Sportpsychologie
Von Klippen springen und stundenlanges Laufen für den «Kick»?

Im Spitzen- und Extremsport wird der Körper bis ans Limit gebracht - Grenzen werden ausgetestet. Was bringt einen Athleten dazu sich Strapazen und Ausnahmesituationen auszusetzen? Der Erklärungsversuch einer Sportpsychologin.

Noëlle Karpf
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Der Solothurner Warren Verboom (links) und Daniela Ryf aus Feldbrunnen (rechts) gehen für den Sport bis ans Limit. (Archiv)

Der Solothurner Warren Verboom (links) und Daniela Ryf aus Feldbrunnen (rechts) gehen für den Sport bis ans Limit. (Archiv)

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Der Solothurner Warren Verboom betreibt sein ganz eigenes Canyoning. Er springt Klippen und Wasserfälle hinunter, macht die verrücktesten Sprünge und lässt den Atem der Zuschauer stocken.

Auch Daniela Ryf aus Feldbrunnen sorgt für Staunen: Rund neun Stunden hält sie am Ironman-Triathlon auf Hawaii durch. Nach kilometerlangem Schwimmen, Radfahren und einem Marathon wird die 28-Jährige Weltmeisterin.

Einer weniger oder gar nicht sportlichen Person erscheint das mehr als nur bemerkenswert. Wie ist eine solche Leistung möglich? Was treibt jemanden dazu, sich für ein Rennen so abzurackern? Und wieso wagt jemand den angsteinflössenden Sprung in die Tiefe – das Ganze kann doch so schnell schief gehen?

Die Rede ist oft vom «Kick», den ein Extremsportler oder eine Extremsportlerin verspüren soll. Fachpsychologin für Sportpsychologie FSP Andrea Binggeli, die auch für die Psychiatrischen Dienste Kanton Solothurn tätig ist, weiss was es mit diesem Phänomen auf sich hat.

Andrea Binggeli, was bringt einen dazu, den eigenen Körper schmerzvollem Training und gefährlichen Situationen auszusetzen?

Andrea Binggeli, Fachpsychologin für Sportpsychologie FSP

Andrea Binggeli, Fachpsychologin für Sportpsychologie FSP

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Und dieses Erfolgserlebnis ist dann der «Kick»?

Der eigentliche «Kick» für einen Spitzensportler oder eine Spitzensportlerin ist eher ein cooler Nebeneffekt. Wenn der Körper eine extrem hohe Leistung vollbringt werden Hormone ausgeschüttet – ein Glücksgefühl entsteht. Ein Extremsportler, der aber zum Beispiel Basejumping macht verspürt einen anderen «Kick» - er erlebt einen Adrenalinschub wenn er sich Ausnahmesituationen stellt. Im professionellen Spitzensport geht es aber nicht nur darum, sondern um den Wettkampf als Ganzen, um den ganzen Weg zum Projekt, und um das Erreichen des gesetzten Ziels.

Kann dieses Highlight süchtig machen?

Ein Wettkampf ist ein Projekt. Darauf wird lange hingearbeitet, es wird geplant und trainiert – man setzt sich ein Ziel. Und wenn das Ganze aufgeht ist das eine Befriedigung für den Athleten oder die Athletin. Das dieses Gefühl gut tut ist etwas Menschliches: Jeder freut sich darüber, wenn er oder sie etwas richtig macht und dafür eine positive Rückmeldung erhält.

Und das treibt dazu an, immer weiter zu kämpfen – eine immer schwierigere Herausforderung zu suchen?

Solche «Kicks» finden sich eher selten im Alltag. Ein Spitzensportler oder eine Spitzensportlerin wird durch diese Highlights angetrieben sich weitere Ziele zu setzen, und weitere Projekte in Angriff zu nehmen. Und in diesem Sinn kann der Spitzen- oder Extremsport süchtig machen. Wenn man merkt, dass einem etwas gut tut, entsteht das Bedürfnis die Situation oder das Gefühl noch einmal zu erleben.

Aber der eigentliche «Kick» passiert durch eine körperliche Reaktion?

Ja. Im Körper werden Hormone ausgeschüttet – am häufigsten Endophine, die auch als «Schmerzkiller» bekannt sind. Durch eine Ausnahmesituation oder extreme Leistung wird eine Schutzreaktion ausgelöst, die ein angenehmes Gefühl auslöst.

Kann dieses Hochgefühl nicht gefährlich werden?

Im Hochleistungssport geht es um das Spiel mit den eigenen Grenzen. Und im Extremsport kann es zusätzlich auch um die Gewissheit gehen, dass es um das ganze Leben geht, wenn etwas schief läuft. Als Sportler oder Sportlerin will man dieses Risiko wahrnehmen, den eigenen Körper total beherrschen. Fallschirmspringer und professionelle Läufer sehen sich beide mit Unvorhersehbarem kontrolliert. Bei einem Sprung sowie bei einem Rennen kann irgendetwas schief gehen. Der Sprung oder das Rennen wird aber auch nicht in Angriff genommen, wenn der Gedanke «Ich werde bei meinem Vorhaben scheitern» da ist. Diese Leute sind bereit für ihre Ziele und suchen ihre Herausforderung. Die Gefahr lauert meiner Meinung nach in zwei Situationen.

Und in welchen?

Es kann zum einen sein, dass sich zum Beispiel ein Bergsteiger auf einer Expedition zu stark treiben lässt, die Emotionen ihn überwältigen. Dann könnte es sein, dass er eine Situation nicht mehr richtig einschätzt – da seine Wahrnehmung nicht mehr der Realität entspricht. Er verliert Konzentration und Fokus und wird anfälliger für Fehler. Auch einem Radler könnte das passieren – im Extremfall geschieht dann im wichtigen Rennen der Fehler oder Stolperer, der nicht passieren sollte. Im Spitzensport muss 100%-ige Aufmerksamkeit herrschen, denn man weiss nie, was auf einen zukommt.

Und die zweite gefährliche Situation?

Wenn immer und immer wieder neue Herausforderungen in Angriff genommen werden und der Sportler oder die Sportlerin wirklich süchtig wird, überboardet er oder sie vielleicht mit der Planung und übernimmt sich. Das ist ein persönliches Thema – denn jeder Athlet und jede Athletin entscheidet selbst, was er oder sie noch tun will. Ist der Körper aber einem zu starken Limit ausgesetzt, schadet man sich selbst, oder die Lust auf den Sport vergeht.

Ein Coach kümmert sich um den Sportler/ die Sportlerin wenn er oder sie mit Misserfolgen zu kämpfen hat. Kommt es auch vor, dass Athletinnen oder Athleten auf ihrem Höhenflug gebremst werden müssen - weil sie zu viele Erfolgserlebnisse haben und sich zu viel vornehmen?

Im Spitzensport sind generell sehr hohe Ansprüche da. Und ein Profi ist nicht schnell einfach so zufrieden. Meist holt der Trainer den Athleten auf den Boden zurück. Im Breitensport kommt es häufiger vor, dass man sich zu viel vornimmt und sich durch zu viel Training schadet oder die Lust am Sport verliert. Das ist so als hätte man ein Rennpferd, das immer laufen will – das ist zwar grundsätzlich super, aber von Zeit zu Zeit muss es in die Schranken gewiesen werden. Zur Leistung gehört nun mal die Regeneration – es ist wichtig dem Körper Zeit zu geben. Sonst gibt es keinen «Kick» sondern ein schlechtes Erlebnis.

Was macht solch ambitionierte und risikofreudige Menschen aus?

Extrem- und Spitzensportler sind extrem ehrgeizige Persönlichkeiten. Sie spielen gerne mit all ihren Möglichkeiten und sind bereit dazu fleissig zu trainieren. Sie holen sich immer wieder neuen Antrieb durch ihre Erfolgserlebnisse und wollen ihre Planung auch umsetzen. Sie lieben das Spiel «Ich gegen die Umstände». Sie wollen sehen, ob sie ihr Ziel ohne Fehler erreichen und der Wettkampf-Sieg oder ein erfolgreicher Bungee-Jump sind dann quasi «Zahltag». Nicht wie bei den Menschen, die sich zum Beispiel zum neuen Jahr vornehmen, mit dem Rauchen aufzuhören und dann nach zwei Wochen Pause doch wieder damit anfangen.

Ob man den «Kick» durch erfolgreiche Planung und Umsetzung eines Wettkampfs oder durch Freestyle-Canyoning sucht macht da keinen Unterschied?

Ich denke nicht, dass es schlussendlich darauf ankommt, was genau man tut. Entscheidend für das gute Gefühl ist, dass am Ende alles aufgeht. Ein Extremsportler unternimmt vielleicht nur eigene Projekte – geht nicht an Weltmeisterschaften und ist einfach im eigenen Kreis bekannt. Wenn er dann aber einen neuen Ausnahmezustand erlebt und sein Vorhaben erfolgreich umsetzt, ist das im Prinzip kein Unterschied zu einem Sieg in einer olympischen Sportart.

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