Kompogas
Hier produzieren Bakterien grünen Strom

Im Schatten der Wind- und Solarkraft geht in den Energiediskussionen die Strom- und Wärmegewinnung aus Biomasse fast vergessen. Dabei ist es eine funktionierende Alternative, wie ein Blick in die Kompogasanlagen der Region zeigt.

Franz Schaible
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Mit diesem Rohstoff erzeugen Betriebsleiter Urs Galli (l.) und Urs Bobst, Chef der Kompostieranlage, Strom.Hanspeter Bärtschi

Mit diesem Rohstoff erzeugen Betriebsleiter Urs Galli (l.) und Urs Bobst, Chef der Kompostieranlage, Strom.Hanspeter Bärtschi

Der Kreislauf schliesst sich», sagt Urs Bobst auf dem Rundgang durch die Kompogasanlage in Oensingen. Vorne kommen Grüngut und Küchenabfälle rein, hinten Gas, Strom, Wärme und Gärgut raus. «Wir können mit der Vergärungsanlage CO2-neutrale Energie gewinnen», sagt der Chef der BV Kompostieranlage Oensingen AG. Je hälftig gehört die Firma dem Oensinger Landwirt und der Axpo Kompogas AG, die in der Schweiz etwa 20 Kompogasanlagen betreibt.

Urs Bobst führt in die riesige Anlieferungshalle. Dort werden die Abfälle aus rund 20 Gemeinden, darunter Olten, Oensingen und Balsthal, von den Fahrzeugen in eine Grube geschüttet. Der Kran fördert das abgekippte Material in den Schredder. Dort wird es zerkleinert und gesiebt. Alles, was kleiner ist als 7 Zentimeter, wird dem Fermenter zugeführt. «Das ist das Herzstück der Kompogasanlage», erläutert Bobst. Der Tank ist 35 Meter lang und misst 7 Meter im Durchmesser. Bei einer Temperatur von 55 Grad vergären Mikroorganismen das eingetragene Gärgut. Der Prozess dauert im Schnitt rund 14 Tage. «Dank der Wärmebehandlung ist das Material hygienifiziert und es befinden sich keine unliebsamen Umkrautsamen mehr darin», sagt Bobst.

Das beim Fermentieren entstandene Biogas wird ins nebenstehende Blockheizkraftwerk geführt, wo es zu CO2-neutralem Strom und Wärme umgewandelt wird. Die Ökostrom-Produktion von rund 15000 Kilowattstunden pro Tag reicht zur Versorgung von 1000 Wohnungen. Der Strom wird ins öffentliche Netz eingespeist. Rund 8 Prozent des Stroms wird für den Betrieb der Anlage benötigt. Die Abwärme wird teilweise für die eigene Fermentieranlage gebraucht, der Rest geht an die benachbarte ARA Falkenstein. Mit der ARA bestehe eine Zusammenarbeit, so Bobst. Die ARA liefere ihr «produziertes» Gas ans Kraftwerk und nehme im Gegenzug die Wärmeenergie für den Betrieb der Abwasserreinigungsanlage ab. Das energiebefreite Gärgut schliesslich wird als Dünger, je hälftig in flüssiger und fester Form, auf die Felder der Bauern in der Region ausgebracht. Die Qualität sei so hoch, dass beide Produkte für den Einsatz im biologischen Landbau eingesetzt werden können. Die Bauern bezahlen dafür 2 Franken pro Tonne. Von 1000 Tonnen angeliefertem Grüngut werden etwa 980 Tonnen in Form von Dünger wiederverwertet. Deshalb spricht Bobst von «einem perfekten Kreislauf».

Vor der Inbetriebnahme der Anlage wurden in Oensingen lästige Geruchsimmissionen befürchtet. Insbesondere weil neben Grüngut und Haushaltabfällen auch Panseninhalte (keine Fleischabfälle) von der Bell-Grossmetzgerei verarbeitet werden. Wer sich im Innern der Anlage aufhält, kann die Befürchtungen nachvollziehen. Dort stinkt es gewaltig. Ausserhalb der Anlage ist dagegen fast nichts zu riechen. Denn Anlieferung und Verarbeitung des Abfalls erfolgen in geschlossenen Hallen, die unter Unterdruck stehen, damit keine stinkende Luft entweicht. Die gesamte Abluft wird über einen Biofilter gereinigt. Dieser besteht aus einem 40 Meter langen und drei Meter tiefen, freistehenden Trog, gefüllt mit zerkleinertem Wurzelholz. Die Abluft strömt durch dieses Holz. Dabei fressen Holz-Bakterien die «Stinkbakterien» auf. Bobst: «Bislang ist keine einzige Reklamation wegen Geruchsimmissionen eingegangen.»

Kapazität von 20000 Tonnen

Die 2009 eröffnete Kompogasanlage in Oensingen ist auf eine Kapazität von 20000 Tonnen ausgelegt. Im vergangenen Jahr habe man 16500 Tonnen Material verarbeitet, blickt Bobst zurück. Das sei nach nur drei Betriebsjahren eine gute Auslastung. «Ziel bleibt, die Anlage voll auszulasten, und zwar mit Material aus der Region.» Für die Anlieferung des Rohstoffes verlangt die Betreiberfirma 125 Franken pro Tonne. Die kostendeckende Einspeisevergütung für den Strom decke die anfallenden Kosten bei weitem nicht.

Neben Oensingen betreibt die Axpo Kompogas AG Anlagen in Utzenstorf und in Langenthal. Wie Urs Bobst – «30 Prozent mehr recycliertes Grüngut und Küchenabfälle sind problemlos möglich» – sind auch diese Anlagenverantwortlichen überzeugt, dass das Potenzial für den Rohstoff noch längst nicht erschöpft ist. Entscheidend sei, wie die Kosten-Verrechnung für das Einsammeln in den Gemeinden organisiert sei, erklärt Daniel Gast, Geschäftsführer der Kompogasanlage in Utzenstorf. «In Gemeinden, welche die Grünabfuhr in der Grundgebühr eingerechnet haben, ist die Recyclingquote viel höher als in Gemeinden, die das Verursacherprinzip anwenden», beobachtet Gast. Das Verhältnis betrage etwa 150 Kilogramm Grüngut pro Einwohner zu 60 Kilogramm in Gemeinden, die die Gebühren über Marken «reinholen». Und Willi Kohler, als Regionalleiter bei der Axpo Kompogas AG zuständig für die drei Anlagen, hält fest: «Die privaten Haushalte entsorgen zu viel für die Vergärung geeignetes Material im Kehrichtsack.»

Inzwischen gebe es zwar einen «Markt» für das Grüngut, aber von einem «Kampf um Abfälle» will Gast nichts wissen. Und Urs Bobst von Oensingen sagt, das Material sei gesucht, aber das Potenzial wie erwähnt noch lange nicht ausgereizt. Aber klar sei: «Eine weitere grössere Kompogasanlage in der Region wäre eine zu viel.» Kohler bestätigt: «Es hat genug Material. Zudem arbeiten die drei Anlagen zusammen.» Langenthal habe eine Kapazität von 5000 Tonnen und die Anlage werde dieses Jahr «gut ausgelastet« sein.

In Utzenstorf werden die Grünabfälle von 31 Gemeinden, darunter Solothurn, Biberist, Zuchwil oder Kirchberg, entsorgt. Die Anlage mit einer Jahreskapazität von 12000 Tonnen werde dieses Jahr ausgelastet werden können, sagt Gast. Der produzierte Strom wird ins Netz eingespeist, die Wärme wird für die Fermentieranlage eingesetzt. In Utzenstorf wird zudem ein Teil des Biogases in Erdgas aufbereitet und an die Papierfabrik Utzenstorf geliefert. Die Anlage gehört mehrheitlich der Axpo Kompogas AG, Minderheitsanteile besitzen die Regio Energie Solothurn und die Gast AG Utzenstorf. Die Anlage in Langenthal gehört zu 100 Prozent der Axpo-Tochter.

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