Obergericht Zürich
Trotz Kindesentführung: Zürcher Mutter muss nicht ins Gefängnis

Eine Frau aus dem Bezirk Horgen hat ihren vier Monate alten Säugling nach Italien entführt, um eine Fremdplatzierung in eine Pflegefamilie zu verhindern. Das Zürcher Obergericht schob nun die zehnmonatige Freiheitsstrafe zugunsten einer ambulanten Therapie auf.

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Keystone

Im Oktober 2013 brachte die heute 26-jährige Schweizerin, die sich am Mittwoch vor dem Zürcher Obergericht verantworten musste, einen Sohn auf die Welt. Die zuständige Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde (KESB) Horgen richtete daraufhin sogleich eine Beistandschaft für die mehrfach vorbestrafte Mutter ein.

Nach zwei Monaten schritt die KESB - nach einem alarmierenden Bericht der zuständigen Beiständin - erneut ein und entzog der überforderten Frau die Obhut. Das Kind kam ins Heim.

Baby nach Italien entführt

Im Februar 2014 teilte die Beiständin der Mutter schliesslich mit, dass man ihren Sohn in einer Pflegefamilie platzieren werde. Die verzweifelte Beschuldigte sah nur noch einen Ausweg: Als sie ihren Sohn wenige Tage später hätte zum Kinderarzt bringen sollen, nutzte sie die Gelegenheit und entführte ihn nach Italien.

Dort fand sie bei einem Freund Zuflucht. Mittels Handy-Überwachung konnten die Behörden die Mutter aber schnell ausfindig machen und nach neun Tagen von der Polizei festnehmen lassen. Zurück in der Schweiz sass sie 22 Tage in Untersuchungshaft. Sie ist geständig.

Therapie im Gefängnis

Im Juni 2015 musste sich die Frau vor dem Bezirksgericht Uster verantworten: einerseits wegen Entführung sowie Entziehens von Unmündingen, andererseits wegen falscher Anschuldigung. Sie hatte in einer anderen Sache einen Vater im Bezirk Uster wahrheitswidrig bezichtigt, seine Tochter geschlagen und bedroht zu haben.

Das Bezirksgericht Uster kam zu umfassenden Schuldsprüchen und verurteilte die Mutter zu einer unbedingten Freiheitsstrafe von zehn Monaten. Aufgrund eines psychiatrischen Gutachtens, das der Frau eine Borderline-Störung attestierte, ordnete das Gericht zusätzlich eine ambulante Massnahme während des Vollzugs an.

Letzte Chance dank Besserung

Die Verteidigung legte Berufung ein und verlangte vor dem Obergericht nicht nur eine deutliche Strafsenkung auf sechs Monate, sondern auch den Aufschub des Strafvollzugs zugunsten der bereits angelaufenen Psychotherapie.

Für diesen Antrag sprach, dass die Frau heute in einer betreuten Wohngruppe lebt, in einem Gastro-Betrieb arbeitet und eine IV-Rente erhält. Zudem zeigte sie sich vor Gericht reuig und therapiewillig.

Von einer Strafsenkung wollten die Oberrichter zwar nichts wissen. Dennoch gaben sie der Mutter eine letzte Chance, indem sie den Strafvollzug zugunsten der begonnenen Therapie aufschoben. Sollte die Frau die Massnahme bestehen, muss sie nicht mehr ins Gefängnis.