Interview

«Wir kämpfen ums Überleben»: Der Präsident der Swiss Football League sieht keine Alternativen zu Geisterspielen

Harte Zeiten: SFL-Präsident Heinrich Schifferle.

Harte Zeiten: SFL-Präsident Heinrich Schifferle.

Heinrich Schifferle ist Präsident der Swiss Football League und sieht für die Fortsetzung der Saison keine Alternativen zu Geisterspielen.

Der Bundesrat hat am Donnerstag Lockerungen der Massnahmen gegen das Coronavirus bekannt gegeben. Haben Sie neue Erkenntnisse erhalten, wie es mit dem Fussball in der Swiss Football League weitergeht?

Heinrich Schifferle: Nein, sicher ist weiterhin nur, dass alles unsicher ist. Wir können für die kommenden Wochen keinen Fahrplan erstellen. Wir gehen jedoch davon aus, dass Grossveranstaltungen als Letztes bewilligt werden. Zuoberst auf unserer Agenda steht: wie können wir den Trainings- und den Spielbetrieb organisieren? Wie gehen wir dabei vor? Wir haben schon Ende Februar mit dieser Arbeit begonnen. Diese soll aufzeigen, was es braucht, um die Fortsetzung der Meisterschaft in der Super League und in der Challenge League mit Geisterspielen zu ermöglichen.

Entscheiden wird aber der Bund.

Wir haben in Zusammenarbeit mit Spezialisten aus dem Bereich Biosicherheit/Medizin von der Universität Bern ein Papier erarbeitet, wie die Organisation von Trainings und die Wiederaufnahme der Meisterschaft aussehen könnte. Spiele ohne Zuschauer zu veranstalten – das klingt einfach und easy, ist aber ganz und gar nicht so.

Worauf kommt es an?

Klar wurde: Das Coronavirus erhöht den Aufwand für Geisterspiele enorm. Das gilt bereits auch für den Trainingsbetrieb mit all den Hygienemassnahmen. Um überhaupt mit den Ernstkämpfen beginnen zu können, müssen die Mannschaften dafür parat sein und zwei bis drei Wochen im Mannschaftstraining stehen. Wir müssen uns sicher sein, dass alle gesund sind. Das bedingt regelmässige Tests bei den Spielern, dem Staff und anderen involvierten Personen.

Man kann sich gut vorstellen, dass dies zu erheblichen Kosten führt. Corona-Schnelltests kosten um die 200 Franken. Da läppert sich für eine Mannschaft pro Spieltag eine Summe von gegen 10 000 Franken zusammen. Bei 20 Mannschaften in der Swiss Football League macht das 200 000 Franken.

Genaue Zahlen haben wir noch nicht. Aber wir wissen: Das kann teuer werden.

Wann könnte im Idealfall die Meisterschaft – es stehen noch 13 Runden aus – mit Geisterspielen fortgesetzt werden?

Der Bund hat ein Kernteam eingesetzt, welches innerhalb kurzer Frist eine Transitionsstrategie Sport ausarbeiten soll. Wir sind dort vertreten. Letztlich hängt es aber natürlich von den Entscheiden des Bundesrats ab.

Fussball ist ein Kontaktsport und es ist daher unmöglich, die Distanzregeln einzuhalten. Auch steht ein Weiterspielen auf wackligen Beinen, weil ein infizierter Spieler dafür sorgen kann, dass ein Teil oder die ganze Mannschaft unter Quarantäne muss. Deshalb haben England, Deutschland, Spanien und Italien verschiedene Szenarien entworfen, um das zu verhindern. So sollen die Mannschaften zum Beispiel nur an gewissen Orten spielen und ständig unter Quarantäne leben. Denkt die SFL auch so?

Es gibt verschiedene Szenarien, ja. Der Ball liegt nun bei den Behörden.

Gerade die grossen Ligen drängen wegen der horrenden Fernsehgelder darauf, die Saison um jeden Preis zu Ende zu spielen. Wie sehr ist die SFL mit deutlich geringeren TV-Einnahmen überhaupt an einer Fortsetzung interessiert?

Auch wir möchten die Meisterschaft seriös beenden. Ob das einen Monat früher oder später geschieht, ist inzwischen nicht mehr matchentscheidend. Es geht darum, unseren Fussball am Leben zu erhalten. Wir stehen erst am Anfang unserer Probleme. Wir werden wahrscheinlich noch während Monaten ohne Zuschauer spielen müssen und grösste Probleme auf der Einnahmenseite haben. Es brechen ja alle Einnahmen vom Ticketing über den Verkauf von Saisonabonnementen und Fanartikeln bis zum Catering weg; ausser den TV-Geldern. Die Durststrecke für den Profifussball kommt erst.

Vor sechs Wochen haben sich die Klubs noch vehement gegen Geisterspiele ausgesprochen. Hat ein Sinneswandel stattgefunden?

Die Vereine haben gemerkt: Es geht gar nicht anders. Ob man es toll findet oder nicht. Wir müssen das Tal der Tränen durchschreiten, wenn es mit Geisterspielen die Möglichkeit gibt, weiterzumachen.

Ist Belgien, das die Saison abgebrochen hat (nach Intervention der Uefa ist das letzte Wort aber noch nicht gesprochen), kein Vorbild?

Nein. Wir brechen nicht ab. Vielleicht werden wir aber abgebrochen. Ohne die Details zu kennen, finde ich das Vorpreschen der Belgier nicht gut. So läuft man Gefahr, Strukturen zu zerstören. Ein Abbruch wäre der erste Schritt dazu.

Es geht auch um Arbeitsplätze.

Gemäss einer Studie sind nur schon für die Super League im weitesten Sinn 3300 Stellen betroffen und es geht um einen Umsatz von 800 Millionen Franken. Es geht also um viel. Selbst wenn Fussball im Moment nicht das Wichtigste ist, müssen wir dafür sorgen, dass seine Strukturen noch da sind, wenn es denn einmal weitergeht. Wir sind verpflichtet, alles dafür zu tun, dass unsere Klubs und der ganze Schweizer Fussball weiter existieren. Wir kämpfen ums Überleben.»

Ist zu befürchten, dass viele Sponsoren den Vereinen den Rücken kehren, weil sie selber in Not sind?

Nicht den Rücken kehren, aber das Portemonnaie ist nicht mehr so offen. Das ist eigentlich eine logische Konsequenz. Es hängt viel davon ab, wie gut die Zusammenarbeit der Vereine mit den Partnern ist.

Welchen Eindruck haben Sie von den Klubs und deren Umgang mit dieser Situation?

Obwohl eine gewisse Nervosität und Unsicherheit zu spüren ist, bin ich beeindruckt von der Professionalität und der Ruhe, die herrscht.

Beim FC Basel sieht es aber beim Lohnzwist zwischen dem Klub und den Spielern anders aus.

Dazu äussere ich mich nicht. Das sind Interna des FCB, deren Details ich nicht kenne.

In Deutschland hat der «Kicker» geschrieben, 13 der 36 Erst- und Zweitligisten seien von der Insolvenz bedroht. Wie sieht es in der Schweiz aus?

Zwei Monate können unsere Klubs überstehen. Wenn sie aber sechs Monate ohne Zuschauereinnahmen bleiben, dann haben wir sehr grosse Probleme. Es hängt nun extrem viel davon ab, was in den nächsten Wochen und Monaten passiert. Die Unsicherheit vor der Zukunft ist gross, denn die grössten Probleme kommen erst auf uns zu.

Ohne Kurzarbeit gingen die Lichter manchenorts schon jetzt aus.

Kurzarbeit war bisher die einzig grosse Massnahme, welche die Entlastung der Budgets zur Folge hatte. Wir werden aber zusätzliche Unterstützung brauchen. Kurzarbeit wird ja nicht ewig bezahlt werden.

Denken Sie an die 50 Millionen Franken, die der Bund für den Profisport in Aussicht gestellt hat?

Das klingt eigentlich ganz gut. Doch die Voraussetzungen sind so, dass man erst Geld bekommt, wenn man es schon gar nicht mehr beantragen dürfte. Nein, wir brauchen weitere Unterstützung durch die Behörden bei Finanzierungen. Wir reden sicher nicht von Geschenken. Doch wir brauchen Liquiditätshilfen wie Bürgschaftsgarantien. Wir brauchen Überbrückungshilfen. Wir sind auf die Unterstützung durch die Politik angewiesen. Wir benötigen Sicherheit. Unser Lebensnerv ist nicht ab-, aber angeschnitten. Keine Branche kann etwas dafür, was passiert ist.

Christian Constantin, der Präsident des FC Sion, wirft den Fussballverbänden aber vor, keine Versicherungen abgeschlossen zu haben wie die Veranstalter in Wimbledon oder der Eishockey-WM. Der Fussball zahle für das Versagen der Ligabosse.

Die SFL organisiert die Meisterschaft. Aber der Veranstalter des Spiels ist der Klub. Es gab schon mal Abklärungen, die TV-Gelder versicherungstechnisch abzudecken, aber dies war nicht möglich. Doch natürlich stellen sich heute alle Fragen neu. Aber Anlässe wie die Eishockey-WM sind Einzelanlässe und daher nicht vergleichbar.

Hegen Sie die Befürchtung, dass der Sport in der Schweiz, etwa im Vergleich zu Deutschland mit der Bundesliga, zu wenig Akzeptanz geniesst?

Der Sport in der Schweiz hat einen extrem hohen Stellenwert. Das wird aber nicht so wahrgenommen. Oder erst jetzt, wo wir ihn nicht mehr haben. Wir überschätzen unsere Bedeutung nicht. Wir wissen: die Gesundheit steht über allem. Aber wir kämpfen dafür, dass wir noch da sind, wenn das Coronavirus einmal besiegt sein wird.

Zur Person

Der 66-jährige Heinrich Schifferle war jahrelang in der Klubführung des FC Winterthur tätig und wurde 1999 Finanzchef im Komitee der Swiss Football League. Ab 2003 war er Geschäftsführer der Immobilienfirma Siska. 2011 wurde er zum Präsidenten der SFL gewählt. Schon im ersten Jahr hatte er Brandherde wie den FC Sion (36 Punkte Abzug durch die Fifa wegen Einsätzen nicht qualifizierter Spieler) und Xamax (Konkurs nach der Amtsübernahme durch Bulat Tschagajew) zu löschen. Schifferle ist verheiratet und hat zwei erwachsene Kinder und vier Enkel. (br)

Autor

Markus Brütsch

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