World Wide Web

Angst vor dem Ausverkauf des Internets: Netzaktivisten kämpfen gegen Hedgefonds

In Los Angeles protestierten im Januar Aktivisten gegen den Verkauf der Webseiten-Endung «.org»

In Los Angeles protestierten im Januar Aktivisten gegen den Verkauf der Webseiten-Endung «.org»

Die Website-Endung «.org» soll an den Investor Ethos Capital verkauft werden. Dagegen regt sich Widerstand.

Wenn man im Internet eine Website ansteuern will, muss man ähnlich wie bei einem Navigationsgerät eine Adresse eingeben. Neben den längst nicht mehr obligatorischen Kürzeln «https» und «www» ist dies der Name sowie die Endung, die sogenannte Domain. Mittlerweile gibt es 350 Millionen solcher Domains. Die bekanntesten sind die sogenannten Top-Level-Domains. Dazu gehören zum Beispiel länderspezifische Kennungen wie .de, .at oder .ch. Oder generische Endungen wie .gov, die für US-Regierungsbehörden vorbehalten sind. Man kann es sich wie Grundstücke im Cyberspace vorstellen, auf denen Website-Bastler oder Institutionen ihre virtuelle Repräsentanz errichten.

Eines dieser Grundstücke, die Top-Level-Domain .org, ist eine der nobleren Adressen. Sie ist für nicht kommerzielle Organisationen vorgesehen und soll nun an einen Hedgefonds verkauft werden. Dagegen regt sich erbitterter Widerstand von Netzaktivisten: Sie befürchten einen Ausverkauf des World Wide Web und einen Verrat an seinen Gründungsidealen. Im Netz wurde eine Petition gestartet, die Online-Enzyklopädie Wikipedia, eine der prominentesten Adressen mit .org, hat öffentlich protestiert. Auch die demokratische Präsidentschaftsbewerberin Elizabeth Warren hat sich gegen den Verkauf ausgesprochen.

Obergrenze für die jährliche Gebühr wurde gestrichen

Die Domain-Endung wird seit 2003 von einer Agentur namens Public Interest Registry vergeben, die wiederum der Non-Profit-Organisation Internet Society gehört. Die Agentur hat 2013 mit der ICANN, einer Art oberste Verwaltungsbehörde des Internets, einen Vertrag geschlossen, der eine Obergrenze für die Domaingebühren von 8.25 Dollar im Jahr vorsieht (mit einer jährlichen Steigerungsmöglichkeit von maximal zehn Prozent). Kunden zahlen also eine effektive «Jahresmiete» zwischen 10 und 20 Dollar pro Jahr. Als der Vertrag im Juni 2019 auslief, einigten sich beide Parteien auf eine Streichung der Deckelungsvorschrift. Der Weg für einen Verkauf und eine Kapitalisierung der Adressen war damit frei. Schnell fand sich ein Investor: der Hedgefonds Ethos Capital. Dieser war bereit, 1,1 Milliarden Dollar für die Domain auf den Tisch zu legen.

Für die zehn Millionen Websites, die auf .org enden, könnten nun unruhige Zeiten anbrechen. Nicht nur könnte der neue Investor kräftig an der Preisschraube drehen und Wartungsdienste einschränken, sondern auch Nutzerdaten verkaufen oder Sites unter dem Druck autoritärer Regime sperren.

Manch einer glaubt, in dem Geschäft gar die Anzeichen einer Gentrifizierung des Internets zu sehen: Ein geldgieriger Immobilienmakler verkauft lukrative Grundstücke und Adressen an den meistbietenden Investor, der die Preise erhöht und renitente Mieter kurzerhand rauswirft. Natürlich kann Ethos Capital nicht einfach so Adressen zusammenstreichen. Bedenkt man aber, woher die Internet-Bewegung kommt, ist der Verkauf einer gemeinnützigen Domain an einen Hedgefonds ein schwerer Schlag. Sarah Roth-Gaudette, Direktorin der Organisation Fight for the Future, nannte die Domain das «Symbol eines öffentlichen Guts».

Finanzielle Interessen stehen im Vordergrund

Vor dem Hauptgebäude der ICANN in Los Angeles protestierten kürzlich Internetaktivisten gegen den Verkauf der .org-Domain. Die 1998 gegründete Behörde, die zuweilen als «Weltregierung des Internets» bezeichnet wird, steht schon länger im Kreuzfeuer der Kritik. Manche argumentieren, die Organisation überschreite ihr technisches Mandat, andere halten die private Aufsicht für undemokratisch oder gar illegitim. Die Zeitung «Guardian» verglich die Organisation einmal mit der Fifa. Und die hat bekanntlich nicht den besten Ruf.

Dass bei der Vergabe von Domains finanzielle Interessen im Vordergrund stehen, hat die ICANN in der Vergangenheit häufiger bewiesen. So hat die Organisation bei der Auktion verschiedener Registrierungen 60 Millionen Dollar eingespielt und trotz anfänglicher juristischer Bedenken die Domain .sucks (ein vulgärer Ausdruck für nerven) freigeschaltet.

Die Vergabeprozedur ist langwierig und komplex. Allein die Antragsgebühr beläuft sich auf 185000 Dollar. Für Konzerne sind das Peanuts, kleinere Vereine stellt das aber vor grosse finanzielle Schwierigkeiten. Im Streit um die Domain ­.amazon entschied der ICANN-­Vorstand im letzten Jahr zugunsten des Online-Händlers und damit gegen die Amazonas-Anrainerstaaten, welche die Domain als Platz geschützt sehen wollten, der keinem Urheberrecht unterliegt. Die brasilianische Regierung warnte in der Anhörung, dass die Domain «in keinem Fall das Monopol eines Konzerns» werden dürfte.

Amazon hatte sich 2012 neben zahlreichen anderen Unternehmen wie Google und Apple bei der ICANN mit einer Reihe von Domain-Vorschlägen beworben (neben .amazon unter anderem mit .news und .app). Die Domain .amazon gehört nun zum Imperium von Jeff ­Bezos, dem Chef und Gründer des US-Konzerns. Gut möglich, dass in Zukunft noch weitere Strassennamen im digitalen Wegnetz gesponsert werden – und die Privatisierung des digitalen Raums voranschreitet.

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