Leichtathletik-Hoffnung
Jonas Raess jagt Markus Ryffels Uraltrekord, denkt an eine Traumzeit und zieht dafür in die USA

Der Schweizer Bahnläufer hat in den letzten Monaten sportlich einen grossen Sprung gemacht. Als Belohnung hat sich der 28-Jährige als einziger Schweizer einen Platz im hochkarätigen «On Athletics Club» in Colorado gesichert.

Rainer Sommerhalder
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Die Vision von Jonas Raess: eine Zeit von unter 13 Minuten über 5000 Meter.

Die Vision von Jonas Raess: eine Zeit von unter 13 Minuten über 5000 Meter.

ON

Es ist eine Ehre, aber auch eine Zäsur. Der Zürcher Leichtathlet Jonas Raess reist am Sonntag für mehrere Wochen in die USA zum Training. Solche Trips werden für den 28-Jährigen in den kommenden Monaten zur Gewohnheit. In rund eineinhalb Jahren will der Betriebsökonom mit Bachelor-Abschluss seinen Lebensmittelpunkt für die Fortdauer seiner sportlichen Karriere sogar ganz nach Boulder verlegen.

In eineinhalb Jahren will Jonas Raess wegen des Laufsports ganz nach Colorado ziehen.

In eineinhalb Jahren will Jonas Raess wegen des Laufsports ganz nach Colorado ziehen.

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Der Grund ist ein spezieller. Jonas Raess ist neustes Mitglied und einziger Schweizer im On Athletics Club (OAC) mit Basis in der Laufhochburg Boulder im Westen der USA. Dort trainiert eine von der Schweizer Sportartikelmarke finanzierte Gruppe um den früheren Weltklasseläufer und heutigen Chefcoach Dathan Ritzenheim.

Rund ein Dutzend Mittel- und Langstreckenläuferinnen und Läufer mit ausserordentlichem Potenzial setzen in den Bergen Colorados unter hochprofessionellen Bedingungen alles daran, einen entscheidenden Schritt hin zur bestmöglichen Leistung zu machen.

Ryffels Rekord von 1984 und die magische Schwelle

Auch Jonas Raess redet wenige Stunden vor seiner Abreise über eine magische Marke – die 13 Minuten über 5000 m. Noch kein Schweizer hat diese Zeit je geknackt. Am nächsten kam ihr der legendäre Markus Ryffel mit 13:07,54 Minuten bei seinem grössten Erfolg, der Silbermedaille an den Olympischen Spielen 1984 in Los Angeles.

Auch der aus Langnau am Albis stammende Raess weiss seit diesem Winter, wie sich eine solche Zeit anfühlt. Bei einem Meeting in Boston entriss er Ryffel im Februar den 40 Jahre alten Hallenrekord über 5000 m. Die neue Indoor-Bestzeit des Athleten des LC Regensdorf liegt bei 13:07,95.

Innerhalb der gleichen Woche realisierte Raess, der seit dem Sommer 2019 ganz auf die Leichtathletik setzt, in New York auch einen Hallenrekord über 3000 m. Die USA scheinen definitiv ein gutes Pflaster für den Zürcher zu sein.

Ein Laufsport-Verrückter als neuer Coach

Im Februar unterschrieb Raess auch einen Vertrag als Markenathlet von On. Im Verlauf des Frühlings absolvierte er ein erstes Camp bei Dathan Ritzenheim im Boulder. Es ging darum, sich persönlich kennen zu lernen und zu beurteilen, ob die Ansichten von zwei Laufsport-Verrückten kompatibel sind. «Der Trainer ist für einen Athleten eine enorme Vertrauensperson. Da ist es extrem wichtig, dass die Chemie stimmt», sagt Jonas Raess.

Sein neuer «Chef» hat es ihm schnell angetan: «Dathan lebt mit jeder Faser seines Körpers für diesen Sport und für seine Athleten. Seine Begeisterung ist absolut ansteckend. Ich hatte von Beginn weg ein sehr gutes Gefühl.»

Auch von den Mitstreitern war der Schweizer begeistert. Die bekannteste Person in der Gruppe ist mit der zweifachen 5000-m-Weltmeisterin Hellen Obiri aus Kenia eine Frau. Aber auch unter den Läufern fand sich Raess in verheissungsvoller Begleitung. Ein halbes Dutzend Athleten mit Bestzeiten knapp über 13 Minuten fokussieren auf das gleiche Ziel. Eine solche einmalige Qualität hat der Olympiateilnehmer von Tokio genau gesucht, um seine eigenen Grenzen nochmals zu verschieben.

Ein Schüler von Salazar, der sich gegen den Startrainer wandte

Und mit Dathan Ritzenheim glaubt er den perfekten Trainer dafür gefunden zu haben. Der 39-Jährige hat einen spannenden Background. Er war 2009 der erste Nordamerikaner, der unter 13 Minuten lief. Diese Leistung gelang ihm ausgerechnet bei Weltklasse Zürich. Von 2007 bis 2014 war Ritzeheim Teil des Nike Oregon Projekts mit dem umstrittenen und inzwischen wegen Dopingvergehen für vier Jahre gesperrten Startrainer Alberto Salazar.

2014 verliess Ritzenheim die Gruppe aus Kritik an den grenzwertigen Methoden. Später sagte er im Dopingprozess gegen seinen Ex-Trainer aus und nun versucht er es in einem ähnlich professionellen Markenteam mit einer ganz anderen, viel mehr auf die individuellen Bedürfnisse des einzelnen Athleten ausgerichteten Philosophie. Eine, die Jonas Raess überzeugt.

Ein weiterer Grund, wieso der in Oerlikon wohnhafte Raess vor wenigen Monaten zu On wechselte, ist die Möglichkeit, sich bei der Entwicklung von Laufschuhen einzubringen. Für die Schweizer Kultmarke sind Bahnschuhe mit Spikes und dem Fokus auf die absolute Leistungsspitze noch ziemliches Neuland. Raess selbst lief an der Hallen-WM im März in Belgrad als einer der allerersten mit dem Modell. Nun ist eine weiterentwickelte Version im Umlauf.

On unternimmt grosse Anstrengungen bei den Bahnschuhen

Ein spezielles Entwicklerteam für den Topperformance-Bereich sorgt für konkurrenzfähiges Material. «Und die Schuhe sind für einen Läufer nun mal das mit Abstand wichtigste Hilfsmittel. Es ist ein gutes Gefühl, wenn man mitreden kann und die eigenen Inputs in die Entwicklung einfliessen», sagt Raess.

Weniger gut ist das aktuelle Gefühl. Zwei Tage vor dem geplanten Start an der Schweizer Meisterschaft im Letzigrund brachte eine MRI-Untersuchung die Gewissheit, dass Jonas Raess unter einer Stressreaktion im Wadenbein leidet, herrührend von einer Überbelastung.

Trotz der Hiobsbotschaft, welche das Aus für die Weltmeisterschaften von Mitte Juli in Eugene bedeutet, reist die Schweizer Langstreckenhoffnung nun nach Boulder. Dort will er mit Alternativtraining, unter anderem auf einem speziell konzipierten Laufband mit reduzierter Gewichtsbelastung, das Menschenmögliche tun, um zumindest für die EM einen Monat später in München bereit zu sein. «Mein Trainer ist optimistisch und ich bin es auch», sagt Jonas Raess.

WM-Verzicht wegen einer Überbelastung

Es ist beileibe nicht die erste Verletzung in der Karriere des Leichtathleten. Diverse gesundheitliche Rückschläge spielten eine Hauptrolle, dass sein Potenzial erst spät richtig zur Geltung kam. Während der Ausbildung habe das ganze System mit Belastung und Regeneration nicht gestimmt, erklärt Raess. Der Schritt hin zum Profitum und ein eigentliches «Reset» schafften Abhilfe. Und verhalften ihm nun zum Privileg, in einem der bedeutendsten «Werkteams» des Bahn-Laufsports mittun zu dürfen.

Wieso aber will Jonas Raess vorerst noch zwischen Boulder und Oerlikon pendeln? Er sei nun mal ein ausgeprägter Familienmensch und habe als Sportler die Erfahrung gemacht, «dass nur ein glücklicher Jonas auch ein schneller Jonas ist». Im Herbst 2023 schliesst seine Freundin, die er als seinen «Anker» bezeichnet, ihr Studium ab und danach wird das Paar gemeinsam Richtung Westen ziehen. Ins Land der unbegrenzten Möglichkeiten.