Simon Ammann
Simon Ammann: «Ich bin in einer einzigartigen Position»

Mit dem WM-Titel im Skifliegen und einem Sprung auf 236,5 Meter hat Simon Ammann seine phänomenale Saison nach dem Doppel-Olympiasieg und dem Triumph im Gesamtweltcup mit einem weiteren Höhepunkt abgeschlossen. Im Interview zieht er Bilanz.

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Keystone

Simon Steiner, Planica

Simon Ammann, Sie haben eine unglaubliche Saison hinter sich. Hätten Sie so etwas für möglich gehalten?
Simon Ammann: Eine solche Erfolgsserie kann man nicht planen. Man kann nur gute Grundlagen schaffen und sie dann umzusetzen versuchen. In den letzten Wochen ist so viel passiert, dass ich mich nicht mehr an alles erinnern kann. Ich brauche noch etwas Zeit, um das alles richtig einordnen zu können. Ich bin mental zeitweise an den Anschlag gekommen.

Werden Sie sich die vielen Eindrücke und Ereignisse bewusst wieder hervorrufen, um sie zu verarbeiten?
Ammann: Ja. Ich habe gewisse Momente mit verschiedenen Posen einzigartig zu machen versucht. Das hilft mir dabei, sie in der Erinnerung festzuhalten. Es stehen zwar jetzt noch diverse Verpflichtungen an, aber ich werde mir zwischendurch immer wieder Zeit nehmen, um alles Revue passieren zu lassen. Dieser Ausklang ist wichtig. Nach meinem ersten Doppel-Olympiasieg vor acht Jahren habe ich dem zu wenig Beachtung geschenkt und zu schnell wieder nur nach vorne geschaut.

Braucht man nach einem solchen Winter noch mehr Abstand zum Skispringen als nach einer mittelmässigen Saison?
Ammann: Ich bin da realistisch. So viel Abstand wird nicht möglich sein, da meine Erfolge immer wieder ein Thema sein werden. Mit dem Erfolg wächst die Verantwortung, und ich mache mir heute mehr Gedanken als noch mit zwanzig. Vielleicht stehe ich in der Pflicht, erwachsener zu werden, auch wenn ich mir ein Stück der Vogelfreiheit des Skispringers bewahren möchte. Wichtig ist mir bei all dem, meine Privatsphäre so weit zu wahren, dass ich im Alltag nicht ständig nach rechts und nach links schauen muss.

Steigt nun auch der Erwartungsdruck?
Ammann: Ich habe sehr viel Feedback aus der Schweiz erhalten und erlebe das als positiv. Gleichzeitig bin ich nun in einer einzigartigen Position, was die Vermarktung betrifft. Ich werde in einer aussergewöhnlichen Liga gute Sachen machen können. Da ist sehr viel gelaufen in den letzten Wochen, jetzt werden wir die Angebote filtern müssen. Das Ziel ist es, über das Karrierenende hinaus Partnerschaften einzugehen. Die Qualität soll dabei über der Quantität stehen.

Man hat den Eindruck, dass Sie bisher trotz allen Erfolgen werbemässig nicht so präsent waren, wie man das eigentlich hätte erwarten können.
Ammann: In der Schweiz muss man alles besonders gut bestätigen, damit man für Sponsoren interessant wird. Vielleicht hängt es auch damit zusammen, dass im Skiverband immer mehrere Athleten da waren, die den Erfolg mitgetragen haben. Und das ist gut so.

In Salt Lake City wurden Sie 2002 ohne Weltcupsieg auf dem Konto gleich Doppel-Olympiasieger. Nun sind Sie Weltmeister im Skifliegen ohne Weltcupsieg. Sehen Sie da Parallelen?
Ammann: Das lässt sich kaum vergleichen. In Salt Lake City war auch viel Glück im Spiel. Jetzt habe ich erreicht, worauf ich in all den Jahren hingearbeitet habe. Ich bin ein kompletter Skispringer, der seine Leistung immer wieder abrufen kann. Wie es in dieser Saison gelaufen ist, ist schöner, als es in jedem Drehbuch steht.

Den angestrebten Weltrekord zum Saisonschluss haben Sie knapp verpasst. Waren Sie diese Saison zu gut dafür? So gut, dass man Ihnen nicht genügend Anlauf zugestanden hat?
Ammann: Nein, die Jury hat gute Arbeit geleistet und weit fliegen lassen. Mit jenem Aufwind, den die Springer zwei, drei Startnummern vor mir hatten, wären die 239 Meter möglich gewesen. Ich bin sehr direkt hinausgesprungen und konnte viel Tempo mitnehmen. Das ist das Grösste in unserem Sport, wenn man so ins Fliegen kommt. Ob es dann für den Weltrekord reicht oder nicht, sieht man erst, wenn man unten ist.

Können Sie sich mit dem Sieg über den verpassten Rekord hinwegtrösten?
Ammann: Das wäre noch die absolute Krönung gewesen, aber mit der Goldmedaille war der Tag nahezu perfekt. Von Walter Steiner im Zielraum aus erster Hand die Gratulation entgegennehmen zu dürfen, ist eine grosse Ehre. Er bleibt für mich der grösste Skiflieger aller Zeiten. Ich habe grossen Respekt vor dem, was er damals unter abenteuerlichen Bedingungen geleistet hat.

Sie haben schon seit längerem gesagt, dass Sie Ihre Karriere 2011 beenden könnten. Sehen Sie das immer noch so?
Ammann: Das ist noch offen. Die Chancen stehen bei 50 Prozent, dass ich noch länger als einen Winter dabeibleibe.

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