Langenthal
Wahlarena in der Alten Mühle: «Es gibt sie nicht, die faulen ‹Sieche›!»

In der Langenthaler «Alten Mühle» trafen acht Nationalratskandidaten der Region aufeinander. Vertreter aller Parteien waren vertreten und lieferten sich eine interessante Diskussion. Standpunkte und Lösungsansätze wurde intensiv diskutiert.

Christoph Neuenschwander
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Acht Kandidierende und ein Moderator: Grädel, Hadorn, Zumstein, Gygax, Jeanneret, Badertscher, Schär, Steiner und Meyer (v. l.). Hansjörg Sahli

Acht Kandidierende und ein Moderator: Grädel, Hadorn, Zumstein, Gygax, Jeanneret, Badertscher, Schär, Steiner und Meyer (v. l.). Hansjörg Sahli

Solothurner Zeitung

3400 Schweizerinnen und Schweizer bemühen sich heuer um einen Sitz im Nationalrat, wie Roland Jeanneret am Mittwochabend festhielt. Viel Konkurrenz also. Der Journalist und Moderator der «Oberaargauer Wahlarena», die in der «Alten Mühle» in Langenthal über die Bühne ging, stellte den acht anwesenden Kandidaten denn auch die Frage: «Weshalb tut ihr euch das an?»

Viele gescheite Lösungsansätze

Die Antworten waren sich, zumindest in ihrer zukunftsgerichteten Natur, eigentlich alle ähnlich: Sie bewegten sich innerhalb eines Spektrums von «Ich will für die künftigen Generationen aus der Welt einen besseren Ort machen» bis «Ich will für die künftigen Generationen die Welt so erhalten, wie sie ist.» Ob die Welt und insbesondere die Schweiz denn nun bereits ein guter Ort ist oder erst zu einem werden soll, wurde anhand dreier Themen diskutiert: Umwelt-, Finanz- und Ausländerpolitik.

Einiges an Polemik, aber auch viele gescheite Lösungsansätze wurden dabei geäussert. Sehr harmonisch ging es zunächst bei der Umweltdebatte zu und her. «Wir setzen uns für nachhaltige Energie ein und sind gegen neue AKW», erklärte etwa Johann-Ulrich Grädel von der EDU. Christian Hadorn, der Vertreter der SVP, befürwortete zwar den Bau neuer Atomkraftwerke, da «wir sehr viel Energie brauchen», aber wenn es irgendwann so weit komme, dass man Atomstrom sinnvoll ersetzen könne, dann sei auch er dabei.

Dass man eben gar nicht erst so viel Strom verbrauchen sollte, betonte der Grünliberale Kurt Schär. Er setzte sich dabei auch etwas humorvoll für die von seiner Firma hergestellten Elektrovelos ein. Wer selbst trample, der müsse länger duschen – und eine warme Dusche benötige schlussendlich mehr Strom als ein E-Bike.

«Bei der Stromgewinnung gibt es immer verschiedene gegensätzliche Interessen», resümierte Christine Badertscher von den Jungen Grünen. «Man muss Kompromisse finden, auch bei den erneuerbaren Energien. Aber auf die ‹Erneuerbaren› setzen müssen wir trotzdem.»

Sparen ja, aber wo?

Weniger Einigkeit erzeugten die Kantonsfinanzen. Zwar stimmte man über alle Lager hinweg zu, dass man den «Gürtel enger schnallen müsse», wie es FDP-Kandidatin Katrin Zumstein formulierte. Aber wo genau man sparen sollte, blieb umstritten. «Sparen tut immer weh», sagte Monika Gygax von der BDP treffend. «Sparen auf Gemeindeebene heisst bei der Dienstleistung zu sparen, das muss man einfach in Kauf nehmen.»

Doch gerade bei der Verwaltung zu sparen, ist das Anliegen der EDU, wie Grädel sagte. «Wir haben so viele Leute, die das ganze System unnötig aufblähen.»

Der SP-Mann Markus Meyer wehrte sich vehement dagegen, dass man so «billig gegen die Verwaltung polemisiert». Es gebe sie nicht, die «faulen Sieche», über die immer gewettert werde. «Ich denke da an die ganzen Polizisten, die vergangenes Wochenende auf das Familienfest der SVP aufgepasst haben», fuhr er fort und sprach damit Hadorn an, der eine Antwort schuldig blieb. «Willst du denen sagen sie seien faule ‹Sieche› und jeden Zehnten entlassen?» Ebenfalls nicht sparen dürfe man bei der Bildung, fügte Daniel Steiner von der EVP hinzu. «Man darf nicht Steuern senken und dann irgendwo eine Schulklasse schliessen. Es kotzt mich an, wenn man nur aufs Portemonnaie schaut und bei langfristigen Ressourcen wie der Bildung spart.» Beim Strassenbau sehe er allerdings ein gewisses Sparpotenzial.

Auch Badertscher zählte einige Bereiche auf, bei denen man sparen könnte, so im Strassenbau und bei der Armee. Sinnvoll fand sie auch die Erbschaftssteuer, mit der sich zusätzlich Geld generieren lasse. «‹Sparen› ist ein irreführender Begriff», gab Schär schliesslich zu bedenken. «Sparen kann man nur Geld, das man hat. Unser Problem ist, dass wir Geld sparen wollen, das wir ohnehin nicht haben, und es dann irgendwann doch ausgeben.»

Meyer befürwortete daher eine Steuerharmonisierung: «Es regt mich auf, wenn Firmen aus dem Kanton Bern wegziehen, weil sie andernorts eine halbe Million weniger Steuern zahlen. Die Kantone dürfen einander nicht gute Steuerzahler abwerben, das zerstört den Zusammenhalt in der Schweiz. Es ist klar, dass ein Kanton wie Bern mit einem Inselspital und einer Universität keine so niedrigen Steuern bieten kann wie andere.»

Plakate stossen auf Unverständnis

Überraschend harmonisch war die Stimmung bei der Immigrationsdebatte, zumal SVPler Hadorn einräumte, dass er selbst mit den Plakaten seiner Partei nicht zufrieden sei. «Wir brauchen auf dem Arbeitsmarkt Leute aus dem Ausland», sagte er. In diesem Punkt und auch darüber, dass eine Ausweisung in manchen Fällen sinnvoll sei, war man sich einig.

«Aber es ist falsch, dass die SVP die Masseneinwanderung als Gefahr darstellt», so Meyer. «Ausländer arbeiten bei uns als Ärzte, Krankenschwestern, Pizzabäcker, Fussballer – und wir brauchen sie. Das muss uns bewusst sein.»

Auch Zumstein konnte über die Plakate der SVP nur den Kopf schütteln. «Ich bin entschieden gegen diese Plakate, die alle Ausländer in einen Topf werfen. Wir schätzen unsere Ausländer sehr.» Und auch Schär wunderte sich: «Ich verstehe nicht, wieso die SVP-Zentrale in Zürich nicht begreift, dass unsere Wirtschaft auf Ausländer angewiesen ist.»

Jede Partei, die etwas erreichen wolle, schiesse doch erst einmal 50 Meter über das Ziel hinaus, verteidigte Hadorn. Zumstein gab jedoch zu bedenken, dass diese Strategie gefährlich sei, da man damit Hass säe.

Die Sache mit dem Selbstvertrauen

Nur auf eine Frage, die Moderator Jeanneret eingangs zu stellen versprochen hatte, konnte am Ende nicht mehr eingegangen werden: Wie es denn um das Selbstvertrauen des Oberaargaus und der darin beheimateten Politiker bestellt sei. Interessant wären die Statements sicher gewesen und auch wichtig. Denn ein wenig erschütternd ist es schon, dass zwei Kandidatinnen auf die Abschlussfrage, was sie als Nationalrätinnen unternehmen würden, geantwortet haben, dass sie ja vermutlich eh keine Chancen hätten.

Bei 3400 Kandidierenden für 200 Sitze mag die Wahrscheinlichkeit einer Wahl für manche in der Tat gering sein, aber es ist, wie Jeanneret sagte: «Selbstbewusstsein gehört auch zum Wahlkampf dazu.»