Unterengstringen
Bei «Züri kocht» kommen wildfremde Menschen zusammen - und gehen als Freunde auseinander

Dank «Züri kocht» essen wildfremde Menschen miteinander – auch im Limmattal. Etwa bei Sabine Lintzen, die am Wochenende ein Drei-Gänge-Menü für fünf Gäste auf den Tisch zauberte

Flurina Dünki
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Mit zunehmender Stunde werden die Lacher häufiger.
17 Bilder
Kurz angebraten werden die Rindsfilets, bevor sie zum Niedergaren in den Ofen kommen
Hobby-Sommelier Peter Lanz im Element
Hat jemand etwas Schlechtes über den Wein gesagt
Es hat noch Wein.
Züri kocht
Die Zabaglione will auch schon vor Eintreffens der Gäste vorbereitet sein.
Ein liebevoll gedeckter Tisch wartet auf unbekannte Tafelgäste.
Die Köchin war selbstkritisch hinsichtlich des Gemüses. Die Gäste sahen das weniger eng.
Diese emsig Diskutierenden waren sich bis vor 2 Stunden noch fremd.
Das viele Schälen lohnte sich. Die Spargeln waren ein Genuss.
Beim Suppe-Schöpfen helfen alle mit.
Auch über Espresso wissen die Gourmets zu fachsimpeln.
Die illustre Gästeschar
Das Filet ist das Highlight des Abends.
Die Hunde hatten sich nicht übers Internet angemeldet.
Aperitiv aus Ölen und Salzen

Mit zunehmender Stunde werden die Lacher häufiger.

Flurina Dünki

Beim Klingeln dringt sogleich ein Hundegebell durch die Wohnungstür. Die Frau Ende 40, die mir die Tür öffnet, macht so gar nicht den Eindruck einer Gastgeberin in den letzten Zügen. Nur ein paar zugedeckte Töpfe auf dem Herd und der für sieben Personen gedeckte Tisch verraten, dass sich im Unterengstringer Haus von Sabine Lintzen gleich eine ungewöhnliche Schar Gäste zum Samstagabend-Essen einfinden wird.

Lintzen wird an diesem Abend ein Drei-Gänge-Menü mit Niedergar-Rindsfilet als Hauptgang servieren. Ein paar der Leute, die in ihrer Stube um den Tisch sitzen werden, hat die Unterengstringerin zuvor noch nie gesehen. Die Köchin und die Speisenden haben sich über die Internetplattform «Züri kocht» zum Abendessen verabredet.

Seit 2014 gibt es die Online-Plattform, die Köche und Esserinnen aus der Region Zürich zusammenbringt. Sie ist aber nicht etwa als Partnervermittlungsseite gedacht, sondern gibt den Nutzern die Möglichkeit, ihrer Vorliebe für gutes Essen in einer jeweils neu zusammengewürfelten Gruppe Gleichgesinnter nachzugehen. Die Idee dazu stammt von «Züri kocht»-Mitbegründer und Hobbykoch Thorsten Scherbaum, der damals nach einer Möglichkeit suchte, seine gezauberten Menüs mit anderen Gourmets zusammen zu geniessen. Um seine Idee zu verwirklichen, besuchte er einen Onlinemarketing-Kurs. Ein Glückstreffer: Mit Kursleiter Daniel Niklaus lernte er dort gleich seinen zukünftigen Businesspartner kennen.

Dinnerparty: alle zwei Wochen

Alle zwei Wochen können Interessierte nun zwischen etwa sechs Angeboten auswählen – oder selber zur Dinnerparty laden. So hätte ich an diesem Wochenende etwa auch bei einem vietnamesischen Dinner oder einem Spargelessen reinschauen können. Der Unkostenbeitrag steht auf der Internetseite neben dem Menü und beträgt für mein Wahlessen 42 Franken.

Nachdem Lintzen, die ihre Kochkünste nach eigenen Aussagen ihrer Grossmutter verdankt, im Herbst 2014 von «Züri kocht» erfuhr, war sie sogleich Feuer und Flamme. Ihr Lebenspartner Peter Lanz hingegen war zuerst skeptisch, wildfremde Leute im trauten Heim zu Tisch zu bitten. Dann überzeuge ihn aber das Argument, dass er sich «nur um den Wein» kümmern müsse.

In seiner Rolle als Sommelier geht der 54-Jährige an diesem Abend vollkommen auf. Zwei verschiedene Weine, Prosecco und eine reiche Auswahl von Grappas wird er bis zum Ende des Abends reichen. Inzwischen ist Lanz ebenso begeistert von den Essen wie seine Partnerin: «Es kommen Fremde und es gehen Freunde».

Der Hund bellt wieder. Zwei adrette Damen stossen zur Runde. Beim Aperitif – geschnittenes Brot, das zuerst in Öl und dann in eine Auswahl exotischer Salze getaucht wird – stossen die letzten beiden Feinschmecker zur Runde.

Die meisten Gäste sind angenehm

Die Gespräche dieses Abends laufen auf dieselbe Weise ab, wie sie auch bei jeder anderen Einladung geführt würden. Vieles dreht sich natürlich um Essen und Kochen. So erfahre ich zum Beispiel, wie man Fisch in Randensaft kocht, oder dass ein «Sous-Vide» ein Vakuumgarer ist. Doch eigentlich lässt nur der Austausch über technische Details der Internetseite und Erfahrungen bei früheren «Züri kocht»-Essen auf die Organisation per Online-Plattform schliessen. So hätten sie alle schon schräge Charaktere unter ihren Mit-Essern gehabt, doch eine durchweg negative Erfahrung, die den Abend zum Schreckenserlebnis gemacht hätte, habe von den sechs Internet-Gourmets noch keiner gehabt.

«Einer unserer Gäste fiel einst durch sein besserwisserisches Gehabe sehr negativ auf», erzählt etwa Lintzen. Zum Glück sei der Herr dann aber in den angeregten Gesprächen der anderen wieder untergegangen.

«Das Essen spielt bei ‹Züri kocht› eine grosse Rolle, aber die Gesellschaft ist noch wichtiger», sagt Sandra Sulzberger. Für Lintzens Essen ist sie von Zürich nach Unterengstringen gekommen. Die unkomplizierte Organisation, die neuen Bekanntschaften und das fröhliche Zusammensitzen seien einfach schön. Die anderen stimmen ihr zu: Man käme durch die spezielle Zusammenstellung mit Leuten in Kontakt, mit denen man sich auf anderem Wege nicht angefreundet hätte. Gerade dies stelle die Bereicherung dar.

Die Chemie stimmt auf Anhieb

Die zufällig zusammengewürfelte Gesellschaft dieses Abends versteht sich prächtig. Immer wieder wird das Gespräch durch heftiges Lachen unterbrochen. Als die Gastgeber die selbst gemachte Zabaglione reichen, lassen sich sogar die zuerst skeptischen Hunde von der Stimmung anstecken: Sie gesellen sich nun zur Runde lassen sich kraulen.

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