Orientierungslauf
«Manchmal vergesse ich, dass ich 33 bin»

Die Oltnerin Brigitte Mühlemann spricht vor ihrer WM-Feuertaufe über ihre Konkurrentinnen, die WM in der Schweiz und Simone Niggli-Luder.

Rainer Sommerhalder
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Höchste Konzentration: Brigitte Mühlemann in ihrem Element. Swiss Orienteering

Höchste Konzentration: Brigitte Mühlemann in ihrem Element. Swiss Orienteering

Brigitte Mühlemann, Sie sind seit einer Woche hier in Aix-les-Bains. Wie erleben Sie bisher Ihre erste Weltmeisterschaft?

Brigitte Mühlemann: Ich habe sehr viele gute Eindrücke erhalten. Noch zu Hause dachte ich, dass es wohl oft leere Zeit geben wird, weil mein Einsatz erst am Freitag ist. Davon ist keine Spur, es ist immer etwas los. Die vielen Eindrücke werde ich wohl erst nach meiner Rückkehr richtig verarbeiten können.

Was liegt für Sie heute über die Mitteldistanz drin?

Punkto Rang ist diese Frage fast nicht zu beantworten. Der Langdistanz-Lauf hat gezeigt, dass einige Favoritinnen scheiterten, dafür andere Läuferinnen nach vorne drängten. Es wird in diesem äusserst schwierigen Mitteldistanz-Rennen viele Fehler geben. Mein Ziel ist ein Lauf ohne grosse Fehler. Dafür will ich mir Zeit lassen.

Was fehlt Ihnen im Vergleich zur absoluten Weltspitze?

Sicher zuerst einmal Stunden um Stunden von Kartentraining. Da ich relativ spät mit OL begonnen habe, sind viele Abläufe bei mir nicht derart automatisiert wie bei den Besten. Die Spitzenläuferinnen haben die Fähigkeit, Informationen, welche sie erhalten haben, blitzschnell umzusetzen. Hier verliere ich noch Zeit. Auch physisch bin ich nicht auf dem Level der Besten, wobei dies im speziellen WM-Gelände von heute gar keine grosse Rolle spielt. Ich habe das Gefühl, dass ich in diesem Wald läuferisch nicht viel Zeit verliere.

Jetzt nach Ihrem WM-Debüt müssten auch die Titelkämpfe nächstes Jahr in der Schweiz ein Thema sein?

Ich habe immer gesagt, dass ich Jahr für Jahr plane. Jetzt bin ich an der WM, dann bekomme ich vielleicht im Herbst beim Weltcupfinal nochmals eine Chance, internationale Luft zu schnuppern. Wie es nächstes Jahr aussieht, entscheide ich danach.

Ist es nicht ein Armutszeugnis für den Nachwuchs bei den Schweizer Frauen, wenn ein Jahr vor der Heim-WM eine 33-jährige Debütantin zum Zug kommt?

Klar, vom Alter her bin ich zehn Jahre zu spät. Von der OL-Erfahrung her dagegen bin ich im Kader wohl der grösste Neuling. 33 ist für mich nur eine Zahl. Wenn ich mit den anderen Schweizer WM-Athletinnen im Zimmer sitze, vergesse ich, dass ich 33 und alle anderen deutlich jünger sind. An den Selektionsläufen wird nun mal nach Leistung und nicht nach Alter entschieden, das ist auch richtig so. Dazu noch eine kleine Geschichte: Als mich Nationaltrainer Matthias Niggli angefragt hat, ob ich nicht ins Nationalkader kommen wolle, habe ich ihm geantwortet, ich sei dafür doch viel zu alt. Worauf er sagte, Vroni König-Salmi habe ihre erste WM-Medaille auch erst mit 32 Jahren gewonnen.

Aber wieso ist trotz zehn Jahren Vorbildwirkung durch Simone Niggli-Luder keine weitere Schweizer Medaillenläuferin herangewachsen?

Erst seit ich selber im Kader bin, ist mir so richtig bewusst, was Simone geleistet hat. Das ist Wahnsinn. Ich denke, es gibt durchaus Schweizerinnen mit dem Potenzial für einen Medaillengewinn. Bei vielen fehlt dafür einfach noch die Konstanz.

Was fehlt den Schweizer Frauen im Vergleich zum klar stärkeren Männerteam?

Die interne Dichte an Konkurrenz. Bei den Männern ist diese derart stark, dass sie bei jedem Vergleich, an jedem Testlauf ein Optimum bringen müssen, um überhaupt dabei zu sein. Bei uns Frauen ist dieser Druck viel kleiner. Da kann auch ein Lauf mit Fehlern noch zur Selektion reichen. Man muss nur einmal die Elite-Felder bei den nationalen Läufen betrachten. Bei den Männern sind sie voll, bei den Frauen starten neben den Kaderläuferinnen nur zwei, drei weitere Athletinnen.

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