Analyse
Trotz Rückschlägen: Schwingerkönig Joel Wicki liess sich nie vom Weg abbringen

Joel Wicki gewinnt den Königstitel auch dank seiner mentalen Stärke. Damit überstrahlt er die Innerschweizer Kranzbilanz, die dünn ausfällt.

Claudio Zanini
Claudio Zanini
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Schwingerkönig Joel Wicki mit Siegermuni Magnus

Schwingerkönig Joel Wicki mit Siegermuni Magnus

Bild: Claudio Thoma / Freshfocus

Joel Wicki ist Schwingerkönig. Joel. Wicki. Ist. Schwingerkönig. Man ist versucht, diesen Satz auf den Wahrheitsgehalt zu prüfen. Denn der Innerschweizer Schwingerverband (ISV), der seit 1893 existiert, musste in seiner traditionsreichen Geschichte viele Niederlagen hinnehmen. Mit dem Zuger Harry Knüsel hatte man nur einmal den König in den eigenen Reihen – was angesichts der Verbandsgrösse äusserst bescheiden ist. Am Sonntag ist die Erzählung der ewigen Zweiten zur Mär geworden.

Der 25-jährige Sörenberger Wicki hat beim Eidgenössischen Schwingfest in Pratteln bewiesen, dass er dieser psychischen Herausforderung gewachsen ist. In einer Arena vor 50'900 gut unterrichteten Zuschauerinnen und Zuschauern seiner Arbeit nachzugehen, während sich gefühlt die ganze Nation auf dem Festgelände oder vor dem Bildschirm versammelt, erfordert eine unfassbare mentale Stärke. Wicki war bereit für diesen zweitägigen Marathon – trotz eines suboptimalen Starts.

Seinen besten Auftritt sparte er sich für den Saisonhöhepunkt auf. Das Jahr verlief für ihn ansonsten durchzogen. Er holte sich zwar bedeutende Festsiege, aber er schien gegen die nationale Spitze oft arg unter Druck zu geraten. In der Nachbetrachtung wird die Konstellation vor dem Fest ein Vorteil gewesen sein. Während im Vorfeld des Eidgenössischen der Thurgauer Samuel Giger als erster Anwärter auf den Titel gehandelt wurde und die Comebacks von König Christian Stucki und dem Zuger Pirmin Reichmuth in den Fokus rückten, blieb es um Wicki still.

Pirmin Reichmuth spielte eine tragende Rolle mit seinen fünf Siegen in den ersten fünf Gängen. Mit ihm hatte Wicki einen starken Partner an seiner Seite und musste sich nicht alleine an der Spitze behaupten. Das war ein entscheidender Faktor für den Innerschweizer Sieg. Reichmuth hat dieses Fest wesentlich mitgeprägt und war gewissermassen der Gewinner der ersten Hälfte. Mit seinem Sieg am Samstag gegen Christian Stucki brachte er sich zwischenzeitlich in die Rolle des Topfavoriten.

Am Ende erfüllte sich aber Wicki den Kindheitstraum. Mit seiner typischen Beharrlichkeit verfolgte er ihn immer weiter. Obwohl Rückschläge – wie in jeder anderen Spitzensportkarriere auch – zahlreich vorhanden waren. 2016 gehörte er beim Eidgenössischen zur jungen Generation, die ein Wort um den Sieg mitreden sollte. Doch er verletzte sich Wochen zuvor schwer und musste passen. 2019 stürmte er in Zug in den Schlussgang – und fand in Christian Stucki einen würdigen Bezwinger.

Drei Jahre später liess er sich die erneute Chance gegen Matthias Aeschbacher im Schlussgang nicht nehmen. Wickis Sieg überstrahlt alles an diesem Tag. Auch die dürre Innerschweizer Gesamtbilanz. Nur sieben Kränze gehen an den ISV, das sind sechs weniger als in Zug. Erfreulich sind vor allem die Neukranzer Jonas Burch (Stalden), Matthias Herger (Altdorf) und Joel Ambühl (Hergiswil bei Willisau).

Doch auch dieser kleine Makel kann diesen historischen Tag für die Innerschweizer Schwingerwelt nicht trüben. Joel Wicki dürfte wohl erst in den nächsten Tagen realisieren, was er geschafft hat.