Eishockey NLA Playoff
Zug-Torhüter Tobias Stephan kann keine Titel gewinnen

Zug hat ein Torhüter-Problem. Die Berner haben die Schwäche von Tobias Stephan erkannt und zu den entscheidenden Treffern ausgenützt. Es bleibt wohl dabei: Tobias Stephan kann keine Titel gewinnen.

Klaus Zaugg
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Zugs Goalie Tobias Stephan hat ein Problem mit Flachschüssen. Er ist 1,92 Meter gross.

Zugs Goalie Tobias Stephan hat ein Problem mit Flachschüssen. Er ist 1,92 Meter gross.

KEYSTONE/GAETAN BALLY

Tobias Stephan (33) ist einer der besten Torhüter der Liga. An einem guten Abend ist er sogar der beste. Aber in diesem Playoff-Final gehört er zu den tragischen Helden. Er ist ein sanfter Riese auf tönernen Füssen.

Wir finden im Buch der Bücher eine treffende Beschreibung dieses Problems, das Zug wohl den Titel kosten wird. Der Prophet Daniel schildert dem König von Babylon ein Traumbild: «Das Haupt des Riesen war von feinem Gold, seine Brust und seine Arme waren von Silber, sein Bauch und seine Lenden waren von Kupfer, seine Schenkel waren von Eisen. Aber seine Füsse waren von Ton.»

Zugs Tobias Stephan ist ein sanfter und flinker Riese. 192 Zentimeter gross und 85 Kilo schwer. Die perfekte Goalie-Postur. Im 21. Jahrhundert werden die Stürmer kleiner und die Torhüter grösser.

Tobias Stephan hat die ideale Goalie-Postur.

Tobias Stephan hat die ideale Goalie-Postur.

Keystone

Der ehemalige Klotener Junior ist, wie die meisten grossen, modernen Goalies, ein «Butterfly-Stilist». Er geht in die Knie, die Schoner werden wie Schmetterlings-Flügel auf dem Eis aufgestellt, und die Schüsse auf die obere Hälfte des Tores wehrt er mit Armen, Fanghand und mit seinem ganzen Körper ab.

Weil «Butterfly-Goalies» unten zumachen, versuchen die Stürmer, ihn durch hohe Schüsse zu überwinden. Berns Trainer Kari Jalonen achtet auf alle Einzelheiten. Sein Team, zu dem auch Torhütertrainer Reto Schürch (einst auch ein «Butterfly-Spezialist») gehört, hat Tobias Stephans Stärken und Schwächen mit wissenschaftlicher Akribie analysiert.

Eine untypische Schwäche

Dabei haben die Berner eine überraschende Schwäche des Zuger Schlussmannes entdeckt. Dieser wehrhafte Riese steht auf tönernen Füssen. Er ist oft nicht dazu in der Lage, flach geschossene Pucks oder Abpraller, die zu seinen Füssen liegen, abzuwehren oder zu blockieren. Eigentlich eine untypische Schwäche eines «Butterfly-Stilisten».

Stephan hatte gegen Bern oft das Nachsehen.

Stephan hatte gegen Bern oft das Nachsehen.

Keystone

Tatsächlich hat Tobias Stephan, der zuvor seine Mannschaft mit einer Fangquote von über 93 Prozent in den Final getragen hatte, gegen den SCB eine verheerende statistische Bilanz. Im ersten Spiel wehrte er lediglich 88,10 Prozent der Pucks ab. In der zweiten Partie waren es sogar nur noch 86,96 Prozent. In erster Linie, weil er tatsächlich ein Riese auf tönernen Füssen war. Vier entscheidende Treffer kassierte er nach dem gleichen Grundmuster: er machte unten nicht dicht und vermochte entweder den Puck nicht zu blockieren oder liess ihn durch die Schoner rutschen. Beim 0:2 und 0:4 im ersten (Endstand 0:5) und beim 1:2 und 2:3 (Endstand 2:4) im zweiten Spiel.

EVZ-Trainer Harold Kreis weiss, dass man seine Torhüter in der Öffentlichkeit kritisieren soll.

EVZ-Trainer Harold Kreis weiss, dass man seine Torhüter in der Öffentlichkeit kritisieren soll.

KEYSTONE

Hockey-Trainer referieren aber eher in aller Öffentlichkeit über ihre sexuellen Vorlieben als über Schwächen ihrer Torhüter. Das Thema ist schlichtweg tabu. Auch Harold Kreis ist ein Hexenmeister der Torhüter-Diplomatie. Als er nach der zweiten Partie in Zug zum fatalen, haltbaren dritten Gegentreffer befragt wird, schaut er gegen den Himmel, tut so, als denke er nach und sagt: «Ich sehe die Szene nicht vor mir.» Er müsse erst das Video anschauen.

Kein Eishockey-Trainer, der bei Sinnen ist, kritisiert seinen Torhüter in der Öffentlichkeit. Vielmehr muss er das Ego und das Selbstvertrauen seines Schlussmannes hegen und pflegen wie kostbares chinesisches Porzellan. Zerbricht es, ist alles Geschirr in der Kabine zerschlagen. Ob Zug noch einmal in diese Serie zurückkehren kann, hängt fast ausschliesslich davon ab, ob Tobias Stephan dazu in der Lage ist, unten dicht zu machen.

Die Statistiken der Teams (inklusive Stephans Fangquote), bevor der Final begann:

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