Olympische Spiele

Winterspiele in Peking oder Almaty – Wahl zwischen Pest und Cholera

Chinesische Skifahrer werben für ein Festival in Zhangjikau, wo 2022 die Schneewettkämpfe ausgetragen werden sollen.

Chinesische Skifahrer werben für ein Festival in Zhangjikau, wo 2022 die Schneewettkämpfe ausgetragen werden sollen.

Ende Monat werden die Olympischen Winterspiele 2022 vergeben – an Peking oder Almaty. Europäische Bewerbungen scheiterten bereits vor der Zielgeraden. Dass soll sich nach einer Reform im IOC wieder ändern.

Heute beginnt die 127. Sitzung des Internationalen olympischen Komitees (IOC) in Kuala Lumpur. An deren Ende am 31. August steht die Vergabe der Olympischen Winterspiele 2022. Die beiden Kandidaten: Peking und Almaty. Es wirkt wie eine Wahl zwischen ungünstig und unerwünscht. Auf der einen Seite Peking, das kaum über angemessene geologische Voraussetzungen für Winterspiele verfügt, auf der anderen das autoritär geführte Kasachstan, wo Menschenrechts- und Nachhaltigkeitsdiskussionen vorprogrammiert wären.

Olympia 2022 wird sich einreihen in eine Liste von Sotschi (Winterspiele 2014 in Russland), Nanjing (Jugendspiele 2014 in China), Baku (Europaspiele 2015 in Aserbaidschan), Pyeongchang (Winterspiele 2018 in Südkorea) oder Tokio (Sommerspiele 2020 in Japan). Eine Entwicklung, welche Jörg Schild, Präsident von Swiss Olympic, kurz und treffend als «Verschiebung nach rechts auf der Landkarte» beschreibt.

Das IOC steht vor einem Dilemma, das es zu lösen gilt, denn es zeichnet sich eine gefährliche Tendenz ab. Dass nur noch autoritär geführte Länder dazu bereit sind, (olympische) Grossanlässe zu organisieren. Gian Gilli, ehemaliger Direktor von Swiss Olympic und eine treibende Kraft hinter der gescheiterten Kandidatur von Graubünden für 2022, formuliert es wie folgt: «Die Spiele finden tendenziell immer mehr an Orten statt, wo die Projekte prestigegeladen sind. Da stellt sich die Frage, ist das noch Wintersport?»

Sämtliche europäische Interessenten für Olympia 2022 haben bereits vor innenpolitischem Widerstand kapituliert. Als letzter hatte Oslo seine Kandidatur im Oktober 2014 zurückgezogen. Zuvor hatten sich bereits Stockholm, Krakau, Lemberg, Graubünden und München aus dem Rennen verabschiedet.

Kosten von 51 Milliarden

«Autoritäre Staaten müssen nicht über jeden Franken abstimmen. Der Staat sagt, man organisiere Olympische Spiele, und dann wird es gemacht», erklärt Schild. In demokratischen Ländern dagegen können die Bürger mitbestimmen. Und in der Bevölkerung der europäischen Staaten hat sich eine Zahl eingebrannt: 51 Milliarden Franken. So viel kosteten die letzten Olympischen Winterspiele in Sotschi. Eine irrwitzige Zahl, welche dem Image von Spielen und IOC nachhaltigen Schaden zufügte. Werner Augsburger, langjähriger Mitarbeiter bei Swiss Olympic, war zwischen September 2011 und Januar 2012 Sportdirektor der Spiele in Sotschi. Er hat den Gigantismus hautnah miterlebt und bestätigt: «Die Spiele nehmen Dimensionen an, die viele westliche Demokratien nicht mehr bereit sind zu tragen.» Schild sagt klipp und klar: «Die Olympischen Spiele in Sotschi mit ihrem Gigantismus und den enormen Kosten haben uns geschadet.»

Auch wenn Augsburger verteidigt, dass Sotschi aus Sicht der Nationen und Athleten super organisiert war, ist klar, dass sich etwas ändern muss. Der neue Präsident des IOC, Thomas Bach, hat die Tendenzen erkannt und möchte dagegen ankämpfen. Deshalb wurde die «Agenda 2020» ins Leben gerufen, die Olympia wieder kleiner und vor allem günstiger machen und den Abschied vom Gigantismus einleiten soll.

«Agenda 2020» als Hoffnung

So können olympische Gastgeber in Zukunft einzelne Wettbewerbe in eine andere Region, und aus Gründen der Geografie oder mangelnder Nachnutzung sogar ausserhalb des Landes verlegen. Bewerbungen sollen vereinfacht und deren Aufwand begrenzt werden. Olympische Spiele sollen machbarer werden und dem Charakter des Gastgebers stärker Rechnung tragen.

Diese Reformen kamen zu spät für Olympia 2022, die Bewerbungsfrist war bereits verstrichen. Aber wenn sie konsequent durchgesetzt werden, können sie Olympische Winterspiele in Europa wieder möglich machen. Das sieht auch Schild so: «Die Agenda 2020 schafft neue Voraussetzungen für den Bewerbungsprozess als Unterstützung für die Kandidaten. Es werden sich dadurch wieder vermehrt Länder überlegen, ob sie kandidieren wollen.» Aber vorerst seien das nur Vorsätze auf dem Papier. Es gelte nun, diese auch umzusetzen. Dazu brauche es vor allem ein klares Bekenntnis zur Nachhaltigkeit und zu weniger Gigantismus.

Gian Gilli sieht das genau gleich, und ergänzt: «Es geht darum, wie man Kandidaturen am besten unterstützen kann, damit diese weniger Auflagen haben.» Kurz: um Vernunftlösungen. Augsburger sagt dazu: «Man muss als europäisches Land einfach den Mut haben, es anders zu machen. Nicht wie die Vorgänger, noch grösser, noch besser, sondern individuell, angepasst an die eigenen Voraussetzungen.» Dies sollte dank Agenda 2020 möglich werden.

So ist Gian Gilli auch überzeugt, dass es wieder Winterspiele in Europa geben wird. Und es ist ihm wichtig zu betonen, dass die Schweiz sich so bald als möglich wieder mit einer Kandidatur auseinandersetzen soll. Am besten schon für Olympia 2026. Denn eines ist klar: Gibt es eine Wahl zwischen Kandidaten wie Peking, Almaty oder der Schweiz, hat ein natürliches Wintersportland mit ausgeprägter bereits verfügbarer Infrastruktur sehr gute Chancen.

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