Volleyball

Weg von der «Spinnst du eigentlich»-Kultur: Solothurner Trainer will Nachwuchsarbeit verändern

Timo Lippuner trat im vergangenen Jahr als Nationaltrainer zurück – nun will er sich um den Nachwuchs kümmern.

Timo Lippuner trat im vergangenen Jahr als Nationaltrainer zurück – nun will er sich um den Nachwuchs kümmern.

Der Solothurner Timo Lippuner verlässt nach der Saison die Bundesliga und wechselt zum BTV Aarau. Dort soll er den neu gegründeten Nationalen Nachwuchsverein (NNV) führen und dabei bei jungen Talenten die Lust aufs Profisein wecken.

Begonnen hat alles kurz vor Weihnachten. Doch Geschenke will Timo Lippuner keine ver­teilen. Im Gegenteil: Mit dem 39-Jährigen Solothurner soll im Schweizer Frauenvolleyball ­vieles neu werden. Er sagt: «Der Weg in die NLA ist zurzeit zu einfach.» Dem Ex-National­trainer fehlt die Leistungskultur. 

Lippuner ist an Heiligabend auf dem Weg von Deutschland in die Schweiz, als sein Handy klingelt. Der Trainer des Bundesligisten Rote Raben Vilsbiburg will ein paar Tage in der Heimat verbringen. Am Schluss des Gesprächs ist klar: Er wird nach dem Ende dieser Saison viel öfter Zuhause sein. Als Trainer beim BTV Aarau soll er einen neu geschaffenen Nationalen Nachwuchsverein (NNV) führen.

Mit den Nationalen Nachwuchsvereinen – neben dem BTV Aarau hat einzig der VBC Züri Unterland die entsprechende Lizenz erhalten – will der Schweizer Verband Swiss Volley die Nachwuchsarbeit im Frauenvolleyball professionalisieren. Lippuner sagt: «Leistungssport ist nicht in erster Linie eine Frage des Talents, sondern vor allem eine Frage der Einstellung.» Es brauche Bereitschaft, Profi zu werden.

Neben neuen Strukturen braucht es neues Denken

Aktuell spielen mit Laura Künzler und Maja Storck zwei Schweizerinnen als Profis im Ausland. Lippuners Vision: «Irgendwann wollen wir 10, vielleicht sogar 20 Profis haben. Dafür braucht es neben den neuen Strukturen vor allem eine Änderung im Denken. Wenn in Deutschland eine junge Spielerin sagt, sie wolle auf Volleyball setzen, lautet das Feedback: ‹schwierig aber mutig›. In der Schweiz ­sagen der eigene Trainer, der Vater, die Mutter und der Lehrer: ‹Spinnst du eigentlich!›»

Lippuner ist überzeugt, dass es in der Schweiz genügend Spielerinnen gäbe, die bereit wären, All-in zu gehen. «Doch es braucht jemanden, der sie berät, der ihnen den Weg zeigt und die Perspektiven.» Genau dort setzt das NNV-Projekt an. Neben einem professionellen Trainingsbetrieb mit acht bis neun Einheiten verteilt auf fünf Tage und einem Spiel am Wochenende setzt Lippuner auf eine seriöse Karriereplanung. «Es bringt nichts, wenn eine talentierte 17-Jährige von sämtlichen NLA-Teams gelockt wird, weil diese aufgrund der Auflagen zwei Schweizerinnen spielen lassen müssen.»

Der Solothurner nennt dieses Vorgehen «einen Ausverkauf von Talenten. Und weil der Horizont vieler Schweizer an der Grenze endet, ist der Weg schnell zu Ende.» Die NLA sei für die Meisten das Höchste der Gefühle. Etwas, das sich mit dem Berufsleben vereinen lasse. Profi zu sein, sei nicht einmal eine Option. «Das müssen wir ändern. Volleyball auf höchstem Niveau findet heute zwischen 24 und 32 Jahren statt. Da muss man mit 17 nicht am Zenit sein. Es ist vielmehr erst der Beginn.»

Erstliga-Team steigt vor­läufig weder auf noch ab

Spätestens im Mai beginnt Lippuner in Aarau. Im August startet dann die Ausbildung für die ersten NNV-Spielerinnen, die parallel dazu das Sportgymnasium an der Alten Kantonsschule in Aarau besuchen oder eine Lehre in einem spitzensportfreundlichen Betrieb absolvieren werden. Die 16- bis zirka 20-jährigen Talente mit der Motivation, Profi zu werden, nehmen als BTV Aarau am Spielbetrieb in der 1. Liga teil. Das Team kann vorläufig weder auf- noch absteigen.

Mittelfristig erwartet Lippuner, dass das Projekt die besten Spielerinnen der Schweiz anlockt. «Wer mit 16 Jahren nicht bereit ist, für den Sport umzuziehen, ist auch nicht bereit für Leistungssport und kommt für uns nicht in Frage.» Der Solothurner ist sich bewusst, dass sein Weg unweigerlich dazu führen wird, dass er aussortieren muss. «Das Risiko, dass man rausfliegt, ist da. Aber das ist überall sonst auch so. In Italien warten 20 Talente auf einen Platz und hoffen, dass eine andere versagt.»

Geschenke will er keine verteilen. Auch wenn diese Geschichte kurz vor Weihnachten begann.

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