Banken
Aktienanalysten wandeln auf einem schmalen Grat

Die Beispiele Wirecard und Swissair zeigen: Unkritische Analysten sind schlecht für die Bankkunden, kritische Analysten sind unangenehm für die Chefs.

Daniel Zulauf
Daniel Zulauf
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Ein Analyst, der vor dem Milliardenverlust der Swissair warnte, wurde postwendend entlassen.

Ein Analyst, der vor dem Milliardenverlust der Swissair warnte, wurde postwendend entlassen.

Steffen Schmidt / KEYSTONE

Der Milliardenkonkurs des deutschen Zahlungsdienstleistes Wirecard hat auch hierzulande vielen Anlegern empfindliche Verluste bereitet. Einige meldeten sich mit ihren Schadenersatzforderungen für den erlittenen Totalverlust wutentbrannt beim Bankenombudsman (wir haben am 2. Juli darüber berichtet). Doch zu retten gibt es für die glücklosen Anleger nicht mehr viel. Sie hätten sich anhand der öffentlich verfügbaren Informationen selbst ein Bild über Wirecard machen sollen, befand auch der Streitschlichter.

Es waren in der Tat genügend Informationen vorhanden, welche geeignet waren, die geprellten Investoren in ihrem Übermut zu bändigen. Doch fairerweise muss man sagen, dass sich auch vermeintliche Aktienprofis von dem betrügerischen Geschäftsmodell von Wirecard gänzlich blenden liessen.

«Unprofessionelle Nähe »

Der Fall von Heike Pauls, einer Aktienanalysten der Frankfurter Commerzbank, macht derzeit gerade die Runde. Die Frau hatte die Wirecard-Aktien, die jetzt noch bei 37 Euro-Cents verkehren, im Januar 2020 mit einem Kursziel von 230 Euro zum Kauf empfohlen. Noch im Mai des gleichen Jahres, nur wenige Wochen bevor die Firma ihren überfälligen Jahresbericht publizieren und den Beschiss eingestehen musste, hatte die Analystin ihre Einschätzung noch einmal bekräftigt.

Anfang 2021 wurde sie entlassen – aus guten Gründen, wie die Commerzbank dem Arbeitsgericht darlegte. Sie habe in ihrer Arbeit eine «unprofessionelle Nähe» zu dem Unternehmen gepflegt. So hatte sie im Januar 2020 die warnenden Enthüllungen eines Financial-Times-Journalisten als «Fake-News» bezeichnet und - schlimmer noch - exklusive Informationen aus Gesprächen mit kritischen Investoren direkt an den Finanzchef weitergeleitet.

Dieser war also vorgewarnt. Vielleicht hat Wirecard deshalb etwas länger überlebt und den Schaden für die Anleger damit noch vergrössert. Wie dem auch sei: Die Richter erachteten die Entlassung von Heike Pauls diese Woche als unwirksam. Offenbar wurde ihrem Begehren auf Kündigungsschutz und dem Antrag auf Weiterbeschäftigung Rechnung getragen. Die Urteilsbegründung liegt freilich noch nicht vor. Die Chancen der Analystin auf eine Abfindung durch die Commerzbank sind im Urteil einer Prozessbeobachterin aber deutlich gestiegen.

Für die Bank ist dieses Urteil ein Problem. Sie wird sich in Zukunft dreimal überlegen müssen, ob sie eine Analystin entlassen kann, selbst wenn diese, wie im vorliegenden Fall, die Distanz zum Objekt ihrer Analyse völlig verloren hat. So erhält der beim Ombudsmann vorstellig gewordene Investor Nahrung für seinen unbewiesenen und unerhörten Verdacht, dass an der Börse Missetäter und Banken bisweilen gemeinsame Sache gegen die Anleger machen.

«Shoot the Messenger»

Allerdings gibt es auch genügend Beispiele, die solche (Verschwörungs)-Theorien widerlegen. Besonders prominent ist der Fall von Christopher Chandiramani, einem früheren Analysten der Credit Suisse, der exakt vor 21 Jahren eine Bombe platzen liess, als er die Anleger vor unmittelbar bevorstehenden Milliardenverlust der Airline warnte. Der Aktienkurs brach ein und Chandiramani erhielt postwendend die Kündigung.

Swissair und Credit Suisse waren via Geschäftsleitung und Verwaltungsrat verbandelt. In diesem Fall ging es um unprofessionelle Nähe in der Teppichetage und nicht beim Analysten. Auch dieser wehrte sich erfolgreich vor Arbeitsgericht und erhielt eine Abfindung von 200'000 Franken zugesprochen. Im Oktober 2001 war es um die Swissair endgültig geschehen. Aus Investorensicht wäre dem kritischen Analysten eine grosszügigere Abfindung zu gönnen gewesen. Immerhin waren die SAir Group Aktien im Juli 2000 immer noch im SMI, dem Index der 20 wertvollsten Börsenfirmen der Schweiz, enthalten.

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