Fussball

Marvin Spielmann und die seltene Eigenschaft eines Fussballers

Marvin Spielmann ist selbstkritisch, das gibt es im Fussball nur selten.

Marvin Spielmann ist selbstkritisch, das gibt es im Fussball nur selten.

YB-Flügel Marvin Spielmann hadert mit seinen Leistungen, doch Trainer Gerardo Seoane glaubt an den Oltner und stärkt ihm den Rücken.

Ein Interview geben? Ausgerechnet jetzt, wo es doch so gar nicht läuft? Die grosse Mehrheit der Fussballprofis würde sich in einer solchen Situation freundlich für die Anfrage bedanken, um dann ausrichten zu lassen, dass man im Moment nicht sprechen und sich ganz auf die Leistung konzentrieren möchte. Aber gerne ein anderes Mal ...

Marvin Spielmann gehört zur kleinen Minderheit, die anders tickt. Der Flügelspieler von YB erscheint pünktlich zum Gesprächstermin im Bauch des Wankdorfstadions und redet nicht um den heissen Brei herum. Er sagt: «Die Saison verläuft für mich nicht zufriedenstellend. Meine Leistungen sind ungenügend.»

Hoppla, da übt einer so offen Selbstkritik, wie es in dieser Branche nur selten geschieht. «Ich erwarte von mir viele Skorerpunkte, habe es bisher aber nur auf je ein Tor und einen Assist gebracht», sagt Spielmann enttäuscht. Doch Trainer Gerardo Seoane macht ihm Mut: «Marvin hat grosses Potenzial. Wir wollen ihm den Rücken stärken und glauben daran, dass er seine Torgefahr bald wieder ausspielen kann.»

Mit einem gut gefüllten Rucksack zu YB gegangen

Spielmanns Karriere hatte in den letzten beiden Jahren beim FC Thun so richtig Fahrt aufgenommen. Auch YB ist beeindruckt gewesen und im letzten Sommer bereit, 1,5 Millionen Franken auf den Tisch zu legen, um die Konkurrenz aus dem Ausland auszustechen. Spielmann machte sich vor dem Transfer viele Gedanken, ob der Schritt vom kleinen FC Thun zu Meister YB der richtige sei oder vielleicht doch zu gross. Aber sind vor ihm nicht auch Christian Fassnacht und Sandro Lauper denselben Weg gegangen und haben reüssiert? Spielmann sagt: «Ich bin mit einem gut gefüllten Rucksack in Bern angekommen.»

Ein Blick in diesen gibt ihm recht: Nach der fussballerischen Ausbildung im Team Aargau und dem Abschluss der KV-Lehre im Departement für Bildung, Kultur und Sport in Aarau startet Spielmann beim FC Aarau seine Profikarriere. Doch das Brügglifeld ist nur Durchgangsstation. Der FC Wil und dessen türkische Investoren wollen den Schweizer Fussball aufmischen und locken Talente wie Spielmann mit üppigen Salären in die Ostschweiz. Eine Erfolgsstory wird daraus zwar nicht, für Spielmann aber ein Lehrplätz, wie es im Fussball laufen kann. Nur gut, bekommt er beim FC Thun die Chance, in der Super League Fuss zu fassen. Nach einem halben Jahr des Akklimatisierens schiesst er in seiner ersten Saison 13 Tore und wird zum Shootingstar. Und legt in der nächsten Spielzeit nach. Er trifft zwölfmal, gibt siebenmal den entscheidenden Pass und reiht sich in der Scorerliste bei den Besten ein, ex aequo mit Stars wie Nsame, Van Wolfswinkel, Gerndt und Sulejmani.

Die leidige Verletzung im Cupspiel in Carouge

Nach dem Wechsel zu YB führt sich der 24-Jährige ordentlich ein und kommt in den ersten vier Meisterschaftsspielen zum Einsatz. Doch dann verletzt er sich im Cupmatch in Carouge am Sprunggelenk und fällt wochenlang aus. Das Comeback verläuft harzig. Zwar schiesst er in der Europa League gegen Feyenoord ein wichtiges Tor, in der Super League aber wartet er auch nach 16 Teileinsätzen auf einen Treffer. Härter noch: In den beiden letzten Partien gegen Xamax und Servette hat es Spielmann nicht mal mehr ins Aufgebot geschafft. Ein Spiel seiner Mannschaft wie am Dienstag in Genf zu Hause vor dem Fernseher verfolgen zu müssen, ist frustrierend. «So etwas wünsche ich niemandem», sagt Spielmann. Seoane beruhigt: «Jeder Profi hat stärkere und weniger gute Phasen. Es gilt, den Fokus zu behalten, und konsequent und mit Elan zu arbeiten. Das tut Marvin. Wir erwarten von ihm, dass er weiter mit Freude ins Training kommt und Vollgas gibt.»

Der 11-fache frühere Schweizer U21-Internationale wirkt an diesem Donnerstagmittag nicht, als sei er am Boden zerstört. Aber ratlos ist er schon. «Ich gebe immer alles. Im Spiel und im Training. Doch mental war ich noch nie der Stärkste», sagt Spielmann. Er hat zwar in den letzten Jahren mit drei Mentaltrainern je ein Gespräch geführt, wirklich geholfen hat es ihm nicht. «Der mentale Bereich wird grundsätzlich vom Trainerteam abgedeckt», sagt Seoane. «Wir begleiten unsere Spieler intensiv und zeigen ihnen die verschiedenen Wege auf. Ob dann ein Spieler noch zusätzlich von aussen Unterstützung braucht, ist ihm überlassen.»

Spielmann denkt, irgendwann finde er schon aus dem Loch hinaus. Das Rezept: Endlich mal ein Tor erzielen, ein Erfolgserlebnis haben, Selbstvertrauen tanken, um dann nach dem berühmten Ketchup-Prinzip am Fliessband zu treffen. So, wie vor drei Jahren, als er beim 4:0-Auswärtssieg von Thun gegen YB zwei Tore schoss und in den nachfolgenden drei Spielen gleich noch einmal vier. «Da habe ich gezeigt, dass ich es kann», sagt Spielmann.

Ein extrem harter Konkurrenzkampf

Andres Gerber bestätigt: «Ja, Marvin kann es. Er ist schnell und hat einen guten Schuss.» Der Thuner Sportchef formuliert wunderschön, wie er den Fussballer Spielmann sieht: «Auf mich wirkt er wie eine Wildkatze, die wechselweise jagt, eine grosse Beute macht und sich dann vor der nächsten Pirsch wieder etwas ausruht.» Aber Marvin sei sensibel und bei YB einem extremen Konkurrenzkampf und hohem Druck ausgesetzt. Jetzt brauche er halt auch Geduld. Von sich selbst, von YB, vom Umfeld.

Letzteres befindet sich vornehmlich in seiner Heimatstadt Olten, wo er aufgewachsen ist und wo er auch heute mit seiner Freundin und einem kleinen Hund, einem rassereinen Mini-Malteser, lebt. «Hier fühle ich mich wohl», sagt Spielmann, «aber das gilt auch für YB, wo ich mit Fassnacht, Lauper, Bürgy und Lotomba einen guten Freundeskreis habe.» Er sucht keine Ausreden und wirkt erstaunlich reif, wenn er sagt: «Die Verletzung liegt lange zurück, und ich bin fit. Dass in Bern ein harter Konkurrenzkampf auf mich wartet, war mir immer bewusst. Würde ich damit nicht klarkommen, wäre ich hier fehl am Platz.»

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