Kinderspital
Chefarzt des Kispi: «Manche hätten früher kommen sollen»

Die Zahl der Notfälle ist am Kinderspital Zürich stark gesunken. Kein gutes Zeichen, sagt Chefarzt Georg Staubli. Er erklärt die Hintergründe und wie das Kinderspital andere Spitäler entlasten kann.

Heinz Zürcher
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Chefarzt Georg Staubli (54) leitet die Notfallstation und die Kinderschutzgruppe des Kinderspitals Zürich.

Chefarzt Georg Staubli (54) leitet die Notfallstation und die Kinderschutzgruppe des Kinderspitals Zürich.

Limmattaler Zeitung

Sie rufen in einer Videobotschaft dazu auf, die Kinder zum Arzt oder ins Spital zu bringen, wenn sie krank sind.
Georg Staubli: Eigentlich müssen wir Eltern ja jeweils bitten, nur in den Notfall zu kommen, wenn es wirklich nötig ist. Dass es einmal umgekehrt sein könnte, hätte ich nicht gedacht.

Wie kam es dazu?
Wir hatten zuletzt ein paar Fälle, bei denen die Kinder früher hätten vorbeikommen sollen. Es waren keine lebensbedrohenden Situationen wie teils in anderen Spitälern. Aber dennoch. Ein Kind hatte sich den Fuss verknackst und lief seit drei Tagen nicht mehr. Ein anderes hatte Fieber und Husten, dazu eine tiefe Sauerstoffsättigung. Früher wären Eltern in solchen Fällen sofort ins Kinderspital geeilt.

Wegen einer möglichen Ansteckungsgefahr sind sie zu Hause geblieben?
Wir gehen davon aus. Jedenfalls ist das keine gute Entwicklung. Deshalb der Aufruf und der Hinweis, dass eine Covid-19-Erkrankung bei Kindern nicht schwer verläuft und wir darauf vorbereitet sind. Wir haben einen speziellen Zugang für Covid-Verdachtsfälle organisiert.

Wie stark ist der Rückgang bei der Notaufnahme?
Bis zu 50 Prozent. Über Ostern hatten wir wieder etwas mehr Patientinnen und Patienten, etwa 100. Normalerweise sind es über Ostern zwischen 150 und 160.

Was waren die häufigsten Ursachen?
Hauptsächlich Verletzungen, die beim Spielen entstanden sind, teils aber auch wegen Durchfall oder schweren Hustens – ausgelöst durch eine normale Grippeinfektion.

Ist der Rückgang nicht auch dadurch zu erklären, dass Kinder daheim weniger oft verunfallen als beispielsweise auf dem Schulweg oder beim Sport?
Das ist wohl mit ein Grund. Ich höre auch von anderen Kinderärzten, dass sie derzeit deutlich weniger Patientinnen und Patienten haben.

Befürchten Sie einen Anstieg der Fälle von Kindesmissbrauch? Die Behörden gehen davon aus, dass häusliche Gewalt zunehmen wird.
Bis jetzt haben wir keine Zunahme registriert. Einerseits kann das daran liegen, dass die Kinder nicht in der Schule sind und dadurch weniger Verdachtsfälle gemeldet werden. Andererseits betreffen ja die meisten körperlichen Missbrauchsfälle Kinder im Alter von unter fünf Jahren. Von daher ist es schwer zu sagen. Dass Eltern mehr Zeit mit ihren Kindern verbringen können, wirkt sich grundsätzlich sicher positiv aus. Problematisch ist es dort, wo die Familiensituation schon belastet ist und sie nun zu eskalieren droht.

Haben oder hatten Sie Kinder mit Covid-19 am Kinderspital?
Wir hatten fünf Kinder, die positiv getestet wurden. Sie hatten Husten und Fieber, konnten aber bald wieder nach Hause. Zudem haben wir ein vier Wochen altes Baby, dessen Eltern positiv getestet wurden, für ein paar Tage zur Überwachung aufgenommen.

Und beim Personal?
Von 290 getesteten Mitarbeitenden waren 29 positiv. Sie konnten zuhause bleiben, wir hatten immer genug Personal.

Mussten Sie viele geplante Operationen verschieben?
Was wir verschieben konnten, haben wir verschoben. Dadurch hatten wir etwa 50 Prozent weniger Eingriffe als sonst. Teils haben Eltern auch von sich aus Operationstermine abgesagt.

Seit dem 6. April gibt es am Kinderspital Kurzarbeit. Können Sie den Betrieb schnell wieder hochfahren, wenn die Einschränkungen gelockert werden?
Das ist kein Problem. Auf den Intensivstationen und in der Anästhesie wird sowieso im normalen Pensum gearbeitet.

Könnten Sie auch erwachsene Covid-19-Patienten aufnehmen?
Falls die Ansteckungen stark zunehmen, ist das ein mögliches Szenario. Wir haben 17 Beatmungsplätze, könnten in einem ersten Schritt auf 25 und in einem zweiten auf 30 erhöhen. Es macht aber wenig Sinn, 85-jährige Covid-Patienten aufzunehmen. Die Idee wäre eher, dass wir junge Erwachsene – beispielsweise jemand, der verunfallt ist – bei uns behandeln und dadurch andere Spitäler entlasten.

Wie ist die Stimmung am Kinderspital?
Am Anfang war unsere Sorge gross, dass Mitarbeitende an der Front aus Angst vor einer Ansteckung zu Hause bleiben würden. Das ist aber nicht eingetreten und sehr erfreulich. Die anfängliche Unruhe hat sich gelegt. Man hat sich daran gewöhnt,
mit Mundschutz und zwei Meter Abstand zu arbeiten. Auch wird mittlerweile von Angehörigen akzeptiert, dass nur eine erwachsene Person ein Kind ins Spital begleiten darf.

Material haben Sie genug?
Schutzmasken hatten wir immer genug. Etwas knapp sind wir beim Propofol, das bei Schmerzen und Atemproblemen hilft. Wir setzen es einfach sparsamer ein und steigen, sofern möglich, auf andere
Medikamente um. Aber wie es aussieht, scheinen die Massnahmen des Bundes zu wirken und das Schlimmste scheint überstanden zu sein.

Und wenn nicht?
Dann sind wir gerüstet.

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