Upcycling
Was die einen nicht mehr brauchen, ist für andere eine Goldgrube

Wie aus 5 Franken 180 werden: Der Inhaber des Gebrauchtmöbelgeschäfts «Möbel Zürich» weiss, in welcher Brockenstube Design-Klassiker zu finden sind, die sich nach einer Restaurierung für ein Vielfaches verkaufen lassen — eine Tour durch die Region.

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Gebrauchtmöbelgeschäft «Möbel Zürich»
14 Bilder
Im Schlieremer Brockiland ist Ernst ein alter Bekannter
Hätten diese Lampen horizontale Schirme, kämen sie für Ernsts Geschäfte in Zürich infrage
Auch dieser Tisch ist schwierig loszuwerden
Dieser De-Séde-Schemel kann Ernst für ein Vielfaches verkaufen
Auch dieser Häfeli-Stuhl wird in Ernsts Laden für das Dreifache den Besitzer wechseln
Die Besitzerin des Brockiland kennt Ernst bereits von früher
Die Ausbeute nach der ersten Station beim Streifzug durch Limmattaler Brockenstuben
Diese Küchenwaagen könnten sich laut Ernst zu einem Trend entwickeln
Ein kleiner Schwatz bevor es weiter geht
Das Brockiland in Dietikon ist die zweite Station der Tour
Hier entdeckt Ernst ein Sofa, das ihn an den Barcelona-Chair erinnert
Einer seiner Händler bot ihm diesen riesigen Blumentopf für 300 Franken an
Letzt Station in der Silbern

Gebrauchtmöbelgeschäft «Möbel Zürich»

Annika Bütschi

Philippe Ernsts lederne Bauchtasche ist prall gefüllt, seine Wanderschuhe signalisieren einen guten Halt und Ausdauer. Flink bewegt er sich zwischen den hohen Regalen der «Brockiwelt» an der Schlieremer Sägestrasse. Seine Augen scannen die gebrauchten Gegenstände innert Sekundenbruchteilen, dann bleibt er stehen, greift in das Regal und zieht eine alte Küchenwaage hervor. «Diese würde gut zu uns passen, da wir bereits einige davon im Lager haben. Wenn ich rund zehn schöne Waagen angesammelt habe, dann biete ich sie in meinen Geschäften an», sagt der 34-Jährige und verweist darauf, dass sich solche Küchenwaagen durchaus zum Trend mausern könnten.

Im «Möbel Zürich», so der simple Name von Ernsts Geschäft nahe dem Manesseplatz in Zürich, verkauft er Designermöbel, vornehmlich aus den 1950er- und 1960er-Jahren, die er und sein Team in Brockenstuben gesammelt und in Handarbeit restauriert haben. Der Erfolg gibt ihm recht. Erst vor wenigen Monaten eröffnete er eine zweite Filiale in der Kalkbreite-Überbauung im Stadtzürcher Kreis 4. Die Möbel, das Geschirr, die Lampen stammen auch aus Limmattaler Brockenhäusern. Auf einer Tour durch die Brockis der Region zeigt er, wo die versteckten Schätze zu finden sind.

Ein zweites Leben für Möbel

Ein Küchentisch aus Tannenholz springt Ernst ins Auge. «Er hat eine praktische Grösse», denkt er laut. Grosser Nachteil ist hingegen, dass das Möbel bis vor kurzem mit einer Klebfolie überzogen war. «Um die Leimrückstände zu entfernen, müssen meine Mitarbeiter viel Zeit investieren — die klebrigen Schlieren sind hartnäckig», sagt Ernst und wendet sich vom Tisch ab. Wäre er aus Kirschholz, sähe die Sache anders aus. Der Aufwand würde sich lohnen, sagt er und geht in die andere Ecke des Raums, wo ein Büffellederschemel der Marke «De Sede» die Aufmerksamkeit des zweifachen Vaters auf sich zieht. Dieser sei in gutem Zustand. Neu würde er rund 1000 Franken kosten, die «Brockiwelt» Schlieren verlangt nur deren fünf. Gekauft! Der Schemel ist sogar noch so gut erhalten, dass man ihn nur mit Ledermilch behandeln muss. Den Preis, für den das Stück später in einem der Zürcher Ladenlokale den Besitzer wechselt, weiss Ernst bereits jetzt — zirka 180 Franken.

Das Betriebskonzept, das Ernst mit «Möbel Zürich» verfolgt, ist gleichermassen einfach wie gewinnbringend. Die billig gekauften Möbel und Einrichtungsgegenstände werden teils massiv, teils nur geringfügig restauriert, was den Preis in die Höhe schnellen lässt. Primär geht es Ernst jedoch darum, etwas Nachhaltiges zu gestalten. Denn die Wegwerf-Gesellschaft ist ihm ein Dorn im Auge. Nicht mehr gebrauchten Gegenständen neues Leben einzuhauchen und sie so wieder zu begehrter Ware zu machen, darum gehe es bei der Nachhaltigkeit.

«Möbel Zürich» ist nicht Ernsts erstes erfolgreiches Projekt mit dieser Strategie. Vor elf Jahren rief er gemeinsam mit einem Kollegen das Secondhand-Möbelhaus «Bogen 33» ins Leben. Schnell kam der Erfolg. Ernst verliess den «Bogen», um Umweltingenieurwesen zu studieren. Nach dem Abschluss im Jahr 2009 zog es ihn jedoch wieder in diese Branche. «Manche Leute fragen mich, ob ich nicht einen Beruf ausüben will, der mit meinem Studium zu tun hat», sagt er. Für ihn hat es dies jedoch: «Ich sehe meine Arbeit klar als Ressourcenbewirtschaftung.»

Auf dem Vorplatz der Schlieremer Brockenstube hat sich inzwischen so einiges angehäuft. Ernst weiss schon jetzt, was in seinem Laden am schnellsten weg sein wird: ein Dreibeintisch original aus den 1950ern mit einer gross gemusterten Kunstharzplatte. Er kostet ihn 50 Franken, später wird er ihn für rund 180 verkaufen können. Hätte er weniger Risse im Holz, dann könnten sogar bis zu 240 verlangt werden. Der zweite Glückstreffer ist ein Häfeli-Holzstuhl. Ernst bezahlt 30 Franken, verkaufen kann er ihn jedoch für das Dreifache. Er bedankt sich bei Edith Eichholz, der Besitzerin der «Brockiwelt», und hält ein kleines Schwätzchen.

Telefon vibriert alle 20 Minuten

Philipp Ernst kommt nur noch selten dazu, selbst auf Brockitour zu gehen. Mit der Administration der beiden Geschäfte habe er sehr viel zu tun. Zu seinen Möbeln komme er in der Regel durch Händler. Diese streifen durch die Brockenhäuser der Schweiz. Sehen sie etwas, das zu «Möbel Zürich» passen könnte, schiessen sie ein Foto und senden es an Ernst. Sein Mobiltelefon vibriert alle 20 Minuten. Regen Kontakt hat er mit rund zehn Händlern, die ihn regelmässig mit neuer alter Ware beliefern. «Der Unterschied zu vor zehn Jahren ist, dass sich dieses Business professionalisiert hat», sagt er. Systematisch klappern diese Händler die Brockenstuben nach Preziosen ab.
Beim nächsten Halt, dem «Brockiland» in Dietikon, findet Ernst eine andere Stimmung vor. Von der kleinen beschaulichen Sägestrasse in Schlieren wechselte die Szenerie zu einer grossen Lagerhalle an der Überlandstrasse. «Hier geht es eher geschäftig zu und her, allein der Grösse wegen ist dies keine familiär anmutende Brocki.» Trotz der Grossräumigkeit ist scheinbar jeder Quadratzentimeter mit Gebrauchtem gefüllt. Nebst Hunderten von Lampen, Tischen, Betten, gibt es auch eine Abteilung für Kleider und Bücher. Gar zwei mit Rüschen bestückte Brautkleider aus den 1980er-Jahren hängen über der Kasse von den Wänden.

Ernst bleibt vor einem weissen Sofa stehen, es erinnere ihn an den Barcelona-Chair von Mies van der Rohe. Flugs hebt er das Sitzpolster an, darunter zeigen sich einige zerrissene Riemen, welche die Kissen nur noch behelfsmässig stemmen mögen. «Diese wären für uns leicht zu ersetzen. Ich kaufe das Sofa jedoch nicht, weil es aus Kunstleder ist und somit kein Originalstück — das würden meine Kunden nicht goutieren», sagt Ernst und lässt die grosse Halle mit ihrem emsigen Treiben hinter sich.

Draussen bleibt er vor einem grossen, steinernen Blumentopf stehen. Das Objekt besticht durch seine Grösse — die Kanten der quadratischen Grundform sind rund einen Meter lang. Ernst nimmt sein Telefon aus der Bauchtasche und beginnt zu tippen. «Dieser Topf wurde mir erst vor einigen Tagen von einem Händler angeboten. Ich habe abgelehnt, weil er mit 300 Franken zu teuer war.» Auch sei er zu klobig, so etwas würde nicht gekauft. Bei der Kassierin nachgefragt, wie viel der Topf denn koste, wird Interessantes zutage gebracht: 30 Franken. Eine Marge von 270 Franken für den Händler sei schon ungewöhnlich hoch, sagt Ernst, während er seinen Lieferwagen besteigt. Ab ins Silbernquartier zum «Atelier 23».

300 Wünsche im Hinterkopf

Ernst hat sich sein Marken- und Stilwissen über die Jahre autodidaktisch angeeignet. Er weiss, dass Einrichtungsgegenstände aus den 1980er-Jahren keinen Absatz finden — «vielleicht kommt dieser Trend in ein paar Jahren». Er weiss auch, was sich in seinem Laden verkaufen lässt: qualitativ hochwertig hergestellte Möbel aus der Mitte des 20. Jahrhunderts. So sieht er schnell, wenn ein Tisch nicht das hält, was er auf den ersten Blick verspricht. Nicht gerne erinnert er sich an einen Tisch, ein sehr schönes Stück, den er kaufte und den er — zurück im Zürcher Atelier — als Stück aus dem Hause Ikea identifizierte. War er beschämt? Es sei ihm schon peinlich gewesen.

Ein wiederum anderes Klima findet Ernst im «Atelier 23» vor. Nicht überfüllt, die Gebrauchtwaren schön drapiert, ein lichtdurchfluteter Ausstellungsraum. Das eine oder andere interessante Stück lässt sich zwar finden, das Problem ist ein anderes. Hier werden die Möbel bereits hausintern von rund 20 Langzeitarbeitslosen aufgewertet, was deren Wert steigert. Ist die Anschaffung der Möbel zu teuer, rentiert sich das Geschäft für «Möbel Zürich» nicht mehr.

Ein Stück fällt Ernst jedoch auf. Es ist eine lange Kommode, vermutlich aus den späten 1960er-Jahren, die für einen Ankauf viel zu gross und klobig wäre. Sie ist bestimmt 4 Meter lang. In seinem Geschäft würde dies niemand kaufen, ist er sich sicher. «Auf unserer Homepage können Kunden auch Möbelwünsche abgeben. Suchen sie etwas Bestimmtes, lassen sie es uns wissen, und wir halten Ausschau danach», sagt er und verweist darauf, dass eine Kundin etwas in dieser Art sucht. Er knipst ein Foto, wird es ihr später senden und es — zeigt die Kundin Interesse — allenfalls kaufen. Die Wunschliste bei «Möbel Zürich» ist lang. Rund 300 Möbel-Aficionados haben bei Ernst einen Wunsch deponiert. Zu deren Erfüllung müssen noch einige Brockenhäuser abgeklappert werden. So packt er sein Telefon in die Lederbauchtausche und fährt mit dem grossen, weissen Lieferwagen in die nächste Brockenstube, um einen neuen, ungeschliffenen Diamanten zu finden.

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