Langenthal/Niederbipp/Bern
Martin Ziegelmüller stellt an drei Orten gleichzeitig aus

Der Künstler Martin Ziegelmüller stellt momentan im Berner Kunstmuseum und im Langenthaler Kunsthaus aus. Heute feiert er zudem in Niederbipp Vernissage. Was treibt Ziegelmüller heute künstlerisch voran?

Urs Byland
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Martin Ziegelmüller im Kunsthaus Langenthal und sein Bild «Früher Morgen». uby

Martin Ziegelmüller im Kunsthaus Langenthal und sein Bild «Früher Morgen». uby

Solothurner Zeitung

Herr Ziegelmüller, wann haben Sie zum letzten Mal gemalt? (Das Interview entstand eine Stunde vor der Vernissage im Kunsthaus.)

Martin Ziegelmüller: Heute Nachmittag, aber nur kurz. Ich habe bei einem Bild etwas Unfertiges gesehen, und deshalb den Pinsel in die Hand genommen. Das Bild ist aber immer noch nicht fertig.

Sie sind auch mit 76 Jahren noch häufig am Malen?

Stundenmässig nicht mehr so viel wie früher, aber intensitätsmässig ebenso stark wie vor zehn, zwanzig Jahren.

Was beschäftigt Sie am stärksten?

Geht man einige Jahre zurück, sind plötzlich die Stadtbilder wieder aufgetaucht. 1995 dachte ich, dieses Kapitel sei abgeschlossen. Plötzlich ist es wieder aufgetaucht mit Städten in der Nacht. Zweitens, und das geschah im Zusammenhang mit der Ausstellung hier im Kunsthaus, begannen mich die Kristallbilder wieder zu interessieren. Die letzten machte ich 1975. Ich kann es beinahe nicht begreifen, dass das Sujet mich nach wie vor beschäftigt. Und als Drittes, begann ich plötzlich Jurarücken zu malen, ganz einfach in der Gestaltung. Mit war zuerst nicht bewusst, dass hier ein Zusammenhang mit meinen ganz frühen Jurabildern ende der 50er-Jahre besteht. Das ist jetzt vor allem in der Berner Ausstellung ein wichtiger Teil geworden.

Wir würden Sie die aktuelle Phase Ihres Leben bezeichnen?

Das ist schwierig zu beurteilen, weil es nicht so klar ist. Ich spüre, dass ich beim Malen noch voll dabei bin. Es gibt Dinge, die mir es wert sind, dass ich sie male, die ich malen will und auch Lust habe, sie zu malen. Das Malen ist noch immer ein Abenteuer für mich. Diese Situation erfreut mich. Aber wo ich stehe? Im Alterswerk, das ist sicher. Aber was heisst das?

Betrachtet man Ihre Biografie, dann passt diese Antwort. In Ihrem Leben hat es immer Fragezeichen gegeben.

Das ist so. Ich frage mich bei jedem Bild, dass ich male: Habe ich hier jetzt wirklich das erreicht, was ich erreichen könnte? Oder bin ich beispielsweise in einem traditionellen Rhythmus stecken geblieben?

Welche Fragen beschäftigen Sie? Nehmen wir als Beispiel das Werk «Früher Morgen» (siehe Bild). Sind das Fragen zur Farbe, zur Gestaltung, zum Inhalt, zur Existenz?

Alle die Fragen, die sie gestellt haben, die stelle ich mir auch, während ich male. Aber das sind nicht die Ersten. Zuerst beginnt es damit, dass man von etwas ergriffen ist. Ich sage immer: Kein Bild, das ein Maler malt, kann ergreifend werden, wenn der Maler nicht ergriffen ist von seinem Motiv. Da zählt der Wille beinahe nichts. Entweder packt mich etwas oder es packt mich eben nicht. Deshalb habe ich ein Prinzip: Ich male ein Bild nur, wenn mich wirklich etwas zutiefst fasziniert.

Betrachten wir zwei Bilder. Was hat sie beim Werk «Früher Morgen» ergriffen?

Das ist ein Bild mit einer ganz langen Geschichte. Ich habe viel auf dem Bielersee gefischt, war oft dreimal in der Woche schon um 4 Uhr draussen und bin um 7 Uhr heimgekehrt. Macht man dies, rudert man jeden Morgen in die Dämmerung hinaus. Vielleicht hat es etwas Nebel über dem Wasser, vielleicht ist es bereits ganz blau. Dann hellt es auf. Innerhalb von zwei Stunden geschieht ein völliger Farbwandel. Der Übergang von der Nacht in den Tag, das hat mich schon als Kind fasziniert.

Das Bild ist ein Konzentrat, das ist kein Moment. Also was sehe ich?

Wie gesagt, erzählt das Bild eine lange Geschichte. Es war bereits vor Jahren abgebildet in meinem Buch «Der Maler auf seinem Drehstuhl», weil ich dachte, das Bild sei fertig. Die erste Fassung war bereits so blau wie die jetzige, aber damals war der Heidenweg, die Verbindung zur Petersinsel, noch viel deutlicher zu sehen. Ich war überzeugt, ich hätte es toll getroffen, nur im Laufe der Jahre wurde ich unsicher. Ich betrachtete es immer wieder. Plötzlich war ich mir sicher: Nobis, der Streifen, den man so deutlich sieht, der muss viel stärker in der Dämmerung aufgehen.

Sie haben also das Bild immer wieder verändert?

Ja. Das passiert mir häufiger. In Bern hängt ein Bild, das ist mit «1967–2009» datiert. Dort sage ich manchmal: Dieses Bild könnte ich pro Kilo verkaufen, das hat so viele Schichten Farbe übereinander.

Und wo ist die Ergriffenheit bei einem x-beliebigen Bild aus Ihren Serien zur Arbeitswelt?

Sicher eine ganz andere wie beim Bild zur Morgendämmerung. Als ich 1973 erstmals in einer Fabrik zeichnete, das war bei Trösch, hat mich das wahnsinnig fasziniert. Normalerweise arbeite ich alleine in meinem Atelier und die Motive kommen aus der Erinnerung und dem Skizzenmaterial. Plötzlich stehe ich in einem Fabriksaal, Arbeiter schaffen, ständig kommen Leute und schauen. Die Situation hat mich ebenso fasziniert, wie eben die Dämmerung. Aber es ist eine andere Art der Faszination.

Welche?

Vor den Motiven zu stehen, die die Arbeitswelt bestimmen.

Sie bewegen sich in verschiedenen Beziehungsnetzen wie Familie, Künstlerkollegen oder Sponsoren. Wie haben Sie beispielsweise das Sponsorennetz aufgebaut?

Ich komme aus einer Grabener Familie von Bauern, Bäckern und kleineren Kaufleuten. Ich bin aufgewachsen in einer Welt, in der das Erwerbsleben zentral war. Dieses Leben hat mich immer auch fasziniert. Ich wollte mit Unternehmern und meinen Bekannten nicht nur über meine Arbeit reden. Mich interessierte ebenso deren Arbeit. Das ist nicht aufgesetzt. Das sind Interessen, aus denen sich Freundschaften entwickelt haben.

Die Sie auch an den Oberaargau binden.

Der Oberaargau ist auch heute noch ein ganz wichtiger Ort für mich. Das fliessende Gewässer habe ich im Seeland vermisst, deshalb komme ich immer wieder hierher zurück. Dafür kann ich am Bielersee das Wetter kommen und gehen sehen. Das wurde mir sehr wichtig und hatte eine starke Wirkung auf meine Arbeit. Ich half aber auch mit bei der Gründung der Sommerakademie in Niederbipp. Dort wurden viele Freundschaften mit anderen Kunstschaffenden begründet.

Und Ihre starke Verbindung zu Solothurn hat nicht nur mit den dort lebenden Künstlern zu tun.

Ja. Künstlerisch war ich schon früh mit dem dortigen Kunstmuseum verbunden. Ich besuchte das Museum regelmässig, erstmals in der 8. Schulklasse, als ich mit dem Velo hinüberfuhr. Dort habe ich ganz eigenständig gelernt, Bilder zu betrachten.

Ausstellung: Jubiläumsausstellung IABK (Internationale Akademie für Bildende Künste), bis 12. Juni, jeweils Sa und So 14–17 Uhr. Vernissage: Samstag, 28. Mai, 17 Uhr, Räberstöckli, Dorfstrasse 15, Niederbipp.

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