Formel 1
Valtteri Bottas erlebt bei Alfa Sauber eine Renaissance – und erhält endlich die Wertschätzung, die er verdient

Valtteri Bottas ist der grosse Hoffnungsträger bei Alfa Sauber. Der 32-jährige Finne hat in dieser Saison bereits 40 WM-Punkte gesammelt. Wer ist dieser Pilot, der nach fünf Jahren als Mercedes-Schattenmann plötzlich im Fokus steht?

Pascal Däscher
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Valtteri Bottas kann bei Alfa Sauber sein ganzes Können zeigen.

Valtteri Bottas kann bei Alfa Sauber sein ganzes Können zeigen.

Alejandro Garcia/EPA

Valtteri Bottas ist vier Jahre alt, als ihn sein Vater erstmals zur Kartbahn in der Nähe seiner finnischen Heimatstadt Nastola fährt. «Mein Vater setzte mich in einen der Karts und ich fühlte sofort: Das will ich machen!» Doch es gibt ein Problem: Seine Füsse reichten nicht bis zu den Pedalen. «Ich musste wieder aussteigen und war todtraurig», sagt Bottas über 20 Jahre später lächelnd. Sein Grossvater sagte ihm, er solle jeden Tag Müsli essen, dann klappe es. Und es klappte tatsächlich – obwohl Bottas kein Müsli mochte. Es war der Beginn einer steilen Karriere.

Williams ermöglicht Bottas den Traum der Formel 1

Mit sechs Jahren fährt Bottas sein erstes Kartrennen, obwohl ihm das Rennfahren nicht in die Wiege gelegt wurde. Sein Vater ist Chef einer Reinigungsfirma, seine Mutter Bestatterin. Sein grosses Vorbild damals: Landsmann Mika Häkkinen. 2008 gewinnt Bottas die Formel Renault 2.0 NEC sowie den Eurocup-Titel, ein Jahr später wechselt der Finne in die Formel 3. 2011 gewinnt er in beeindruckender Manier die GP3-Serie.

Bereits ein Jahr zuvor erhält Bottas seinen ersten Formel-1-Testeinsatz bei Williams. Sein eiserner Wille und sein grosses Engagement als Testfahrer hinterliessen beim britischen Rennstall Spuren. Seit 2013 ist der Finne eine feste Grösse in der Formel 1. Vier Jahre als Stammfahrer bei Williams, fünf weitere bei Mercedes – und seit dieser Saison bei Alfa Sauber.

Bei Alfa Sauber schöpft man dank Bottas wieder Hoffnung

Bei Alfa Sauber ist man vom Finnen begeistert, er ist der absolute Teamleader. Alfa Romeo profitiert von der Erfahrung des 32-Jährigen, die Bottas voll ausspielen kann. Auch die Zusammenarbeit mit seinem jungen Teamkollegen Guanyu Zhou läuft gut, auch wenn der Chinese noch mit Anlaufschwierigkeiten (erst ein Punkt) zu kämpfen hat. Bottas erhält endlich die Wertschätzung, die er sich so sehr gewünscht hat.

«Es ist für mich wirklich aufregend und interessant, in dieser Art von Rolle zu sein und zu versuchen, das Team voranzubringen. Die Atmosphäre bei Alfa Romeo spornt mich an, denn ich sehe, wie die Leute alles geben», sagt Bottas erfreut. Alfa-Sauber-Teamchef Frédéric Vasseur meint: «Der Mehrwert, den er dem Team gebracht hat, liegt vor allem ausserhalb des Autos. Er denkt immer an das Team und nicht an sich selbst. Ich war schon immer überzeugt, dass er das kann, bisher macht er einen grossartigen Job.»

Valtteri Bottas freut sich mit Alfa-Sauber-Teamchef Frédéric Vasseur.

Valtteri Bottas freut sich mit Alfa-Sauber-Teamchef Frédéric Vasseur.

Xavi Bonilla/Freshfocus/Panoramic/DPPI/freshfocus

Nach zwei miserablen Saisons ist Alfa Sauber wieder auf dem Formel-1-Radar aufgetaucht. In den Jahren 2020 und 2021 sammelte der Schweizer Rennstall insgesamt 21 Punkte und gehörte damit zu den schwächsten Teams. Bereits nach dem vierten Rennen in diesem Jahr hat das Team um Teamchef Frédéric Vasseur diesen Wert übertroffen. Mit 41 Punkten belegt Alfa Romeo Platz fünf in der Konstrukteurs-WM, vor den konkurrierenden Teams wie Alpine, AlphaTauri oder Williams.

Bereits nach wenigen Rennen deutet vieles darauf hin, dass es für Alfa Sauber die erfolgreichste Saison seit zehn Jahren wird. 2012 holte man 126 WM-Punkte. Geht es so weiter, kann Alfa Sauber am Ende dieser Saison gar den vierten Platz in der Teamwertung erreichen – direkt hinter den drei grossen Teams Mercedes, Ferrari und Red Bull. Bei Alfa Sauber geht es dabei um viel Geld. Je besser die Platzierung des Teams am Ende der Saison, desto mehr Geld kommt in die Kasse. Bottas sei Dank.

Bottas' Leidenszeit bei Mercedes

Seit seinem Wechsel von Mercedes zum Rennstall aus Hinwil hat sich das Blatt für den 32-Jährigen gewendet. Bottas erlebte bei Mercedes eine mehrheitlich schwierige Zeit, wurde oft als Lückenbüsser bezeichnet. Mercedes-Teamchef Toto Wolff nannte ihn vor vier Jahren «den perfekten Wingman für Lewis Hamilton.» Ein Flügelmann, mehr war er für Mercedes nicht. Nie war Bottas der Leader des Teams, der Brite Lewis Hamilton stand ihm stets vor der Sonne. Fünf Jahre war er bei Mercedes engagiert, wo er zweimal Vizeweltmeister hinter Lewis Hamilton wurde.

Dennoch wusste das Team, was es an dem ruhigen und besonnenen Finnen hat. «Ich war davon überzeugt, dass er ein ganz anderer Typ sein würde, wenn er der Leader ist. Er war stets im Schatten von Lewis, aber ich denke, dass jeder andere Fahrer auch im Schatten von Lewis stünde», meint Alfa-Sauber-Teamchef Vasseur, der Bottas seit 15 Jahren kennt.

Valttteri Bottas hatte bei seiner Zeit bei Mercedes gegen Lewis Hamilton (r.) oft das Nachsehen.

Valttteri Bottas hatte bei seiner Zeit bei Mercedes gegen Lewis Hamilton (r.) oft das Nachsehen.

Sergei Grits/AP/Keystone

Als sich seine Zeit bei Mercedes im vergangenen Jahr dem Ende zuneigte, sprach Bottas häufig über die Frustration, stets nur mit Einjahresverträgen ausgestattet worden zu sein. «Es war immer ein Jahr, ein Jahr, ein Jahr. Wenn man neun Jahre lang in seiner Formel-1-Karriere vertraglich unter Druck steht, fängt das an, einen von innen aufzufressen», sagt Bottas. Nun erlebt der Finne mit Alfa Sauber eine Renaissance – so wie auch das ganze Team.

Potenzial ist noch nicht ausgeschöpft

Trotz des guten Starts findet Bottas, dass noch sehr viel mehr möglich ist. «Wir haben bisher starke Leistungen gezeigt, mit jedem guten Ergebnis wächst auch das Selbstvertrauen, noch mehr zu erreichen», sagt Bottas erfreut. Er weiss: «Wir sind noch nicht am Limit, da muss noch mehr kommen.» Als neuer Leader und Hoffnungsträger ist Bottas also weiterhin gefordert.