Geldanlage
54'000 Kleinanleger bangen um ihr Geld – mittendrin: eine Schweizer Firma

Eine Million Schiffscontainer sind nicht auffindbar. Die Firma P&R droht abzusaufen. Für Kleinanleger droht ein enormer Schaden.

Philipp Felber
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1,6 Millionen Container sollten da sein, doch die Firma P&R hat bloss 600'000 in ihrem Besitz – Zehntausende Anleger bangen um ihre Einlage.

1,6 Millionen Container sollten da sein, doch die Firma P&R hat bloss 600'000 in ihrem Besitz – Zehntausende Anleger bangen um ihre Einlage.

REUTERS

Das Geschäft der P&R lief über Jahrzehnte wie geschmiert. Generationen von Kleinanlegern stecken seit den 1970er-Jahren ihr Geld in die Firma. Sie investierten vierstellige Beträge in den Kauf eines Containers. So kostete 2014 ein 20 Fuss grosser Standardcontainer für die Anleger rund 2400 Euro. Treuhänderisch übernahm P&R den Erwerb der normierten Stahlbox wie auch die Vermietung an Logistikunternehmen. Ein Teil der Miete der Logistikunternehmen floss als Rendite zum Kleinanleger zurück. Doch nun droht P&R abzusaufen.

Ein finanzieller Schaden von 3,5 Milliarden Euro ist möglich. 54'000 Kunden bangen um ihre Einlage. Dreh- und Angelpunkt ist eine Schweizer Firma mit Sitz in Zug. Wenn sich auch diese Firma als marode herausstellen sollte, sind die Einlagen der Kleinanleger erst recht gefährdet.

Seit vergangener Woche ist klar: Von den 1,6 Millionen Containern, die von Kleinanlegern im Verlauf der Jahre gekauft worden sind, sind in den Firmenbüchern nur gerade 618'000 vorzufinden. Eine Million fehlen. Wie viele P&R-Container real unterwegs sind, ist unbekannt. Bereits im Jahr 2010 fehlten 600'000 Container.

Die P&R mit Hauptsitz in Deutschland hat sich zu einem komplexen Firmenkonstrukt entwickelt. Seit 2017 laufen die Geschäfte über die P&R Transport Container GmbH. Doch diese stellte vor Monatsfrist Antrag auf vorläufige Insolvenz. Sie folgte vier andern Firmen aus dem P&R-Konstrukt, die denselben Antrag stellten. Aktiv ist von P&R nur noch eine Firma: die P&R Equipment & Finance Corp. in Zug.

Schweiz: Dreh-und Angelpunkt

Der Schweizer Ableger hatte innerhalb von P&R eine herausragende Stellung. In Unterlagen zu einem Containerangebot für Kleinanleger lässt sich nachvollziehen, wie das Geschäft konkret ablief. Anleger gingen mit der deutschen P&R einen Kauf- oder Mietvertrag ein. Diese kaufte oder mietete über einen Rahmenvertrag bei der Zuger Firma die Container. Der Schweizer Ableger stand wiederum direkt in Kontakt mit Containerleasinggesellschaften. Umgekehrt flossen Leasinggebühren von dort über die Firmen in Zug und in Deutschland zu den Anlegern zurück. So die Theorie.

Doch nun zeigt sich, dass nicht für alle Verträge zwischen Anlegern und P&R tatsächlich Container angeschafft oder diese zu früh wieder verkauft wurden. Dieser Umstand wird auch von der Staatsanwaltschaft München untersucht. Im Raum steht ein Betrugsverdacht. Warum es soweit kommen konnte, dass nur so wenige Container vorhanden sind, sei momentan Gegenstand der Ermittlungen, wie es in einer Medienmitteilung der vorläufigen Insolvenzverwalter heisst.

Ein Beispiel eines Anlegers zeigt die Masche, mit der P&R arbeitet. Wer einen Container kaufte, erhielt nur auf Nachfrage ein Kaufzertifikat. Automatisch wurde der Kaufbeleg nicht ausgestellt. Das bedeutet, dass die meisten Anleger keinen vorweisen können. Auf dem Zertifikat vermerkt ist die konkrete Container-Kennnummer. Zudem heisst es, dass der Container seit dem 30. 6. 2014 im Besitz des Anlegers sei. Ein Blick in eine Schiffscontainer-Datenbank zeigt jedoch: Genau dieser Container wurde erst im Jahr 2015 gebaut und im Mai 2015 vermietet.

Der Fall, den die deutsche Anwältin Jana Narloch vertritt, ist nicht der einzige seiner Art. In den vergangenen Monaten sind zahlreiche solcher Fälle vermeldet worden. Der Verdacht liegt nahe, dass erst auf nachdrücklichen Wunsch der Anleger ihnen ein Container zugewiesen wurde. So fiel seit Jahren gar nicht auf, dass eigentlich zu wenige Container da sind.

Unterschrieben ist das Zertifikat von Heinz Roth, dem Gründer von P&R. Dieser hat im Jahr 2016 die Geschäftsführung übergeben. Bei der Zuger Firma wurde er bis Anfang dieser Woche als Mitglied des Verwaltungsrats geführt. Er war für ein Gespräch nicht zu erreichen. Wie einer Mitteilung des Handelsregisters zu entnehmen ist, schied Heinz Roth diese Woche aus dem Schweizer Geschäft aus. Für ihn rutscht ein Schweizer Wirtschaftsprüfer in die Firma rein. Die Massnahme ist angeregt vom Insolvenzverfahren in Deutschland.

«Sollte sich bestätigen, dass es die überwiegende Anzahl der Container nicht gibt und dass bereits seit zehn Jahren Verträge mit Anlegern über nicht existente Container geschlossen wurden, dürfte es sich um einen der grössten Anlagebetrugsfälle in Deutschland handeln», sagt Anwältin Jana Narloch. Es sei dann auch aufzuklären, wie es möglich war, ein so gigantisches Betrugsmodell über Jahre hinweg aufrechtzuerhalten. «Die Politik muss sich dann fragen lassen, warum es keine ausreichenden Schutzinstrumente gibt, um die Vernichtung von Privatvermögen in Milliardenhöhe zu verhindern», sagt Narloch.

Firmen auf Bermudas

Die Geschäfte beim Schweizer Ableger laufen derweil weiter. Anrufe bei P&R in Zug werden entgegengenommen. «Ja», die Firma laufe noch, heisst es. Und «nein», konkrete Fragen könne man mit Verweis auf die Insolvenzverfahren in Deutschland nicht beantworten. In Deutschland wird im Zuge der Insolvenzverhandlungen auf die Wichtigkeit der Schweizer Firma hingewiesen. Würde auch sie Pleite gehen, seien alle Besitztümer der Firma gefährdet. Und damit auch das Geld der Kleinanleger. Denn: Auch wenn eine Million Container fehlten, noch sei viel Geld bei der Zuger Firma gebunden, heisst es in einer Medienmitteilung der Insolvenzverwaltung.

Der Schweizer Ableger führt zudem zu zwei Firmen, welche auf Bermudas gelistet sind. Spuren dieser «MC Holdings 1» und «MC Holdings 2» finden sich gemäss «Süddeutscher Zeitung» in den geleakten Paradise Papers. Dazu teilt ein Anwalt der Firma der «Süddeutschen Zeitung» mit, die MC Holdings seien zum Erwerb eines grösseren Containerportfolios gegründet worden. Recherchen dieser Zeitung zeigen, dass zumindest «MC Holding 2» ihre Geschäftstätigkeit am 21. Februar 2018 beendet hat.

Derzeit laufen Bemühungen von zwei vorläufigen Insolvenzverwaltern, die unübersichtliche Lage im Anlagewirrwarr von P&R zu durchschauen, um den finanziellen Schaden für die Anleger klein zu halten. Dafür würden auch die Geschäfte in der Schweiz überprüft. Ein Problem: Die Datensysteme der Firmen seien nicht miteinander verbunden, heisst es in einer Medienmitteilung der Insolvenzverwaltung. Noch ist also nicht klar, wie viel Geld der Kleinanleger verloren ist. Was sicher ist: Container als Kapitalanlage dürften in Zukunft schwieriger verkauft werden.

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