Tiger Woods hat so eindrücklich wie nie zuvor gezeigt, dass er ein Phänomen ist. Von vielen abgeschrieben, triumphierte er am US-Masters in Augusta, am Golfturnier, das viele für das wichtigste halten.

Am 15. Loch der Schlussrunde im Augusta National Golfclub übernahm Woods mit einem Birdie erstmals im ganzen Turnier die alleinige Führung. Mit einem weiteren Birdie am legendären 16. Loch, dem von einem Teich gesäumten Par 3 mit abschüssigem Green, baute er die Führung auf zwei Schläge aus. Am letzten Loch leistete er sich noch einen Schlagverlust (Bogey), wohl wissend, dass er das Turnier trotzdem gewinnen würde.

Am 72. Loch macht Tiger Woods die Sensation perfekt:

In Augusta, am prestigeträchtigsten der vier Turniere mit Grand-Slam-Charakter, hat er nach den Erfolgen von 1997, 2001, 2002 und 2005 nun zum fünften Mal triumphiert. Einzig Jack Nicklaus mit sechs zwischen 1963 und 1986 errungenen Siegen liegt noch vor Woods. Nach der neuerlichen Machtdemonstration des Superstars scheint es nicht mehr unmöglich zu sein, dass Woods den Allzeit-Rekord von Nicklaus (18 Majorturnier-Siege) trotz seines fortgeschrittenen Alters angreifen kann.

Sexskandal und gesundheitliche Rückschläge

Woods' Sieg ist geradezu phänomenal. Über das Können hat er immer verfügt, er ist der mit Abstand stärkste Golfer der Neuzeit. Aber in den letzten zehn Jahren erlebte er viel Negatives, das ihn für lange Zeit aus der Bahn warf. Es begann Ende 2009 mit dem selbstverschuldeten Ehe- und Sexskandal. Ab 2014 hatte er volle vier Jahre fast nur noch mit gesundheitlichen Problemen zu kämpfen. Lange schien es, als würde er nicht mehr auf die Tour zurückkehren können, schon gar nicht auf seinem bekannten Niveau. Der Tiefpunkt war eine vorübergehende Festnahme durch die Polizei. Er wurde, unter Medikamenten- oder Drogeneinfluss stehend, in seinem Auto von der Polizei aufgegriffen und abgeführt. Das den Spieler in einem desolaten Zustande zeigende Verbrecherfoto, das nach der Verhaftung gemacht wurde, ging um die Welt. Nach einem Deal mit dem Gericht konnte er eine Verurteilung vermeiden.

Aber ab Anfang 2018, nach insgesamt vier Rückenoperationen, tastete sich Woods wieder heran. Letzten Herbst glückte ihm bereits wieder ein Sieg auf dem amerikanischen Circuit, und zwar an der Tour Championship in Florida, die den besten 30 Spielern vorbehalten ist. Der jetzige Erfolg, nach dem er sich zum fünften Mal ins Grüne Jackett des US-Masters-Siegers einkleiden liess, stellt jedoch alles in Woods' grossartiger Karriere in den Schatten. Es ist eine Rückkehr, wie sie noch vor nicht langem für unmöglich gehalten wurde.

In der Schlussrunde des 83. Masters herrschte an der Spitze ein Gedränge mit laufenden Führungswechseln. Zeitweise waren fünf Spieler schlaggleich voraus. Der Italiener Francesco Molinari, Sieger des letztjährigen British Open in Carnoustie, festigte anfänglich seine Führung von zwei Schlägen, die er nach der 3. Runde innegehabt hatte. Aber am 12. Loch erwischte es den Turiner. An diesem sehr kurzen, aber tückischen Par 3 handelte er sich einen doppelten Schlagverlust ein, von dem er sich nicht mehr erholte. Am nächsten kamen Woods zuletzt nicht unerwartet seine e Landsmänner Brooks Koepka und Dustin Johnson sowie der noch als Aussenseiter zählende weitere Amerikaner Xander Schauffele. Mit einem Sieg hätte Koepka seine eigene Geschichte geschrieben. Er wäre seit den besten Zeiten von Tiger Woods der erste Golfer gewesen, der innerhalb von zwei Jahren vier Majorturniere gewinnt.