Eishockey-WM
Hat der Schweizer Nationalcoach Patrick Fischer seine Spieler noch im Griff?

Nach dem 5:3 der Schweiz gegen die Slowakei gibt es eine bange Frage: Warum kassiert ein so talentiertes Team so viele Strafen?

Klaus Zaugg, Helsinki
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Patrick Fischer, Schweizer Eishockey-Nationaltrainer.

Patrick Fischer, Schweizer Eishockey-Nationaltrainer.

Peter Schneider/Keystone

Was für ein Steigerungslauf: Eine Pflichtübung zum Auftakt (5:2 Italien), dann eine Gala (6:0 Dänemark), anschliessend Pausenplatzhockey (3:2 Kasachstan) und nun wildes Hollywood gegen die Slowakei (5:3).

Wildes Hollywood? Es ist die treffendste Bezeichnung für einen höchst kurzweiligen Abend. Die Schweizer sind so sehr in allen nur denkbaren Bereichen überlegen, dass es eine langweilige Partie hätte werden können. Aber es gelingt ihnen nicht, eine klare Überlegenheit (30:16 Torschüsse) in Tore umzuwandeln.

Kuriose Treffer und unfassbare Fehler

Und so wird aus einer Partie, die eine Gala hätte werden können, ein wildes Zitterspiel, garniert mit kuriosen Treffern und schier unfassbaren Fehlern der Slowaken plus Disziplinlosigkeiten der Schweizer. So wie das eben auch auf diesem Niveau bei einem unberechenbaren Spiel auf rutschiger Unterlage sein kann.

Die Slowaken kassieren einen Treffer in Unterzahl (zum 0:1) und treffen in sage und schreibe 16:44 Minuten Überzahlspiel nicht. Sie mahnen an Aufsteiger Ajoie im letzten Februar. Aber mit Ambris Mut im März. Und die Schweizer, die mit einem Eigentor von Tobias Geisser zum 3:4 dafür sorgen, dass es bis zum Schluss spannend bleibt, an ein wildes, oft disziplinloses und unkonzentriertes Zug im April.

Tomas Tatar, der Captain der Slowaken hat das leere Tor vor sich – und trifft nicht zum 4:4. Die grösste vergebene Torchance eines Slowaken auf Weltniveau, seit Josef Golonka 1968 beim Olympischen Turnier im Schlussspiel gegen Schweden das 3:2 ins leere Tor und damit den Olympiasieg für die damalige Tschechoslowakei vergeben hat.

Immense Qualitäten

Die Frage ist nicht, ob die Schweizer gut genug sind für den Halbfinal oder den Final. Die Frage ist immer mehr: Wird es ihnen gelingen, ihre immensen Qualitäten – Tempo, Kreativität, Präzision, Wucht, Organisation – in den entscheidenden Partien – erstmals im Viertelfinal - zu einem perfekten Spiel zusammenzufassen und die Disziplin zu wahren?

Oder wie es die Nordamerikaner sagen: We have all the tools, but no toolbox. Was frei übersetzt bedeutet: Wir haben alles, aber wir müssen es auf die Reihe bringen.

Timo Meier erzielt gegen den slowakischen Goalie Adam Huska das 3:2.

Timo Meier erzielt gegen den slowakischen Goalie Adam Huska das 3:2.

Mauri Ratilainen/EPA

Die bange, zentrale Frage ist eben auch: Hat Patrick Fischer seine junge, wilde Mannschaft im Griff? Die Disziplinlosigkeiten, die in zwei Ausschlüssen wegen zu vielen Spielern auf dem Eis und im hässlichen Kniestich von Michael Fora gipfelten - der von den guten Schiedsrichtern richtigerweise mit einem Restausschluss sanktioniert worden ist - sollte sich ein spielerisch so begnadetes Team auf diesem Niveau eigentlich nicht leisten. Timo Meier sagt denn auch nach dem Spektakel selbstkritisch: «Wir müssen disziplinierter spielen».

Am Samstag gegen Kanada

Eine erste Antwort, ob Patrick Fischer seine Spieler im Griff hat, werden wir bereits am Samstag gegen Kanada erhalten. Es ist ein erster «Clash of the Titans»: Die beiden schnellsten, besten Teams dieser Gruppe treffen aufeinander und der Sieger hat gute Chancen auf den Gruppensieg und einen vermeintlich leichteren Gegner im Viertelfinal.

Früher ging es für die Schweizer zu diesem Zeitpunkt des Turniers um die Qualifikation für den Viertelfinal. Jetzt um eine optimale Ausgangsposition für den Viertelfinal. Viermal gewonnen (wie zuletzt 2010 und 2013), aber nur einmal restlos überzeugt – so spielt trotz allem ein Geheimfavorit in den Gruppenspielen, der sich darauf konzentrieren kann, sein Spiel zu justieren, weil die Viertelfinals eh klar sind. Um im Fall der Schweizer geht es auch darum, die Disziplin wiederherzustellen.