Skispringen

Der Routinier lässt keine Routine zu: Simon Ammann bleibt ganz der Alte und sucht unvermindert das Neue

Auch bei den Special Olympics für geistig Behinderte engagiert sich Simon Ammann regelmässig.

Auch bei den Special Olympics für geistig Behinderte engagiert sich Simon Ammann regelmässig.

In seine 22. Weltcupsaison startet Simon Ammann mit neuem Material und grossen Zielen. Zuvor muss der 37-jährige Familienvater an der HSG noch seine erste Semesterarbeit einreichen.

Wie macht er das bloss? Wer Simon Ammanns Funktionen und Projekte aufzählen will, droht den Überblick zu verlieren: Ammann, der Skispringer. Ammann, der Hotelbesitzer und Bergbahnen-Verwaltungsrat. Ammann, der Hobbypilot, der Dachdeckerfirmen-Besitzer, der Sportmanager. Und Ammann, der zweifache Familienvater.

Wirklich überraschend kam es nicht, als man im September von seinen neusten Plänen erfuhr: Der 37-Jährige hat ein Betriebswirtschafts-Studium an der Universität St. Gallen in Angriff genommen. Eigentlich wollte er das ja nicht an die grosse Glocke hängen. Aber als doppelter Doppel-Olympiasieger wird man halt erkannt, auch von weit jüngeren HSG-Studenten.

Natürlich, man könnte seine Engagements als wirr und unstet sehen, ihn als Getriebenen verurteilen, sagt Ammann. Dieses Bild wolle er aber nicht vermitteln – und er tut es auch nicht. Wie er am Montag nach einem Studientag mit ein paar Medienleuten über den HSG-Campus geht, wirkt er äusserst entspannt. Und der Skisprung-Routinier beweist seinen altbekannten Schalk. «Wenn ich mich rasiere, gehe ich hier als U30 durch.» Ammann lacht.

Neuer Ski, Schuh und Trainer

Angetrieben habe ihn die Lust zu lernen, sagt der Toggenburger. «Das Mentale und die Konzentration sind ein wesentlicher Teil für einen Skispringer – aus dem Lernen kann ich viel Ruhe herausziehen.» Und: «Nach den Olympischen Spielen gab es Platz, den ich ausfüllen musste.» Ammann kann das Einstiegs-Jahr des BWL-Studiums auf vier Semester verteilen.

2022 hätte er bestenfalls den Master in der Tasche. Noch gibt er sich aber vorsichtig. «Die Hürden sind hoch.» Immerhin: Eine erste Semesterarbeit – es geht darin um Verkehrsthemen – wird er in diesen Tagen abgeben. Danach wird Ammanns Präsenzzeit an der Uni in Richtung null tendieren. Denn am kommenden Wochenende startet er in seine 22. Weltcupsaison – sollte das Springen im polnischen Wisla trotz hoher Temperaturen auch wirklich stattfinden.

Wer nun denkt, das Springen sei neben all den Herausforderungen für Ammann zur Nebensache geworden, der irrt. Er spricht leidenschaftlich von koordinativen Herausforderungen – und über die vielen Wechsel, die seinen Profialltag im Sommer spannend gemacht hätten. Während das Schweizer Team weiter mit Ronny Hornschuh arbeitet, wird Ammann individuell von Roger Kamber betreut, dem ehemaligen Kombinierer. «Etwas, das mir die Planung vereinfacht», sagt Ammann. Zum anderen ist Gerhard Hofer zurück im Team, als Servicetechniker ein enger Vertrauter Ammanns.

Skispringen keine Nebensache

Nach Jahren der Zusammenarbeit mit dem Branchenführer Fischer springt Ammann zudem neu mit Slatnar-Ski. «Am Anfang war offen, ob der Ski wirklich das bringt, was ich mir erhoffte.» Viel Detailarbeit sei nötig gewesen, seit einigen Wochen aber habe die slowenische Firma den Ski so weit, wie er ihn sich wünsche. Ammanns Fazit: «Ich habe in der Summe mehr stabile Sprünge.» Er spricht von Schwingungsverhalten, Kraftübertragung – und davon, «dass der neue Ski unter dem Strich meinen Sprung wieder natürlicher macht».

Auch sei der lange angekündigte, selbst entwickelte Karbonschuh, von dem Ammann schon gerne in Pyeongchang Gebrauch gemacht hätte, im Sommer zum Einsatz gekommen. Was er bringt? Ammanns vereinfachte Erklärung an alle, die noch nie von einer Grossschanze gesprungen sind: «Wenn der Ski zu ziehen beginnt, bringst du ihn besser vom Körper weg und verlierst weniger Energie.»

Olympia-Form weiter nutzen

Im Sommer-GP aber flog Ammann der Spitze noch hinterher. Im Gegensatz zum Waadtländer Killian Peier, der zwei Podestplätze und den sechsten Gesamtrang erreichte. «Ich habe nie etwas dagegen, wenn ein Schweizer vor mir steht», sagt Ammann. Und dennoch ist zu spüren, dass er die Herausforderung annehmen will, die Schweizer Nummer eins zu bleiben. Regelmässige Sprünge in die Top 10 seien sein Ziel, so Ammann. «Für den Wechsel in die Schneespur gibt es gute Vorzeichen.» Und körperlich sei er auf sehr gutem Stand.

Es ist die Zuversicht eines Athleten, der in den vergangenen Jahren grosse Hürden genommen hat. Nach dem Sturz in Bischofshofen 2015 und der darauf folgenden, langwierigen Umstellung der Telemarklandung kämpfte er sich in der vergangenen Saison zurück. «Nach Olympia war die Form derart gut, dass ich dies nun für eine weitere Saison nutzen will.»

Wann ist Schluss?

Womit man bei der ewigen Ammann-Frage wäre: Startet er in seine letzte Saison? «Das ist völlig offen», sagt der 37-Jährige. Schon vor bald fünf Jahren, man glaubt es kaum, war nach den Olympischen Spielen in Sotschi von Ammanns möglichem Rücktritt die Rede gewesen. Der Toggenburger machte weiter – und stemmte sich gegen alle Widerstände. «Solange ich die Arme hochreisse, auch wenn es nur einen zehnten Platz gibt, bin ich sicher noch am richtigen Ort.» Dem Schweizer Sportfan soll es recht sein.

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