TV-Marathon
Tag und Nacht Olympia vor der Mattscheibe: ein Selbstversuch

16 Sportarten, 16 Stunden, vor mehreren Bildschirmen verfolgt die «Nordwestschweiz» am Samstag das komplette TV-Geschehen. Warum Dressurreiten und Luftgewehr für einmal unterhaltsamer als Fussball sind.

Etienne Wuillemin
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Die interessantesten Momente an Olympia laufen nicht immer auf den Hauptkanälen: Die versteckten Schönheiten sind im Internet zu finden – ohne schrillen TV-Kommentator.

Die interessantesten Momente an Olympia laufen nicht immer auf den Hauptkanälen: Die versteckten Schönheiten sind im Internet zu finden – ohne schrillen TV-Kommentator.

Luis Hartl

Es ist 05:25 Uhr frühmorgens. Gedankenversunken sitze ich auf dem Sofa. Ich drücke ein letztes Mal die Knöpfe der Fernbedienung. Aus. Der erste Olympia-Tag ist zu Ende. Aus, auch für mich, 16 Stunden bin ich vor dem TV gesessen und habe dauerolympisiert. Eigentlich will ich nur noch schlafen. Ich war schon motivierter, um die Küche aufzuräumen.

16 Stunden zuvor. Es ist Samstagnachmittag. Ich ignoriere den Kommentar eines Büro-Kollegen, ob denn so ein Experiment oder Folter schlimmer sei. Ich ignoriere, dass offensichtlich niemand Lust hat, mich zu besofagleiten. Die einen schieben Ferien vor. Die netten Nachbarn geniessen die Sonne im Tessin. Der eine Teil meiner WG lernt, montiert Lampen und zieht einen Film mit charmanter Begleitung Olympia vor. Trotzdem stürze ich mich freudig ins Abenteuer. Und ziehe bald die WG-Kollegin in den Bann. Ich hab’s ja gewusst. Grossartig, so ein Experiment.

16 Sportarten

Den Auftakt macht Rudern. Es ist die erste Sportart, die ich verfolge. 15 weitere werden folgen. Mal zufällig. Mal ganz bewusst. Es ist ein bunter Mix aus Bekanntem und Unbekanntem. Rudern? Muss grossartig sein! Vielleicht ist aber auch einfach Hans – die Legende – Jucker grossartig. Sein Erlebnis mit den Ruderern an Olympia schiesst mir sofort wieder durch den Kopf. «Die dumme huere Ruederer!», die ihm immer per Fehlstart davon fuhren, als er fürs Fernsehen eine Konserve mit Live-Kommentar begleiten sollte.

Mehrere Wettbewerbe auf mehreren Bildschirmen: heute Standard

Mehrere Wettbewerbe auf mehreren Bildschirmen: heute Standard

Luis Hartl

Was ist überhaupt live? Und was ist zeitversetzt? Es ist eine Frage, die mich immer wieder beschäftigt. Wer zwischen den verschiedenen Sendern hin und her wechselt, begegnet bald einmal einem Event, den er bereits gesehen hat. Manchmal steht – etwas dreist, liebes ORF! – sogar noch «live» oben rechts am Bildschirm. Dabei sind die Medaillen im Luftgewehrschiessen doch bereits vergeben.

Virginia Trasher heisst die Frau, die sich die erste goldene Medaille dieser Olympischen Spiele von Rio umhängen darf. 19-jährig ist die Amerikanerin, eigentlich wollte sie Eiskunstläuferin werden. Dann entdeckte sie ihr Talent im Schiessen. Vor allem der Modus im Final zieht mich in den Bann. Sobald noch acht Schützen übrig sind, scheidet nach zwei Schüssen jeweils die Schlechteste aus. Die verbliebenen schiessen wieder zweimal. Dann fliegt wieder jemand. Bis am Ende nur noch zwei übrig sind.

Wettbewerbe ohne Unterlass

Eine grosse Faszination an Olympischen Spielen liegt in der Flut der Wettbewerbe. Niemand kann alles verfolgen. Irgendwie fehlt auch der Überblick. Die TV-Stationen wechseln wild hin und her. Häufig bleibt gar keine Zeit, zu erklären, wer gerade was nach welchem Modus tut. Es allen Recht machen, das ist sowieso schwierig. Ich habe längst genug von den Ruderern, also blicke ich auf den «Rio Player» des Schweizer Fernsehens. Auf sechs verschiedenen Kanälen werden verschiedenste Sportarten gezeigt. Meist gar ohne schrillen Kommentar. Nur die Stadion-Akustik ist zu vernehmen. Das macht das Erlebnis nur noch besser.

Was denken wohl die Nachbarn bei diesem Anblick?

Was denken wohl die Nachbarn bei diesem Anblick?

Luis Hartl

Die Wasserball-Partie zwischen Serbien und Ungarn zieht mich in den Bann. Das Motto der Ungarn an diesen Spielen? «Hunbelievable». So war das wohl nicht gedacht, vier Sekunden vor Schluss gleichen die Serbien aus – keine Ahnung mehr, ob zum 14:14 oder 15:15 oder 13:13, egal, Unentschieden ist für einmal erlaubt, weil es erst die Gruppenspiele sind. Später entdecke ich plötzlich Bogenschiessen, Dressurreiten und Tischtennis. Sportarten, die ich während des Jahres nie sehen kann. Und jede ihre ganz eigene Faszination hat. Meist schaue ich nun gleichzeitig zwei verschiedene Programme, eines am TV, eines auf dem Tablet.

Und die Schweizer? Irgendwie will es nicht. Fechten? Out im ersten Anlauf! Judo? Out im zweiten Anlauf! Rad? Chancenlos! Rudern? Enttäuschend! Tennis? Out! Das unterirdische Spiel nervt mich derart, dass ich schon kurz vor 20 Uhr zum ersten Bier greife. Das Popcorn aus der Mikrowelle ist überdies auch verkohlt. Turnen? Noch und nöcher fliegen wir von den Geräten. Wenigstens Beachvolleyball ganz zum Schluss? Nein, auch verloren! Wir müssen es mit der deutschen Schwimm-Expertin Franziska van Almsick halten: «Nur nicht den Sand in den Kopf stecken!»

Auch jetzt liegt die Freude im Unerwarteten. Es ist ein Genuss, zuzusehen, wie die Gebrüder Felix und Ben Vogg ihre Pferde über den Parcours gleiten lassen. Die Zusammenspiel der Hufe in Slow-Motion – fantastisch!

Kein Wort über Doping

Doch Olympia im Jahr 2016, das ist nicht nur Sport. Wir sollten uns daran gewöhnen, Leistungen zu hinterfragen. Doping ist allgegenwärtig. Vielleicht so extrem wie noch nie. Und wir sollten davon ausgehen, dass bei weitem nicht nur Russland betroffen ist. Ich lese eine Kolumne in der «Süddeutschen Zeitung», in der die Autorin ihren Verzicht auf die Olympischen Spiele erklärt, warum sie genug hat vom «notorischen Selbstbetrug» und der «moralischen Heuchelei».

Ich ertappe mich beim Gedanken, mich selbst schuldig zu fühlen. Vielleicht auch deshalb, weil auch das Schweizer Fernsehen in dieser Sache grosszügig wegschaut. Jubel, Trubel in der Endlosschlaufe. Keine Silbe zu russischen Teilnehmern. Keine Silbe zu Doping. Währenddessen hat die ARD den ehemaligen Chef der Welt-Anti-Doping-Agentur zu Gast. Und zeigt zwischendurch eine Recherche über Doping in Kenia.

Kurz vor 22 Uhr mehren sich die Blicke auf die Uhr. Wie lange soll ich noch durchhalten? Wie konnte ich nur so naiv sein, dieses Experiment grossartig zu finden? Ich bekomme Rückenweh vom vielen Sitzen. Immerhin besiege ich den Pizza-Kurier. Oder besser: Die Lust auf eine Pizza. Und koche stattdessen selbst. Mitternacht ist längst vorüber.

Die Zeit beginnt plötzlich wieder zu rasen. Die grosse Langeweile bleibt mir erspart. Vielleicht auch dank Sascha Ruefer und seiner Faszination für den «Monster-Block» beim Beachvolley-Ball. Es ist frühmorgens. Noch einmal versuche ich, den TV-Tag Revue passieren zu lassen. Was bleibt von so viel Sport am Stück? Hat es sich gelohnt, die Sonne gegen die Wohnstube einzutauschen?

Ja, definitiv. Aber warum geistert mir jetzt Dressurreiten durch den Kopf?

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