Ski-WM St. Moritz

Wendy Holdener über Mikaela Shiffrin: «Ich muss nicht ihre beste Freundin sein»

Nach Gold in der Kombination mit Silber im Slalom: Wendy Holdener

Nach Gold in der Kombination mit Silber im Slalom: Wendy Holdener

Wendy Holdener spricht im Interview mit der «nordwestschweiz» über ihre WM-Medaillen, das Leben im Rampenlicht und Mikaela Shiffrin.

Ihr Vater ist bei Ihren Fahrten immer brutal nervös. Wissen Sie, was Sie ihm da jeweils antun?

Wendy Holdener: Ich denke zum Glück am Start nicht daran. Aber ja, ich weiss zum Beispiel, dass er, wenn er nicht im Stadion ist, schon eine halbe Stunde vor dem Rennen nervös auf dem Sofa liegt.

Er stand am Samstag bei Ihrer Silber-Fahrt im Ziel und kurz vor dem Nervenzusammenbruch.

Die Mutter von Denise Feierabend nimmt Beruhigungstabletten vor den Rennen. Sie hat meinem Vater geraten, das auch mal zu versuchen (lacht). Ich muss ihn fragen, was er nächstes Mal macht.

Wendy Holdener und Michelle Gisin nach dem Doppelsieg

Wendy Holdener und Michelle Gisin nach dem Doppelsieg

Sie haben zwei WM-Medaillen gewonnen. Haben Sie begriffen, was diese Erfolge bedeuten?

Ich glaube, die Menschen um mich herum sehen das mehr als ich. Aber doch, ich realisiere es immer mehr. Ich selbst bin ja noch die gleiche Person wie vorher. Aber es sind schon Meilensteine, die ich erreicht habe, die mir niemand mehr wegnehmen kann. Für die Zukunft wird mir das helfen in meiner Karriere.

Das tönt recht nüchtern.

Das stimmt. Aber wir haben lange auf das hingearbeitet. Die Erfolge kamen ja nicht aus dem Nichts.

Dann haben Sie erwartet, dass die WM so erfolgreich wird für Sie?

Nein, das nicht. Ich hoffte, dass es gut laufen würde. Bis Mitte Januar hatte ich den Fokus aber noch nicht auf die WM gerichtet. Ich wollte das so, weil ich ziemlich Respekt vor dieser Heim-WM hatte.

Wieso?

Ich hatte das Gefühl, der Rummel werde zu gross. Ich hatte Angst, dass zu viele Leute etwas von mir möchten und ich allem gerecht werden müsse, es aber nicht kann. Dann hat es aber extrem gut funktioniert. Wir wurden gut abgeschirmt. Das war für mich sehr wichtig. Ich bin keine Person, die den grossen Rummel sucht, wenn ich Rennen fahren muss.

Sie sagten vor zwei Wochen, dass Sie zuerst lernen mussten, sich auf diese Heim-WM zu freuen.

Nach der Enttäuschung von Stockholm, wo ich im City-Event in der ersten Runde ausgeschieden bin, war ich ziemlich zerstört (es war das letzte Rennen vor der WM; die Red.). Da ist es mir richtig schlecht gegangen. Mein Bruder Kevin, der mich als Manager begleitet, hat mir dann einen Brief geschrieben. Es waren solche Kleinigkeiten, die mir wieder bewusst machten, was ein solcher Anlass bedeutet. Eine Heim-WM darf nicht jede Athletin erleben. Ich versuchte, mich zu freuen, dass die Menschen kommen, um mich zu sehen.

Sie stehen nicht gerne im Mittelpunkt.

Teilweise wird es mir schon zu viel. Darum bin ich froh, wenn es vorbei ist.

Das dürfte als Weltmeisterin und Silbermedaillengewinnerin künftig etwas schwieriger werden.

Ich habe recht schnell im Internet entdeckt, dass es einen Empfang für mich geben wird. Und ich dachte: Nein, jetzt schon? Nicht erst wenn die Saison vorbei ist? Aber es gehört halt dazu, das ist mir bewusst. Die Menschen wollen mich sehen.

Genau.

Besonders für die Kinder ist es schön, so einen Anlass zu erleben. Bei mir zu Hause bin ich ein Vorbild für sie. Ich habe das ja selbst als Kind erlebt mit Andrea Dettling, die bei uns in der Gegend lebt. Weil wir schon am Freitag in Crans-Montana das nächste Rennen fahren, wird das jetzt etwas stressig. Aber es ist auch gut, wenn es gerade gemacht wird, weil es eben noch frisch ist.

Man könnte also sagen: Alle haben Freude an Ihnen, aber Sie haben nicht sonderlich Freude an so viel Aufmerksamkeit.

Es gibt ja auch andere Athleten, die das nicht gerne machen und es trotzdem tun. Es ist manchmal unangenehm. Alle schauen auf dich und du kannst nichts machen. Aber ich möchte nicht, dass diese Aussage negativ rüberkommt, es ist einfach so.

Kann man sich daran gewöhnen?

Ich glaube ein bisschen schon, man wird lockerer. Es ist normal geworden, dass ich zu allen TV-Stationen muss. Es ist nicht mehr so: Ohh, ich komme im Fernsehen. In so Momenten wird mir auch bewusst, was ich geleistet habe. Auch wenn ich vielleicht nüchtern spreche, sind es schon schöne Momente für mich. Oder wenn ich das Strahlen in den Augen der Kinder sehe, berührt mich das.

Wie haben Sie den Rummel bisher erlebt?

Viel wird erst noch auf mich zukommen. Medaillen im eigenen Land zu gewinnen, ist schon sehr speziell. Ich weiss nicht, wie ich mit allem, was jetzt kommt, umgehen werde. Aber ich werde das schon meistern, da habe ich keine Angst. Ich muss einfach alles sehr gut planen und mich darauf einstellen. Das ist wichtig. Gewisse Pflichtdinge gehören dazu, anderes muss ich halt absagen.

Ihre Familie ist Ihnen sehr wichtig. Wie war es, die Erfolge gemeinsam zu erleben?

Die Umarmungen im Ziel waren sehr speziell. Nach dem Slalom war ich sehr emotional, weil mir bewusst wurde, dass ich es geschafft habe, dass alles vorbei und so gut gelaufen ist. Auch mein Bruder Steve, der in Hongkong lebt, hat mir oft geschrieben. Er wäre auch gerne hier gewesen.

Nachdem Sie Kombi-Gold gewannen, verbrachten Sie zwei Tage zu Hause. Warum?

Ich hätte dem Rummel auch hier in St. Moritz entfliehen können. Im Hotel hatten wir es recht ruhig, das war wirklich gut geregelt. Ich konnte auch hier spazieren gehen mit einer privaten Jacke und die Menschen haben mich nicht sofort erkannt. Aber zu Hause war ich wirklich weg von allem. In St. Moritz ging es immer nur um die Rennen und die Athleten. Der Tapetenwechsel war wichtig für mich. Ich konnte zu Hause alles in eine Ecke stellen und etwas ganz anderes tun.

Was?

Ich ging oft mit meinem Vater spazieren. Wir haben unsere Runde, die wir gerne machen.

Konnten Sie dabei abschalten?

Mein Kopf ist selten abgestellt, irgendetwas überlege ich immer.

Fällt nun mit dem Ende der WM eine Last von Ihnen ab?

Wenn es immer nur heisst: WM, WM, WM, dann ist das schon eine lange Zeit.

Spüren Sie die Entspannung körperlich oder mental?

Vor allem psychisch. Der Druck macht müde oder man fühlt sich müde. Ich hatte manchmal das Gefühl, dass ich müde Beine habe. Doch die Messungen zeigten, dass ich topfit bin.

Sie messen Ihre körperliche Fitness?

Wir haben seit diesem Jahr ein Gerät, mit dem wir am Morgen nach dem Aufstehen Messungen machen. Es zeigt an, wie fit man ist, wie das Nervensystem funktioniert, wie der Puls ist. Aufgrund dieser Daten wissen wir, in welchem Bereich wir an diesem Tag trainieren. Man darf das nicht überbewerten, aber ich hatte zum Beispiel zwei Tage vor dem Slalom eine 10, das ist der höchste Wert, das macht dann Freude.

Sie brauchen die Bestätigung einer Maschine, damit Sie sehen, dass alles gut ist?

Es ist sicher nicht schlecht, vor allem in diesen Situationen, in denen ich nicht einschätzen kann, ob nun meine Beine müde sind oder mir einfach alles zu viel ist. Am Renntag messen wir auch, aber dann werden die Zahlen ausgeblendet. Wenn ich eine 5 hätte, würde ich denken: Heute kann ich nicht Ski fahren. Nach dem Rennen schaue ich die Zahlen am Abend manchmal an. Ich hatte schon eine 3 und fuhr auf das Podest.

Was hat bei Ihnen die Leidenschaft für das Skifahren geweckt?

Wir sind von klein auf Ski gefahren, die ganze Familie liebt diesen Sport.

Um so gut zu werden, wie Sie es heute sind, braucht es aber mehr. Was treibt Sie an?

(überlegt lange) Das Ziel im Leben ist, dass man glücklich ist, und das bin ich am meisten beim Skifahren. Das ist meine Leidenschaft, mein Hobby, das mein Leben ausfüllt. Ich habe zum Beispiel nie gewusst, was ich für einen Beruf lernen will. Ich weiss noch heute nicht, was ich sonst in meinem Leben gemacht hätte. Deshalb erachte ich es als extremes Privileg, dass ich das tun kann, was ich gerne mache. Ich habe so viele gute Leute kennen gelernt, beste Freundinnen gefunden und habe ein cooles Team, mit dem ich arbeiten darf. Es gibt viele Sachen, die ich dank dem Skifahren habe.

Apropos Team. Viele Spitzenathleten sind in einem Privatteam unterwegs. Wäre das auch ein Weg für Sie, um den letzten Schritt in Richtung Mikaela Shiffrin zu machen, die im Slalom dominiert?

Solange ich ein so gutes Team habe, ist das kein Thema. Ich bin nicht der Typ, der sich selber etwas aufbaut. Ich bin Teamplayer. Mir tut der Druck im Team gut. Ich werde besser durch andere. Wenn meine Kolleginnen schneller fahren als ich, pusht mich das. Das hat man im Privatteam nicht.

Sie fahren fast immer auf das Podest, aber Shiffrin ist einfach noch schneller. Nervt das?

Bisher war das kein Problem, weil ich immer Passagen hatte, mit denen ich nicht zufrieden war. Wenn ich einmal zwei perfekte Läufe haben sollte und ich immer noch hinter ihr liege, dann ist das schon ernüchternd. Und ja: Sie hat die letzten vier Grossanlässe gewonnen. Das ist schon bitter.

Welches Verhältnis haben Sie zu ihr?

Wir haben praktisch keinen Austausch, ich komme kaum an sie heran. Sie ist nie allein. Sie hat immer ihre Mutter und ihr Team um sich herum, das sie abschirmt.

Stört Sie das?

Sie ist sicher die Einzige, die das so macht. Aber ich bin ja mit meinem Team unterwegs. Ich muss nicht die beste Freundin von ihr sein. Das spielt für mich keine Rolle. Sie soll ihr Ding machen.

Was kommt als Nächstes in Ihrer Karriere?

Das nächste Ziel ist ein Sieg im Slalom. Und ich will mich im Riesenslalom verbessern. Viel weiter habe ich nicht überlegt. Es gibt derzeit so viel, das ich abhaken kann auf der Liste meiner Träume.

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