrzeugbauBranche

Wie geht es weiter?

«Die Unsicherheit bleibt gross», sagte Boris Zürcher. Es ist schwierig, aus den neuesten Zahlen einen Trend für die kommenden Monate herauszulesen. Die Arbeitslosenquote gemäss Seco sank zwar leicht um 0,1 Prozentpunkte. Aber was sagt das aus für die kommenden Monate? Wird herausgerechnet, wie sich die Saison auswirkt, dann stieg die Arbeitslosenquote gemäss Seco gar um 0,1 Prozentpunkte.

Und der Arbeitsmarkt läuft im Allgemeinen der Konjunktur hinterher. Mit dieser ging es im Coronajahr rauf und runter wie auf einer Achterbahn. Im zweiten Quartal sauste sie abwärts, im dritten wieder hoch. Im vierten Quartal stand sie still, die zweite Welle hat die Aufwärtsbewegung gestoppt. Wie sich das Rauf-und-Runter in den kommenden Monaten auswirkt, darüber können die Konjunkturexperten einstweilen nur rätseln. Viel hängt davon ab, wie schnell - oder wie langsam - es nun mit den Impfkampagnen vorwärts geht.

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