Schweizer Olympia-Momente

Die abenteuerlichen Reisen des Schweizer Rekord-Olympioniken

Die Schweizer Nationalmannschaft der Kunstturner im Jahre 1936 mit August Güttinger (in Zivil) und Georges Miez (links von Güttinger)

Die Schweizer Nationalmannschaft der Kunstturner im Jahre 1936 mit August Güttinger (in Zivil) und Georges Miez (links von Güttinger)

Er ist der Schweizer Olympionike mit den meisten Medaillen: Der Turner Georges Miez sammelt sein Edelmetall zwischen 1924 und 1936 auf abenteuerlichen Reisen.

Auch 45 Jahre später schwingt in den Worten von Jürg Stahl die Bewunderung mit, wenn er gegenüber Keystone-SDA von einer Begegnung mit Miez erzählt. Der Präsident von Swiss Olympic war ein kleiner Knirps und der grosse Turner kam bei Gelegenheit in die Drogerie der Stahls im Winterthurer Stadtteil Töss vorbei, um den Vater zu besuchen. "Eines Tages hat er einen Handstand auf der Theke neben der Kasse gemacht. Ich war damals sieben oder acht und schwer beeindruckt. Er war schon über siebzig."

Miez hatte auch im hohen Alter noch Aussergewöhnliches drauf und zeigte dies gerne. Noch als über Achtzigjähriger schaffte er den Spagat und leitete Kurse in seinem Fitness-Studio am Luganersee. Fast bis zu seinem Tod am 21. April 1999 hielt er sich mit Gymnastik fit - ganz seinem eigenen, 1947 veröffentlichten Leitfaden folgend: "Bleib beweglich und dadurch jung." Bevor er wenige Wochen nach einem Schlaganfall mit 94 Jahren starb, war er der zweitälteste noch lebende Olympiasieger.

Miez war ein herausragender Turner, einer der besten seiner Zeit, wovon viermal Gold, dreimal Silber und zweimal Bronze an den Olympischen Spielen zwischen den Weltkriegen zeugen. Er schaute aber auch weiter als bloss bis zur nächsten Übung. In Berlin, bei den Spielen 1936, die von der Nazi-Propaganda geprägt waren, holte er nicht nur seine letzten zwei Medaillen, sondern fiel auch auf, weil er wie seine Teamkollegen auf den Hitlergruss verzichtete. "Das ist für mich eine seiner grössten Leistungen", sagt Stahl, der wie Miez in Töss aufgewachsen ist.

Der Turner erzählte von den damaligen Geschehnissen über 50 Jahre später im Schweizer Fernsehen: "Man hatte mir im Vorfeld gesagt: 'Halten Sie den Arm auf.' Ich habe gesagt: 'Das mache ich nicht. Als Schweizer macht man diesen Gruss nicht.' Aber es war sehr gefährlich. Nach dem Auftritt im Stadion waren wir in Gefahr, weil wir den Arm nicht aufhielten."

Dem passiven Widerstand war ein sehr aktiver vorangegangen. Die Schweizer Turner waren die mit Abstand ernsthaftesten Widersacher der Deutschen beim unter freien Himmel ausgetragenen zweitägigen Wettkampf. Die Teamwertung verloren sie nur, weil die Gastgeber von der Jury bevorteilt wurden - so die Meinung der Schweizer Athleten auch Jahre später. Im Bodenturnen konnte aber niemand mit Miez mithalten. Für seinen vierten Olympia-Triumph erhielt er neben der Goldmedaille auch eine junge Eiche. Diese steht heute bei der Sportanlage Deutweg in Winterthur. Ganz in der Nähe erinnert auch ein Stein mit Plakette an den Berliner Erfolg von Miez: Sieger im Freiübungsturnen.

Im Alleingang nach L.A.

Die Plakette wird der Karriere von Miez natürlich nicht gerecht. Berlin war bloss die letzte Station einer bemerkenswerten Reise, mit der er sich seine olympischen Auszeichnungen verdienen musste. "Er war wie eine ganze Generation von Olympioniken auch ein Abenteurer. Es war eine völlig andere Zeit", bemerkt Stahl. "Heute ist die Herausforderung für die talentierten Athleten, ganz auf die Karte Sport zu setzen. Das ist auch ein Abenteuer, aber es ist natürlich nicht gleich spannend wie das, was Giorgio erzählen konnte."

Für die Spiele 1932 reiste Miez, der damals schon im Tessin wohnte und später Giorgio genannt wurde, als einer von nur fünf Schweizern nach Los Angeles. Wegen der Wirtschaftskrise gab es keine offizielle Delegation. Er ging mit seinem Ersparten, rund 10'000 Franken, um die halbe Welt: mit dem Dampfer während drei Wochen von Le Havre nach New York und dann mit dem Zug fünf Tage und vier Nächte Richtung Los Angeles. Seine Trainings machte er im Unterdeck des Schiffs oder im Waschsalon des Zuges.

In Los Angeles bestritt Miez dann nur das Bodenturnen. Nach dem 2. Platz stieg er aus dem Wettbewerb aus, weil er von einem Juror, der seinem ungarischen Landsmann zum Titel verhelfen wollte, ungerecht behandelt wurde. In den USA machte er sich daraufhin erfolgreich ans Geldverdienen - er wirkte als Animator bei einem Filmstudio und soll dort unter anderen Greta Garbo und Marlene Dietrich getrimmt haben. "Ich habe Geld genommen, wenn ich es konnte", erzählte Miez Jahre später. "Ich war kein Amateur im olympischen Sinn." Auch für Kunststücke soll er gelegentlich dankend einen Zustupf angenommen haben, etwa für einen Handstand auf dem Eiffelturm oder auf einem New Yorker Wolkenkratzer.

Bauernschläue und eiserner Wille habe Miez ausgezeichnet, erzählt Stahl. Er sei aber auch ein Ästhet mit ausgeprägtem Körperkult gewesen. Miez erfand die weissen, enganliegenden Turnhosen, mit denen er 1928 in Amsterdam dreimal Gold und einmal Silber gewann. Er betreute in seinem Fitness-Studio einige Prominenz. Zudem schrieb er diverse Bücher zum Thema Gymnastik, machte eine Offizierskarriere im Militär und wirkte im Tessin als Turn-Förderer.

Einleitung:

Titel, Tränen, Triumphe - normalerweise würden sich die besten Schweizer Sommersportler aktuell im Endspurt auf die Olympischen Spiele in Tokio befinden. Wegen der Corona-Pandemie müssen sie sich jedoch noch ein Jahr gedulden. Keystone-SDA nutzt die Gelegenheit und blickt während sieben Wochen bis Ende Juli in einer Serie dreimal wöchentlich auf besondere Schweizer Olympia-Momente zurück. Im Fokus stehen Triumphe, aber auch bittere Niederlagen und spezielle Geschichten von Schweizer Sportgrössen.

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