Bildung
«Wir sind an mehr Maturanden nicht interessiert»

Martin Fischer, ser Co-Rektor des Gymnasiums Oberaargau gibt seinen Posten ab und wechselt nach Bern. Im Interview sagt er, warum er nicht so viele Maturanden wie möglich haben will.

Urs Byland
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Zum Umzug bereit: Martin Fischer verlässt das Gymnasium Oberaargau Ende Januar. uby

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Solothurner Zeitung

Seit 42 Jahren ist mit Unterbrüchen das Gymnasium Langenthal der Mittelpunkt im Leben des abtretenden Co-Rektors Martin Fischer. Hier machte er seine Matur und arbeitete später als Lehrer. Er wechselt auf den 1. Februar an den Campus Muristalden, eine private Schule, die vom Staat unterstützt wird.

Im Rückblick erklärt Fischer nochmals die spezielle Konstruktion des Gymnasiums Langenthal: In den 1960er-Jahren wurden das Gymnasium sowie das Seminar Langenthal gegründet und die Gebäude auf der Südseite der Weststrasse erstellt. Ziel war es, die «Bildungsreserve vom Land» zu rekrutieren, wie Fischer weiss. «Beinahe etwas revolutionär hat das Volk beschlossen, für Seminar und Gymnasium einen gemeinsamen Campus zu errichten», sagt er.

Ab den 1980er-Jahren plante der Kanton eine neue Lehrerbildung. Die Lehrer sollten nicht an Mittelschulen, sondern an Hochschulen ausgebildet werden. 2002 wurde das Seminar in Langenthal aufgelöst. Schon vorher wurde ein Teil des Seminars in ein neues Gymnasium umgewandelt, denn: Durch den Wegfall des Seminars gab es mehr junge Leute, die den Weg der gymnasialen Ausbildung wählten. Das neue Gymnasium war die Neue Maturitätsschule Oberaargau mit Martin Fischer als Rektor. Diese wurde bereits ab 1995 so aufgegleist, dass die spätere Fusion der beiden Gymnasien nicht schwierig sein sollte. «Letztlich sind aber nicht die Strukturen entscheidend, sondern die Lehrer. In welchem Rahmen die Ausbildung abläuft, ist für mich zweitrangig.»

Sie unterrichten welches Fach?

Martin Fischer: Mathematik. Ich hatte als Rektor immer mindestens eine Klasse.

Werden Sie auch an Ihrer neuen Arbeitsstelle unterrichten?

Ja. Der Kontakt zur Basis ist mir wichtig.

Sie sind nicht nur Lehrer, sondern als Rektor auch zum Unternehmer der Firma Gymnasium geworden. Wie haben Sie diese Entwicklung erlebt?

Ich habe nicht das Gefühl, ich sei in erster Linie Manager. Unsere Aufgabe ist nach wie vor eine pädagogische. Aber wir haben noch das Bildungszentrum, wo das Gymnasium mit der Berufsschule unter ein Dach in einen Verbund gebracht wurde. Da haben wir Teile davon als Unternehmen
betrachtet und beispielsweise versucht, die Weiterbildung selbsttragend anzubieten. Heute macht dies weitgehend die kaufmännische Berufsschule.

Das heisst, dass das gemeinsame Angebot nicht im Markt angekommen ist?

Ja, das stimmt. Wir machen uns aber Überlegungen, wieder zu dieser Struktur zurückzugehen und ein
Angebot für die Weiterbildung anzubieten.

Haben Sie als Gymnasium eine Konkurrenz?

Auf jeden Fall. Bis vor 15 Jahren gab es nur die gymnasiale Matur. Inzwischen wird die Berufsmatur oder die Fachmatur angeboten. Alle drei Matura führen zu Hochschulen, nicht als Königsweg in die gleiche, aber in eine tertiäre Ausbildung. Diese Situation ist neu. Ich bin nicht betrübt wegen dieser Konkurrenz. Eine Zeit lang hatte man das Gefühl, zu viele Leute wählen den gymnasialen Weg. Die neue Situation gefährdet das Gymnasium sicherlich nicht, aber auch wir müssen uns positionieren. Damit bei den Eltern keine Verwirrung ausgelöst wird und diese genau wissen, welche Ausbildung für ihr Kind mit seinen Neigungen die richtige ist.

Ausländer staunen, dass nur 21 Prozent der Schweizer Kinder die Matur machen. Was sagen Sie denen?

Im Oberaargau sind es sogar nur etwa 15 Prozent.

Wollen Sie als Gymnasium-Rektor nicht so viele Maturanden wie möglich?

Nein. Hier geht es um die Gesamtsicht und da stellt sich die Frage: Wie viele Leute brauchen wir mit einer universitären Ausbildung? Das sind auch die Leute, die ein Gymnasium besuchen sollen. Ich finde die Verteilung im Moment gut. Wir sind nicht interessiert, mehr Leute am Gymnasium zu haben, weil sonst auch eine Qualitätsproblematik entsteht. Heute wird aber niemandem etwas verbaut, wenn er nicht ins Gymnasium geht. Er hat immer noch die Möglichkeit, nach einer Lehre die Berufsmittelschule 2 zu machen und danach ebenfalls zu studieren. Wir haben eines der flexibelsten Systeme, das es überhaupt gibt.

Immer ein Thema ist die Benachteiligung der Land- gegenüber der Stadtkinder.

Ist das eine Benachteiligung? Ich denke, es ist eher eine Tradition, dass man auf dem Land weniger den universitären Weg einschlägt, als eben ein Handwerk erlernen will.

Jetzt beenden Sie eine zehnjährige Co-Leitung des Gymnasiums. Ist damit die Fusion der beiden Gymnasien abgeschlossen?

Auf jeden Fall. Das war sicher die unproblematischste Fusion im Kanton. Andernorts befahl es der Kanton. Wir beschlossen es selber.

Sie wechseln an den halbstaatlichen Campus Muristalden. Was ändert sich?

Es ist natürlich eher ein Unternehmen.

Ihnen wurde gratuliert zu diesem Aufstieg. Empfinden Sie den Wechsel als einen Aufstieg?

Nein, das ist es nicht. Es ist eine total andere Aufgabe. Zum Credo der Schule gehört es, mehr Zeit für die Schüler zu haben.

Diese zusätzliche Zeit bezahlen die Eltern mit ihren Beiträgen.

Ja, aber ich komme von aussen. Ich muss erst schauen, dass die Bilanz stimmt.