Kunstturnen

Die erfolgreiche Ära Fluck geht zu Ende

Cheftrainer Bernhard Fluck muss den Schweizerischen Turnverband Ende Jahr verlassen

Cheftrainer Bernhard Fluck muss den Schweizerischen Turnverband Ende Jahr verlassen

Die Schweizer Kunstturner reisen mit einem neuen Cheftrainer an die Olympischen Spiele 2021. Der Schweizerische Turnverband verlängert den Vertrag mit Bernhard Fluck nicht.

Der Schweizerische Turnverband kommt derzeit nicht zur Ruhe. Nach der Entlassung der Cheftrainerin und der vorübergehenden Einstellung des Trainingsbetriebs der Rhythmischen Gymnastik in Magglingen rumort es nun auch im Kunstturnen. Der STV wird bei den Männern mit einer neuen Trainercrew ins 2021 starten, womit die erfolgreiche Ära von Cheftrainer Bernhard Fluck vor Ablauf des Olympia-Zyklus' zu Ende geht. Das goutiert dieser nicht.

Am 19. Juni hatten die STV-Verantwortlichen Fluck mitgeteilt, den Ende Jahr auslaufenden Vertrag nicht bis nach den Olympischen Spielen in Tokio im Sommer 2021 zu verlängern. Seither herrschte von Seiten des Verbandes Funkstille, so dass Fluck am Dienstag den Schritt an die Öffentlichkeit suchte. "Ich mache mir Sorgen um die Nationalmannschaft im Hinblick auf Tokio", sagte Fluck, der im Mai 2021 seinen 65. Geburtstag feiert. Und: "Wie sich der Verband gegenüber mir verhalten hat, ist respektlos. Ich fühle mich von den Verantwortlichen ausgenutzt."

Der Zürcher hatte sich Ende März nach der Verschiebung der Spiele wegen der Corona-Pandemie bereit erklärt, bis nach Tokio im August 2021 weiterzumachen, stiess mit seinem Wunsch bei den Vorgesetzten aber auf taube Ohren. Die Enttäuschung über den Entscheid ist spürbar: "Ich lebe Kunstturnen 100 Prozent - am Tag und in der Nacht, sieben Tage die Woche." Er habe alles unternommen, um eine gute Mannschaft, ein funktionierendes Trainerteam und ein optimales Umfeld aufzubauen. "Ich kenne die Athleten und bin täglich mit ihnen zusammen. Ich weiss sogar, wer welches Deo benutzt."

Die Krönung seiner Trainerlaufbahn bleibt Fluck erneut verwehrt, nachdem dieser bereits 2016 in Rio de Janeiro wegen des geringen Akkreditierungskontingents von Swiss Olympic zuhause bleiben musste - als Cheftrainer! Dass Fluck - wie vom STV angedacht - bis zu seiner Pensionierung im nächsten Mai in beratender Funktion oder als Projektleiter dem Verband erhalten bleiben wird, ist kaum vorstellbar.

Paris 2024 im Fokus

Felix Stingelin, Chef Leistungssport des STV, zeigte sich "perplex" über das Vorpreschen des Cheftrainers. Persönlich könne er die Enttäuschung von Fluck nachvollziehen. "Wir haben uns aber entschieden, an der ursprünglichen Planung festzuhalten." Laut Stingelin hat der Verband die Nachfolgeregelung schon vor längerer Zeit in Angriff genommen. Diese Pläne wollte der STV trotz Corona nicht über den Haufen werfen, zumal es durch die Abgänge von Laurent Tricoire und Rolf Thalmann sowieso zu Änderungen im Trainerteam gekommen wäre. "Und ob die Olympischen Spiele 2021 stattfinden können, ist alles andere als sicher", so Stingelin.

Der Fokus des STV gilt den Spielen 2024 in Paris. Wer am 1. Januar 2021 Flucks Nachfolge antreten wird, ist zwar geklärt, der Vertrag aber noch nicht unterschrieben. Zu einer Revolution wird es in Magglingen nicht kommen, "am Grundsystem wird nicht gerüttelt", so Stingelin. Favorit auf den Posten ist der Franzose Laurent Guelzec, der langjährige Assistent von Fluck.

Eindrückliches Palmarès

Mit dem Abgang Flucks geht die erfolgreichste Männer-Ära der Neuzeit zu Ende. Der langjährige Nachwuchschef hatte 2009 die Nationalmannschaft übernommen und führte diese in die erweiterte Weltspitze. An den Weltmeisterschaften 2019 in Stuttgart belegte sie im Final Rang 7, nachdem sie sich zuvor souverän für die Spiele in Tokio qualifiziert hatte - zum zweiten Mal in Folge.

2016 in Rio de Janeiro war der STV erstmals seit 1992 wieder mit einer Mannschaft bei Olympia vertreten. Den Höhepunkt schaffte das Quintett mit Pablo Brägger, Oliver Hegi, Eddy Yusof, Christian Baumann und Benjamin Gischard 2016 an der Heim-EM in Bern, als es mit Team-Bronze eine historische Medaille für den STV gewann. Ein Jahr später holte Brägger den EM-Titel am Reck, 2018 krönte sich Hegi zu dessen Nachfolger.

STV-Führung unter Beschuss

Die Art und Weise des Abgangs von Fluck stellt der STV-Führung um Zentralpräsident Erwin Grossenbacher, Geschäftsführer Ruedi Hediger und Stingelin erneut kein gutes Zeugnis aus. Diese waren zuletzt in die Kritik geraten, nachdem ehemalige Gymnastinnen im "Blick" schwere Vorwürfe gegen Trainerinnen und deren Trainings- und Umgangsmethoden erhoben hatten. Als Folge einer internen Untersuchung stellte der STV die Trainerinnen frei, neuerliche Vorwürfe ehemaliger Athletinnen im "Blick" und der "NZZ am Sonntag" sorgten dafür, dass der STV den Trainingsbetrieb der Gymnastinnen in Magglingen bis auf Weiteres eingestellt hat.

Auch der Weltverband FIG wurde auf die Vorkommnisse aufmerksam. Die von der ehemaligen Bundesrätin Micheline Calmy-Rey präsidierte Ethik-Kommission teilte am Dienstag mit, dass sie den Fall überwache.

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