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Urteil wird verschoben: Novak Djokovic darf sicher bis am Montag in Australien bleiben – was wir wissen

Novak Djokovic ist das Visum für die Einreise nach Australien wieder entzogen worden. Seine Anwälte sind gegen das Urteil vorgegangen. Dieses wird nun verschoben und am Montag erwartet. Und: Was bisher alles geschah.

Simon Häring, Alessandro Crippa
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Novak Djokovic darf bis am Montag in Australien bleiben.

Novak Djokovic darf bis am Montag in Australien bleiben.

Ian Langsdon / EPA

Novak Djokovic muss Australien vorläufig nicht verlassen. Wie australische Medien berichten, habe der serbische Weltranglistenerste eine Aufschiebung erhalten. Damit kann er mindestens bis am Montag in Melbourne bleiben.

Zuvor ist Djokovic die Einreise verweigert worden, weil er nicht glaubhaft darlegen konnte, warum er sich nicht impfen lassen konnte. Zudem sollen Unregelmässigkeiten bei seinem Visum festgestellt worden sein. Der Tennisspieler ist im Anschluss mit Anwälten gegen das Urteil vorgegangen. Diese sind am Donnerstag zu einer Online-Anhörung erschienen, berichtet beispielsweise «The Age» auf seinem Onlineportal. Gemäss der französischen Sportzeitung «L’Équipe» haben seine Anwälte bis am Samstag Zeit, um «neue Elemente» in den Fall einzubringen.

Am Donnerstag hatte Premierminister Scott Morrison auf Twitter zunächst noch den Entzug des Visums des serbischen Tennisspielers bestätigt:

Inzwischen befindet sich der Weltranglistenerste im Park Hotel in Melbournes Stadtteil Carlton. Dort befindet er sich in der «immigration detention», der sogenannten Abschiebungshaft. Dieses darf er vorderhand auch nicht verlassen.

Die Ereignisse haben sich in den vergangenen Tagen und Stunden förmlich überschlagen. Blicken wir noch einmal zurück, was bis dahin alles geschehen ist:

Djokovics Ankündigung

Es klingt wie das Drehbuch eines Krimis, doch es ist Fakt, nicht Fiktion. Kurz vor seinem Abflug verkündet Djokovic, er sei von der Impfpflicht in Australien befreit worden. Während er sich in der Luft befindet, wird er zum Spielball der Politik. Premierminister Scott Morrison sagt, die Grenzbehörde sei in das Verfahren nicht involviert gewesen. Djokovic müsse glaubhaft belegen können, dass er Anspruch auf Befreiung von der Impfpflicht habe. «Kann er das nicht, sitzt er im ersten Flieger zurück.»

Djokovics Visum ist abgelehnt.

CH Media Video Unit

Die Reaktionen aus der Heimat

Als Djokovic um 23.30 Uhr in Melbourne am Flughafen Tullamarine landet, ist der Fall längst zur Staatsaffäre geworden. Nach Angaben serbischer Medien wird der 20-fache Grand-Slam-Sieger festgesetzt, weil er ein falsches Visum beantragt habe. Serbische Medien schreiben, der Tennisspieler werde verhört und wie ein Krimineller behandelt. Als Quelle nennt das Portal Djokovics Vater Srdjan, der aus Belgrad verlauten lässt, wenn sein Sohn nicht innerhalb einer halben Stunde entlassen werde, gehe man auf die Strasse. Doch dazu kommt es selbstverständlich nicht.

Aber Serbien schickt Australien eine diplomatische Protestnote, der Präsident Aleksandar Vucic greift zum Telefon und versichert dem besten Tennisspieler der Gegenwart seine Loyalität. Er lässt verlauten: «Serbien kämpft für Novak Djokovic, für die Gerechtigkeit und die Wahrheit.» Was die Wahrheit ist, weiss die Öffentlichkeit nicht. Die Expertengremien, die Djokovic aus medizinischen Gründen von der Impfpflicht befreit haben, sind ans Berufsgeheimnis gebunden. Und der Serbe schweigt dazu.

Die Probleme mit dem Visum

Während mehr als acht Stunden wird Djokovic in einem Raum, der von zwei Polizisten bewacht werde, verhört. Um 08.15 Uhr Ortszeit melden die australischen Tageszeitungen «The Age» und «Sunday Morning Herald» übereinstimmend, dass Djokovic die Einreise verweigert worden sei. Er müsse das Land am Donnerstag wieder verlassen. Denn Djokovic habe nicht glaubhaft darlegen können, dass er legitimen Anspruch auf eine Befreiung von der Impfpflicht hat. Zudem sei es zu Unregelmässigkeiten im Zusammenhang mit seinem Antrag auf ein Visum gekommen.

Djokovic und die Impfskepsis

Djokovic gilt als Impfskeptiker. Im Frühling 2020, als noch kein Impfstoff Marktreife erlangt hatte, sagte er: «Ich bin gegen Impfungen. Denn ich möchte nicht, dass mich jemand zwingt, einen Impfstoff einzunehmen, um zu reisen. Ich entscheide, was für meinen Körper am besten ist.» Zuletzt hatte er sich auf den Standpunkt gestellt, medizinische Angelegenheiten seien Privatsache. Im Sommer 2020 hatte sich der Serbe infiziert. Von der Impfpflicht befreit werden kann man aus vier Gründen. Erstens: eine schwere entzündliche Herzerkrankung innerhalb der letzten drei Monate. Zweitens: eine akute Erkrankung. Drittens: eine starke Reaktion auf eine Coronaimpfung. Viertens: Eine Covid-Infektion seit 1. August 2021.

Novak Djokovic schweigt zu den Gründen für seine Befreiung von der Impfpflicht.

Novak Djokovic schweigt zu den Gründen für seine Befreiung von der Impfpflicht.

Keystone

Die Reaktion Australiens

Australiens Behörden haben der Bevölkerung in den letzten zwei Jahren mehrfach lange und strikte Lockdowns verordnet, während 19 Monaten waren die internationalen Grenzen geschlossen, Zehntausende Australier waren an der Rückkehr gehindert, Familien getrennt. Wer einreisen wollte, musste dafür tausende Dollar zahlen und 14 Tage in ein Quarantänehotel. Eine der Fragen ist nun, ob dies allenfalls auch Djokovic blühen könnte, falls seine Einreise doch noch bewilligt wird.

Entsprechend sorgte Novak Djokovics Befreiung von der Impfpflicht für Empörung. Schliesslich hatte der stellvertretende Ministerpräsident des Bundesstaats Victoria kürzlich noch gesagt: «Medizinische Ausnahmen sind kein Schlupfloch für privilegierte Tennisspieler.» Nicht nur in den sozialen Medien und den Kommentarspalten stösst die Ankündigung auf Unverständnis. Der frühere Präsident der australischen Ärztevereinigung, Stephen Parnis, sagte: «Es ist mir egal, wie gut er als Tennisspieler ist. Wenn er sich weigert, sich impfen zu lassen, sollte er nicht reingelassen werden. Es ist eine erschreckende Botschaft an Millionen Australier.» Die Sportjournalistin Samantha Lewis bezeichnete es als «patriotische Pflicht», Djokovic während seines gesamten Aufenthalts in Australien auszubuhen.

Der Turnierdirektor

Der Turnierdirektor Craig Tiley wies in australischen Medien auf die vierte Möglichkeit hin: eine Covid-19-Erkrankung innerhalb der letzten sechs Monate. Das ist durchaus denkbar. Novak Djokovic pausierte im letzten Halbjahr je zwei Mal für 4 Wochen und einmal sogar für 7 Wochen. Es würde sich um eine so genannte Reinfektion handeln. Djokovic hatte sich im Sommer 2020, als noch kein Impfstoff auf dem Markt war, während der von ihm initiierten Adria-Tour, einer Turnierserie auf dem Balkan, mit dem Virus infiziert. Doch diese Erkrankung liegt bereits zu weit zurück, um als Genesener von der Impfpflicht in Australien entbunden zu werden.

Australian-Open-Turnierdirektor Craig Tiley muss sich erklären.

Australian-Open-Turnierdirektor Craig Tiley muss sich erklären.

Joel Carrett / EPA

Kritisch betrachtet wird auch das Prüfverfahren. Tennis Australia weist darauf hin, dass die Dossiers anonymisiert und von zwei unabhängigen Expertengremien, bestehend aus Immunologen und Infektiologen, geprüft worden seien. Damit ist de facto ausgeschlossen, dass Novak Djokovic von der Impfpflicht befreit worden ist, weil er Novak Djokovic heisst. Dennoch ist zweifelhaft, wie betrugssicher das Verfahren tatsächlich ist. Erstellt wurde das Gesuch von Djokovics Vertrauensarzt, der in Lohn und Sold des Serben steht. Für das australische Expertengremium bildete dieses Dossier die Entscheidungsgrundlage. Persönlich hat es Djokovic nicht untersucht.

Die Reaktionen aus der Sportwelt

Erstaunte Reaktionen löst die Entscheidung in Spielerkreisen aus. Der Doppelspezialist Jamie Murray sagte zu britischen Medien: «Wenn ich nicht geimpft wäre, hätte ich wohl keine Ausnahmebewilligung erhalten.» Gemäss Turnierdirektor Craig Tiley hätten von den über 3500 Personen, die im Zusammenhang mit den Australian Open nach Melbourne reisen, 26 eine Befreiung von der Impfpflicht beantragt, die meisten wegen einer kürzlich durchgemachten Erkrankung, nur eine Handvoll wurde bewilligt.

Die sonst betont unaufgeregte Zeitung «The Canberra Times» fasste die Stimmungslage in Australien wie folgt zusammen: «Heben Sie die Hand, wenn Sie wirklich überrascht sind, dass Djokovic eine medizinische Ausnahmegenehmigung erhalten hat. Entsetzt? Vielleicht. Wütend? Ja. Frustriert, enttäuscht, angewidert, das Gefühl, als hätten wir alle gerade eine massive Ohrfeige bekommen.» Bis Djokovic sich nicht erklärt, was er bisher abgelehnt hat, sind die Meinungen über ihn in Australien gemacht.

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