WM-Kolumne
23 Tage an der WM in Katar: «So entging ich in letzter Sekunde einer Verhaftung» – und einmal verführt zur vollen Ladung «Senza Parole»

Unsere Reporter haben die Schweizer Fussballer an der WM in Katar begleitet. Nach dem Aus der Nati fliegen auch sie nach Hause. Welche Erinnerungen haben sie an das Abenteuer? Lesen Sie die persönliche WM-Bilanz.

Etienne Wuillemin, Christian Brägger
Etienne Wuillemin, Christian Brägger 2 Kommentare
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Das ewige Warten auf ein Taxi und der Rausch der arabischen Welt

Etienne Wuillemin.

Etienne Wuillemin.

Sandra Ardizzone

Eigentlich müsste ich es längst wissen. Jedes Mal, wenn die Schweizer Nati ausscheidet, hat das Ende etwas Abruptes. Von einem Moment auf den anderen findet bei mir ein Spannungsabfall statt, noch bevor die letzten Analysen geschrieben sind. Die letzte Nacht im Hotel ist schwierig. Ich bin unendlich müde, kann trotzdem nicht schlafen. Tausend Gedanken gehen mir durch den Kopf.

Um Spiele im Stadion sehen zu können, verzichtete ich manchmal auf ein Nachtessen. Das ist ungewöhnlich für einen Vielfrass wie mich. Wobei ich mich im Notfall immer auf den Benny verlassen kann. Sein indisches Restaurant 100 Meter neben unserem Hotel hat 24 Stunden geöffnet. Es ist mein zweites Zuhause während dieser WM. Mit jedem ­Besuch freut er sich mit seinem Team mehr. Beim Abschied kommt sogar etwas Wehmut auf.

Überhaupt tragen die Menschen in Doha immer ein Lächeln. Auch die unzähligen Security-Leute sind immer freundlich. Ausser einmal, als ich kurz die Nerven verliere, weil ich, übermüdet, nach 45 Minuten immer noch kein Taxi finde und ein Strassen-Hütchen umkicke, weil mir die Securitys Hilfe verweigern. Sofort stürmen sie auf mich zu, das Geschrei verstehe ich nicht, die Körpersprache hingegen schon. Ruhig bleiben, Verhaftung vermeiden. Knapp geglückt.

Manche Begegnungen stimmen mich nachdenklich. Mit einem Journalisten aus dem Iran fahre ich zum Spiel England-USA. Wir sitzen im Bus, er erzählt von der Revolution in seinem Land. Immer wieder schaut er sich um, in der Angst beobachtet zu werden. Er beginnt zu flüstern, sagt: «Ich bin nirgendwo sicher». Wir tauschen Nummern. «Aber schreib mir nicht, sie überwachen mich.»

Einmal stehen wir während eines Streifzugs plötzlich vor einem Schild: «Ask me about Women in Qatar.» Wir erhalten Tee und sollen wirklich alle Fragen stellen. Ich glaube Noryn, drei Kinder, seit 20 Jahren verheiratet, wenn sie sagt: «Uns Frauen hier geht es super. Wir sind so froh, dank einer Verhüllung geschützt zu sein. Hier kümmert sich ein Mann wirklich um seine Familie.» Aber nur ein paar Momente später muss ich mir diesen Satz anhören: «Homosexuelle? Die gab es früher auch nicht! Und stellen Sie sich vor, wenn das so weitergeht. Vergnügen sich die Menschen irgendwann mit Tieren?» Ich kann es nicht fassen.

Ich habe die Schweiz vermisst. Aber die Stimmung vor Ort an der WM war um Welten besser, als das manch ein Europäer glauben mag. Nun jubelt die ganze arabische Welt mit Marokko. Und ich hoffe, dass dieser Rausch noch ein ­bisschen weitergeht.

Reise «Senza Parole»

Die Reise ins heisse Katar war eine der Hoffnung für mich. Nun endet sie, nach 23 Tagen. Ich kehre optimistisch und verführt in die frostige Schweiz heim. Und voller farbiger Begegnungen und Eindrücke. Man möge jetzt nicht die Moralkeule zu dieser verwunschenen WM schwingen, wenn ich sage, wie wohl und heimisch ich mich in Doha gefühlt habe. Ich werde einiges vermissen. Doch ich möchte ehrlich sein: Wegen meiner Vorbehalte brauchte es seine Zeit, bis ich in Land und Leute eintauchen konnte. Umgekehrt spürte ich keine Skepsis.

Noch nie im Leben sind mir freundlichere Menschen wie in Katar begegnet. Zum Beispiel der thailändische Uber-Fahrer, der jeden Wunsch erfüllt. Der «Metro? This Way!»-Megafon-Schreier aus Bangladesch, der noch nach der 20000. Wiederholung lacht. Der pakistanische Portier im Hotel, für den ich ein «Sir» bin. Der indische Restaurantbesitzer, der jetzt mein Facebookfreund ist. Nicht zuletzt das syrische Paar vom letzten Abend, das von Damaskus erzählt und die Berge der Schweiz sehen möchte. Nun mag man einwenden, das sei alles Fassade, vielmehr handle es sich um unterdrückte Menschen, die etwas verkaufen müssten. Vielleicht. Dann hat sie der Emir aber gut gedrillt, oder sie sind fantastische Schauspieler.

Ja, die WM in Katar hat mir zutiefst gefallen. Friedlicher könnte sie kaum sein, so ohne Alkohol in den wunderbaren, aber völlig sinnfreien Stadien oder im feurigen Souq Waqif, Und was für ein Vorteil, in Katar keinen Reisestress an die meist mitreissenden Partien zu haben. Wie spannend, den Serben zu deren Selbstzerfleischung eigene Fragen zu stellen. Wie aufschlussreich, den Dänen zuzuhören, wenn sie vom WM-Titel reden. Und was für ein Schweizer Debakel. Fühlte sich die WM 2018 noch unfertig an, waren wir nach dem 1:6 nun «Senza Parole».

Christian Brägger.

Christian Brägger.

Hanspeter Schiess

Das Bargeld ist mir ohnehin ausgegangen. Unser WM-Out passt also irgendwie. Möge mein gewonnenes Verständnis für den Islam und seine Menschen überdauern. Aber jetzt freue ich mich auf meine drei Mädels, die ich sehr vermisst habe. Ich habe mir zum Znacht Spaghetti mit Tomatensauce gewünscht, und ein Glas Rotwein «Senza Parole» – 23 Tage ohne Alkohol und Pasta sind doch genug. Heute schlafe ich gut. Salam alaikum!

2 Kommentare
Klaus Horn

Klingt für mich interessant, aber sehr wenig kritisch. Wie die Wärme, oder was auch immer (eine finanzielle "Abfindung" für einen positiven Bericht von der FIFA oder den Kataris?), die Journalisten weichgespült hätte... (anfänglich war ich versucht, von "brainwashed" zu sprechen).