Wuhrplatz
Die Langenthaler nehmen langsam Besitz von ihrem neuen Bijou

Heute wird offiziell eröffnet, was schon seit einigen Tagen in Betrieb ist. In einer 24-Stunden-Reportage berichtet das az Langenthaler Tagblatt von den Aktivitäten auf den Pflastersteinen.

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Donnerstag, 12 Uhr
Auf dem Wuhrplatz wird vereinzelt und ruhig gearbeitet, um für das in sechs Stunden beginnende Abendprogramm gerüstet zu sein. Die Festbänke sind (noch) leer. Einige Passanten schlendern über den Wuhrplatz, schenken der neu gestalteten Umgebung einen Blick und gehen dann ihre Wege. Kein Wunder, der Magen knurrt. Über Mittag ist es ruhig hier. Von einem Ort der Begegnung kann zurzeit keine Rede sein.

12 Bilder

az Langenthaler Tagblatt

Donnerstag, 15.15 Uhr
Gemeinderat Reto Müller schreitet über das neue Langete-Brüggli. Er und Bruno Schneeberger sind für die Chrämerhuus-Bar verantwortlich. «Rund 30 Helferinnen und Helfer engagieren sich hier bis Sonntag», sagt Müller mit Blick auf die Einsatzliste. «Um 16 Uhr Lehrerkonferenz, dann SP-Parteiversammlung und anschliessend zurück auf den Wuhrplatz», verrät er sein gedrängtes Programm. Trotz Stress wirkt er locker. «Der Wuhrplatz war schon vor der offiziellen Eröffnung dieses Wochenendes belebt», hat er festgestellt und verweist auf den Pétanqueplatz.

Donnerstag, 15.30 Uhr
Zwei junge Frauen geniessen - auf den Betontreppen der Langete sitzend - die Idylle und lassen warme Sonnenstrahlen einwirken. Ein Rentner (Brillenträger mit schütterem Haarwuchs) schaut ihnen von der Brücke aus zu. In der Gelateria Riva sind acht Tische besetzt. Besitzer Rosaria Giuffré freut sich nach Monaten des Baulärms auf die Einweihung des Wuhrplatzes: «Das ist sehr positiv für Langenthal.» Während er dies sagt, fährt Stadträtin Beatrice Greber mit dem Velo auf den Wuhrplatz und sieht sich um. Sie ist angetan von diesem neuen Ort der Begegnung. Einzig mit den Bsetzisteinen will sie sich nicht so recht anfreunden: «Sie sind zwar typisch für Langenthal, aber für Behinderte oder Leute mit einem Rollator nicht
ideal.»

Donnerstag, 15.45 Uhr
Eine Alarmsirene ertönt von irgendwoher. Entwarnung: Auf dem Wuhrplatz ist niemand überfallen worden.

Donnerstag, 18 Uhr
Leben kommt auf das Gelände. Kein Wunder, denn von jetzt an bis gegen Mitternacht gibt es verschiedene Programmpunkte. Im TV-Zelt präsentieren die Gebrüder Markus und Stephan Heiniger ihre ersten Videoclips zum Onlineprojekt Langenthal.tv. 16 Personen hören aufmerksam zu. Einige von ihnen setzten sich an einen der vier Bildschirme und «bewaffnen» sich mit einem Kopfhörer. «Pfarrer Simon Kuert und ich waren die Ideengeber, die beiden Jungfilmer realisieren nun das Ganze», sagt Markus Bösiger (Möbel, nicht Truckracing) einem Neugierigen. Kuert wird am Sonntag um 9.30 Uhr in der Kirche einen Gottesdienst zum Thema «Stätten der Begegnung - zur Einweihung des neuen Wuhrplatzes» halten.

Donnerstag, 18.30 Uhr
Hans Beer, Chef der Industriellen Betriebe, hat wohl auch Feierabend. Mit seinem Velo geht er auf eine «Tour de Wuhrplatz» und sieht sich um - nach einem Nachfolger für seinen Job (er wird bald pensioniert) oder doch eher nach dem neu gestalteten Platz?

Donnerstag, 18.45 Uhr
Mit der Aussicht auf ein feines Menü und einem guten Tropfen lassen sich Margrith und Hansruedi Wyss genüsslich auf einer Festbank beim Chrämerhuus nieder. «Ich war vorhin noch im Stadion Hard. Dort war am Vortag das letzte Meeting dieser Saison. Nun habe ich mitgeholfen, das Netz der Hammerwerfer und anderes wegzuräumen», begründet Letzterer seinen Hunger.

Donnerstag, 19 Uhr
Das Jazz-Quartett «The Young Chamois» startet mit einer einstündigen Unterhaltung. Das inzwischen recht zahlreiche Publikum kommt der Aufforderung nach und sitzt ganz nahe am Geschehen. Einem der drei Kinder ist dies noch nicht nahe genug. Es geht auf Entdeckungsreise und kommt der Sängerin sehr nahe. Ein Velofahrer rast rücksichtslos zwischen dem Jazz-Quartett und dem Publikum vorbei.

Architekt Stefan Grossenbacher spricht mit seiner Frau Christine und ist des Lobes voll über den Wuhrplatz: «Der neue Platz bereitet mir Freude und sorgt für gute Impulse. Es sind nur winzige Details, die nicht ganz nach meinem Geschmack sind. Auch der Brunnen gefällt mir, wenngleich er da und dort kritisiert wird. Man muss halt nahe heran und ihn und das Wasser spüren.»
Auch Regula und André Sommer gefällt der Wuhrplatz. Weil sie mit ihren Kindern in die Ferien verreisen, können sie als treue Wuhrplatzfest-Besucher nur an diesem Donnerstagabend dabei sein: «Schade, aber Ferien sind ja auch schön.»

Donnerstag, 20.03 Uhr
Die Sängerin dankt für den grossen Schlussapplaus. Für die drei Kinder in der ersten Reihe bedeutet dies: «Es isch Achti, ist Bett mach di.»

Donnerstag, 20.10 Uhr
Nachdem das Jazz-Quartett die «sieben Sachen» eingepackt hat, gibt es eine Video-Clip-Weltpremiere mit den Mundartisten: «Digitali Anarchy». Das Publikum erfährt im Clip von Steve Diener, dass es in Langenthal «rächt vüu Beize» hat - auch «rächt vüu Richi und es paar Armi». Ein paar Minuten später startet auf der Leinwand des Open-Air-Kinos der 2003 entstandene deutsche Film «Herr Lehmann». Die Temperaturen sind noch recht angenehm, das Publikum zahlreich. «Sehr ansprechend», findet Peter Moser den Wuhrplatz. Einzig der Brunnen sei noch etwas «gewöhnungsbedürftig».

Donnerstag 20.27 Uhr
Ein Hund, der in der nahen Langete badet, horcht wegen eines heftigen Hundegebells auf. Er kann seine Schwimmversuche ohne Konkurrenz fortsetzen. Das Hundegebell kommt vom Film. «Trink nicht so viel, der Tag ist noch lang.» Dies ist zehn Minuten später eine Aussage im Film «Herr Lehmann» und bezieht sich keinesfalls auf die gesittet Richtung Leinwand blickenden Filmfreaks. Pietro Fornara und Partnerin schlendern vorbei. Sie haben «beim Spanier» eine Spezialität aus Pouletflügeli, Fleischchügeli und Tintenfisch genossen. Nach einem kurzen Blick auf die Leinwand treten sie den Heimweg an.

Donnerstag, 21.45 Uhr
Der Film läuft noch immer. Margrit Kohler stösst ihr Velo. Sie kommt von der Vorstandssitzung der Soroptimisten in der Alten Mühle und muss sich einen Weg über den Wuhrplatz suchen. Viel Lob gibt es für die mit zwölf Scheinwerfern blau beleuchtete Langete.

Donnerstag, 24.00 Uhr
Der Wuhrplatz hat sich geleert. Nur noch der «eiserne Kern» ist hier und genehmigt sich einen letzten Drink. So auch Gerhard Käser (Präsident des Kulturvereins Chrämerhuus) und Beat Hasler. Dann herrscht Stille.

Freitag, 9 Uhr
«Fluchtweg» - ein Simulationsspiel zum Schweizer Flüchtlingstag steht für Freitagmorgen auf dem Programm. «Wir sind erst am Einrichten des Standes», heisst es aber dort. Interessierte werden um eine Stunde vertröstet.

Freitag, 10 Uhr
Das Spiel beginnt mit einer Klasse der Kunsthochschule Zürich. Organisiert von der Schweizerischen Flüchtlingshilfe und Interunido (Verein zur Förderung der Bildung und Integration im Oberaargau) werden die Besucher im Raum Alte Mühle auf eine gefährliche, aber lehrreiche Reise geführt. Gezeigt wird, wie es in einem Land mit instabiler Lage gehen kann. Schüsse fallen. Leute, die an einem Fest teilnehmen, werden entführt, Familien werden getrennt, verhört, in einem dunklen Stall eingesperrt. Das nackte Chaos. Fluchtversuche in einem Lastwagen (zwischen zwei Rädern eingepfercht) und mit einem Boot (über die Langete) werden gezeigt. Das Ganze ist sehr eindrücklich.

Freitag, 12 Uhr
Essen. Thomas Niklaus (Geschäftsleiter Interunido) hilft beim Schöpfen von Tojug-Plow. Passanten ziehen vorbei. Längst auch schon beim Mittagessen sind jetzt die Kinder der fünf Langenthaler Kindergärten, die bis 10.40 Uhr dem Wuhrplatz einen Besuch abgestattet hatten. «Es ist eine Art Ortskunde», so Kindergärtnerin Nathalie Scheibli.

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