French Open
Alexander Zverevs Meisterprüfung endet mit Tränen und im Rollstuhl: Sein Traum vom Grand-Slam-Titel bleibt unerfüllt

Alexander Zverev knickt im French-Open-Halbfinal gegen Sandkönig Rafael Nadal um und muss mit einer Verletzung am Fuss aufgeben. Das Warten auf den ersten Grand-Slam-Titel geht weiter.

Simon Häring
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Bei einem Sturz verletzt sich Alexander Zverev am rechten Fuss.

Bei einem Sturz verletzt sich Alexander Zverev am rechten Fuss.

Thibault Camus / AP

Über drei Stunden waren gespielt, als Alexander Zverev im Halbfinal-Duell mit dem 13-fachen Sieger Rafael Nadal umknickte und sich dabei wohl eine Bänderverletzung am rechten Fuss zuzog. Für einen Moment waren auf dem Court Philippe-Chatrier mit seinen 15'000 Zuschauern und unter geschlossenem Dach nur die Schmerzensschreie des Deutschen zu hören. Sein Kontrahent, Rafael Nadal, selber oft verletzt und wohl auch in Paris nicht in Vollbesitz seiner Kräfte, eilte auf die andere Seite des Platzes.

Der Deutsche muss im Rollstuhl vom Platz gebracht werden.

Der Deutsche muss im Rollstuhl vom Platz gebracht werden.

Thibault Camus / AP

Alexander Zverev, dieser 1,98 Meter grosse Ausnahmeathlet, unter dessen ärmellosem Shirt sich ein Waschbrettbauch abzeichnet, wird im Rollstuhl vom Platz gebracht. Tränen kullern über die Wangen, während «Sascha, Sascha»-Sprechchöre durchs Rund hallen. Wenig später kehrte Zverev an Krücken zurück, der rechte Fuss war blau angelaufen. Ein Handschlag mit dem Schiedsrichter Renaud Lichtenstein, eine Umarmung von Nadal. Das wars.

Der Traum vom French-Open-Sieg war geplatzt. Einmal mehr. Als Rafael Nadal sagte, er sei sich sicher, dass Zverev dieses Turnier gewinnen werde – nicht einmal, sondern mehrfach – wurde der Deutsche verarztet.

Mehr Siege als Djokovic und Nadal seit 2017

Seit fünf Jahren gehört Alexander Zverev zu den Top Ten der Weltrangliste. Zwei Mal hat er den Final der acht Jahresbesten gewonnen, 19 Turniere, davon fünf auf Masters-Ebene, drei auf Sand. Er ist Olympiasieger. Er hat Rafael Nadal besiegt und Novak Djokovic, Roger Federer und Andy Murray. Keiner hat seit 2017 so viele Partien gewonnen wie der Deutsche, nicht einmal Novak Djokovic. Doch auf seinen ersten Grand-Slam-Titel wartet Zverev noch immer. Paris wurde wieder nicht zum Schauplatz seiner Meisterprüfung, sondern zu seinem ganz persönlichen Drama.

Dabei sprach vieles dafür, dass Zverev endlich das Image dessen abstreifen könnte, der auf den grössten Bühnen vom Riesen zum Zwerg schrumpft. In der zweiten Runde hatte er gegen den Argentinier Sebastian Baez einen Matchball abgewehrt. Im Viertelfinal hatte er den Spanier Carlos Alcaraz bezwungen. Den Spieler, der in Madrid Rafael Nadal und Novak Djokovic und im Final mit 6:3, 6:1 auch Alexander Zverev bezwungen hatte. Über den Zverev danach gesagt hatte, er sei der beste Spieler der Welt. Es war für Zverev der erste Sieg gegen einen Top-Ten-Spieler bei einem Grand-Slam-Turnier. Alle elf vorherigen Vergleiche hatte er jeweils verloren.

Zverev kehrt an Krücken und unter Begleitung von Rafael Nadal für den Handschlag und eine Umarmung auf den Platz zurück.

Zverev kehrt an Krücken und unter Begleitung von Rafael Nadal für den Handschlag und eine Umarmung auf den Platz zurück.

Christophe Petit Tesson / EPA

Drei Doppelfehler im dümmsten Moment

Die Partie gegen Sandkönig Nadal wurde zum Spiegelbild seiner Karriere. Nach einem starken Start führte Zverev mit 4:2, gab den Vorsprung aber wieder aus der Hand. Beim Stand von 4:5 und eigenem Aufschlag musste er drei Satzbälle abwehren. Im Tiebreak führte er mit 6:2, konnte aber keinen der vier Satzbälle verwerten. Nach 98 Minuten Spielzeit war es Nadal, der den Tiebreak mit 10:8 für sich entscheiden konnte.

Im zweiten Durchgang konnte Zverev bei 5:3 zum Satzausgleich servieren. Wie schon in der Runde zuvor, als er Novak Djokovic ausgeschaltet hatte, wirkte Nadal, der am Freitag seinen 36. Geburtstag feierte, angezählt.

Doch gerade in Paris, wo man ihm mit einer drei Meter hohen Statue aus Stahl ein Denkmal gesetzt hat, und wo er nun zum 14. Mal im Final steht und am Sonntag auf den Norweger Casper Ruud trifft, umweht Nadal eine besondere Aura. Sechs Mal ist Roger Federer an ihr zerschellt, vier Mal im Final. Auch Novak Djokovic, der Nadal als einziger Spieler in Roland-Garros zwei Mal hat bezwingen können, hat hier acht Mal gegen ihn verloren. Alle 14 Paris-Finals hat Rafael Nadal gewonnen.

Und so kam es, wie es in Paris immer wieder gekommen ist: Als er zum Satzausgleich servierte, unterliefen Zverev drei Doppelfehler. Wieder hätte das Tiebreak entscheiden müssen. Doch dann knickte der 25-Jährige um. Und musste seinen Traum von der Coupe des Mousquetaires begraben.

Zverev vs. Nadal: Die Höhepunkte des Paris-Halbfinals.

Roland Garros

Zverev ist ein Familienprojekt

Schon vier Jahre ist es her, dass Rafael Nadal sagte, er verstehe nichts vom Tennis, wenn dieser Zverev nie ein Grand-Slam-Turnier gewinnen sollte. Doch die eigene Ungeduld – sie frisst Zverev zunehmend auf. 25 ist er nun. Ein Alter, in dem er solche Turniere gewinnen sollte, findet er. Das war der Traum, als er erstmals ein Racket in die Hand nahm. Und diesem hat nicht nur er, sondern die ganze Familie fast alles untergeordnet. Mutter Irina war seine erste Trainerin, Vater Alexander Senior ist es noch heute, der ältere Bruder Mischa war früher selbst Profi und ist nun sein Trainingspartner.

Zverevs Eltern waren beide Tennislehrer und kamen 1991 aus Sotschi nach Deutschland. «Sascha», wie der Jüngere genannt wird, ist auf der Tennis-Tour aufgewachsen, er kennt nichts anderes. Früh galt er als Talent. Und früh verfügte er über ein hochprofessionelles Umfeld: Physiotherapeut, Fitnesstrainer, Medienberater, Manager sowieso. Alles für den Erfolg.

Alexander Zverev eckt mit seiner Art immer wieder an.

Alexander Zverev eckt mit seiner Art immer wieder an.

Christophe Petit Tesson / EPA

Wer so ehrgeizig auftritt, provoziert Ablehnung. Zverev reagiert darauf oft mit: Ablehnung. Ein Teufelskreis. Schnoddrig, schnippisch, abweisend – so tritt er oft auf. Eine Annäherung fällt schwer: Ist er unsicher? Oder ist er arrogant? Beides ist wohl Teil der Wahrheit. Diese Ambivalenz – sie zeigt sich auch auf dem Platz. Mal stolziert er eitel und selbstsicher wie ein Pfau über den Platz. Im nächsten Moment wirkt er hilflos und verzweifelt.

Mit einem Triumph in Paris wäre Alexander Zverev zur Nummer 1 der Welt geworden. Nun verlässt er das Turnier im Rollstuhl. Und vielleicht doch als Sieger. Denn selten zuvor hat man diesen vom Ehrgeiz zerfressenen Mann in der Öffentlichkeit von seiner verletzlichen und menschlichen Seite gesehen. Der Triumph auf dem Platz – er bleibt nur eine Frage der Zeit.