Russland ist nicht der einzige Hotspot auf der internationalen Doping-Landkarte. Auch in Kenia summierten sich die positiven Fälle in letzter Zeit zu einem bedenklichen Gesamtbild. Wer von Kenia spricht, denkt an Distanzläufer. Diese Verbindung gilt erst recht in Sachen Doping. Von 138 gesperrten Athleten seit 2004 sind 131 Läufer. Da weiss die nationale Antidoping-Agentur, wo sie anklopfen muss. 91 Prozent aller jährlichen Proben stammen aus dem Ausdauerbereich der Leichtathletik.

Die Sage von den afrikanischen Naturburschen, die in der dünnen Luft auf 2000 Metern Höhe bereits im Kindesalter barfuss zum 15 Kilometer entfernten Schulhaus rennen und so die Basis für spätere Olympiasiege schaffen, hat zuletzt bedenkliche Risse erlitten. Deshalb schaut seit Dezember 2016 auch die Welt-Antidoping-Agentur Wada genau hin. Gemeinsam mit dem Internationalen Leichtathletikverband ist man dem kenianischen Doping auf den Grund gegangen.

Das Fazit ist verblüffend: «Doping in Kenia unterscheidet sich auf drastische Weise von Dopingstrukturen in anderen Weltgegenden. Die Praktiken sind unsystematisch und unkoordiniert.» Vor allem lokale Mediziner verkaufen den Sportlern gerne mal ein Präparat extra. Das Wissen über Doping ist auf einem erschreckend tiefen Stand – bei Läufern wie bei Ärzten.

Allerdings gilt es zu differenzieren. Die mit Abstand am meisten verwendete Substanz ist Nandrolon. Was bei Distanzrennen nur begrenzt Sinn macht. Kenianische Sportler sind für weltweit 22 Prozent aller Nandrolon-Fälle in der Leichtathletik verantwortlich. Weit verbreitet ist das Dopingmittel beim Rest der Welt vielmehr im Bodybuilding und Gewichtheben. In Kenia bekommt man Nandrolon in jeder Apotheke und beim Arzt kostengünstig ohne Rezept. Es kann bequem oral eingenommen werden.

EPO hingegen, das eigentliche Wundermittel für dopende Ausdauerathleten, ist massiv teurer, schwieriger erhältlich und muss gespritzt werden. Es ist in Kenia quasi der Oberklasse der Doping-Kundschaft vorbehalten. Bei neun der elf sportlich erfolgreichsten überführten Betrüger hiess die verbotene Substanz im Blut EPO.

Die Ermittlungen dauern an. Im Fokus stehen auch die oft aus Europa stammenden Manager der heimischen Laufstars. Ihre Rolle bei der Beschaffung und Verabreichung von Doping gibt ebenfalls kein einheitliches Bild ab. «Einige wissen nichts davon, dass ihr Athlet dopt, andere sind dabei federführend», sagt Wada-Chefermittler Günter Younger. Während der dopende Sportler für vier Jahre gesperrt wird, ist eine Sanktion gegen den obskuren Berater oft gar nicht möglich.