Langenthal
Ein Rundgang durch die Alkiszene in Langenthal

Nadine von Arb und Alex Pawlik sind Mitarbeiter von Sicherheit, Intervention und Prävention Langenthal (SIP). Seit Oktober 2011 suchen die beiden die Szene auf um mit ihrer Präsenz Sicherheit zu verbreiten. az hat die sie bei einer Tour begleitet.

Urs Byland
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Nadine von Arb im Gespräch mit einer Szenegängerin. uby

Nadine von Arb im Gespräch mit einer Szenegängerin. uby

Das «Prix Garantie» in den Händen, lässt sichs locker diskutieren. Nebenan fliesst auch das Wasser der Langete im Übermass. Die fröhliche, zuweilen übermütige Runde befindet sich auf dem Wuhrplatz hinter der Toilettenanlage. Die Kälte ist ein Hinweis dafür, dass es sich hier nicht um eine Feierabendrunde handelt. Ein weiterer Hinweis sind die Gesichter, in denen ein zerstörerisches Leben lesbar ist. Aber wie erwähnt, die Runde ist locker drauf.

Präsenz stösst auf Ablehnung

Gut möglich, dass dafür die Anwesenheit von Nadine von Arb und Alex Pawlik verantwortlich ist. Die Zwei tragen Jacken, die sie als Mitarbeiter der SIP Langenthal (siehe Kasten) kenntlich machen. Sie suchen seit Oktober die Szene auf und sollen mit ihrer Präsenz Sicherheit verbreiten. Sie intervenieren und helfen, getreu den drei Leitwörtern Sicherheit, Intervention, Prävention (SIP). Zu Beginn sei viel Goodwill zu spüren gewesen. Es folgte eine Phase der Ablehnung. «Inzwischen kennen wir uns besser und die Beziehungen haben sich vertieft», sagt von Arb.

Maritta* begrüsst erfreut Nadine von Arb, die von ihr sofort das Neuste wissen will. Ja, es habe geklappt. Endlich eine eigene Wohnung. Dies bedeutet, Verantwortung wahrnehmen dürfen, mehr Ruhe für ihr Kind und vielleicht die Möglichkeit, eine andere Welt als die Strassenszene kennen zu lernen. Von Arb freut sich mit ihr und gibt Tipps, worauf sie nun achten müsse. «Seit wir aktiv wurden, sind in der Szene auf der Strasse viel weniger Kinder anzutreffen», berichtet von Arb. Zurückzuführen sei diese positive Entwicklung auf Interventionen der SIP-Mitarbeiter. «Ja, manchmal müssen wir auch stören, damit sich etwas ändert.»

Spritzen in WCs

«WC-Kontrolle! SIP Langenthal.» Nach einem lauten Klopfen öffnet Alex Pawlik die Türe zum Männer-WC. Sie ist nicht verschlossen. «In grösseren Städten kommt es eher vor, dass wir Süchtige auf der Toilette nach einem Zusammenbruch finden», berichtet Pawlik, der in Bern in einer ähnlichen Anstellung in der Szene unterwegs war. Drei Toilettenanlagen werden in den Wintertagen auf dem Stadtgebiet geprüft. Von Arb und Pawlik sichern sich bei diesen Kontrollen gegenseitig. Geprüft werden ebenso die Spritzenbehälter, die zeitweise nicht geleert wurden. «Wir haben die Stadt darüber informiert. Seither werden die Behälter wieder geleert.» Dennoch suchen die beiden die Umgebung nach Spritzen ab.

John* ist nicht ganz bei Sinnen, aber freundlich und etwas unruhig. Schnell ist von Arb mit dem jungen Mann im Gespräch. Er möchte einen Entzug machen. Pawlik übernimmt. Er hat die SIP-Tasche mit Telefon, Prospekten von Institutionen und Utensilien, die sie auf ihrer Tour benötigen könnten. Etwa medizinische Hilfsmittel, Verbandsmaterial, Handschuhe und eine Taschenlampe. Nicht zur Ausrüstung gehören Verteidigungsmittel wie Pfeffersprays. «Darauf wird bewusst verzichtet», sagt von Arb. Seit einer Viertelstunde ist John am Telefon und sucht einen Ort, wo er den Entzug durchführen kann. Pawlik hilft ihm mit Adressen und Telefonnummern.

Dealer fällt auf

Unterdessen sind weitere Szenegänger auf dem Platz erschienen. Manch einer verzieht die Miene, sobald er die SIP-Mitarbeiter erblickt. Einzelne verziehen sich, um ihre Geschäfte unbeobachtet abwickeln zu können. Auffällig verhält sich der junge Mann, der mit seiner Kleidung und seinem gepflegten Äusseren nicht so recht zur Szene passen will. Kaum sieht er von Arb und Pawlik, verharrt er in der Nähe. Den Gruss von Arbs beachtet er kaum. Im nächsten Moment ist er verschwunden. «Das war vermutlich ein Dealer. Der war natürlich nicht erfreut über unsere Präsenz», sagen die Beiden später beim Gang zum nächsten heissen Punkt der Szene, der Toilette bei der Markthalle. Der Gang weg von der Szene gehöre zur Taktik der SIP. «Wir besprechen uns jeweils neu und gehen später wieder zurück zur Szene.»

«Wir sind für alle da»

In diesen Wintertagen trifft sich die kleine Szene beinahe ausschliesslich auf dem Wuhrplatz. Beim bisher gerne benutzten Platz hinter dem Coop werden sie von den SIP-Mitarbeitern freundlich und bestimmt weggewiesen. «Dies erfolgt in Absprache mit der Genossenschaft Coop.» Auch dies gehöre zu ihrer Arbeit: das Gespräch mit Institutionen und Anwohnern. «Wir sind für alle da.» Die Arbeit der SIP zeigt Wirkung. Abzuwarten bleibt für ein gültiges Fazit, wie sich die Situation im Sommer entwickelt.

Diese Namen sind frei erfunden.

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