Eishockey
Patrick Fischer sollte die Schraube wieder etwas anziehen

Der Nati-Trainer muss in der Vorbereitung für das Olympia-Turnier mit zwei Mannschaften planen. Weil die Teilnahme der NHL-Cracks in Peking weiter ungewiss ist, bleibt das Rennen um die Plätze im Kader völlig offen.

Klaus Zaugg
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Patrick Fischer mit seinen Assistenten Benoit Pont (l.) und Michael Liniger (r.).

Patrick Fischer mit seinen Assistenten Benoit Pont (l.) und Michael Liniger (r.).

Pascal Muller/Freshfocus

Blamage wie 2018 in Südkorea im Achtelfinal gegen Deutschland? Ehrenvolles Scheitern wie bei der WM 2019 im Viertelfinal gegen Kanada? Ärgerliches Ausscheiden wie bei der WM 2021 gegen Deutschland oder Finalruhm wie bei der WM 2018?

Nach Abschluss der Vorbereitungen für Peking findet der Pessimist sicher Gründe, um an den Olympischen Spielen eine Blamage zu befürchten. Die Resultate sind durchzogen: eine 1:7-Kanterniederlage gegen die Slowakei, eine 0:3-Pleite gegen Deutschland und ein 3:2-Sieg gegen eine drittklassige russische Auswahl im November. Und nun Siege vorgestern gegen ein schwaches Lettland (2:1) und gestern im bisher besten Saisonspiel gegen die Slowakei (3:2).

In normalen Zeiten hätten wir nach der Partie gestern gegen die Slowaken die Mannschafts-Aufstellung für das erste Spiel beim Olympischen Turnier am 9. Februar gegen Russland machen können. Wechsel hätte es in den kommenden Wochen höchstens noch auf zwei oder drei Positionen gegeben. Aber die Zeiten sind eben nicht normal. Nach wie vor ist offen, ob die NHL ihre Stars nach Peking reisen lässt.

Auch am 10. Januar werden wir noch nicht definitiv wissen, ob die NHL-Stars dabei sein werden. Fest steht lediglich: Sagt die NHL nach dem 10. Januar die Teilnahme doch noch ab, muss sie für die bereits aufgelaufenen Kosten aufkommen. Unter anderem für rund sechs Millionen Dollar für die gebuchten Charterflüge. Zurzeit gibt es in der NHL 54 Covid-Fälle in 12 Teams. Die Chancen auf eine NHL-Teilnahme stehen nicht besser als 60 Prozent.

Killian Mottet (M.) feiert seinen Gamewinner gegen die Slowakei mit Marco Müller (l.) und Christian Marti (r.).

Killian Mottet (M.) feiert seinen Gamewinner gegen die Slowakei mit Marco Müller (l.) und Christian Marti (r.).

Pascal Muller/Freshfocus

Das bedeutet für Nationaltrainer Patrick Fischer: Plan A ist eine Mannschaft mit zehn bis elf NHL-Profis. Plan B ist eine Mannschaft ohne die NHL-Profis. Das ist der Grund, warum er mit zwei verschiedenen Mannschaften die November-Spiele und nun auch die beiden Partien in Visp bestritten und insgesamt mehr als vierzig Spieler aus der National League getestet hat.

Die zwei Siege in zwei Tagen in Visp gegen Lettland (2:1) und die Slowakei (3:2) geben durchaus Anlass zu Hoffnung. Natürlich haben wir zeitweise in beunruhigender Art und Weise die ganze Bandbreite von «Pausenplatzhockey» bis zu finaltauglichen taktischen Schablonen gesehen. Exzellentes Boxplay einerseits (kein Tor erzielt in Unterzahl), Unordnung andererseits in der eigenen Zone (zwei Eigentore kassiert gegen die Slowakei). Hübsche Kombinationen einerseits, fehlende Geradlinigkeit andererseits und über die ganze Vorbereitung im November und Dezember bloss neun Tore in fünf Spielen geschossen.

Zu wenig. Die Leistungsschwankungen sind eigentlich zu gross. Aber eben auch logisch: Nur die Hälfte der Spieler, die in Visp angetreten sind, hat eine realistische olympische Chance. Wären die Schweizer im November und jetzt in Visp mit dem bestmöglichen Team angetreten, dann hätten sie wahrscheinlich alle fünf Vorbereitungsspiele dieser Saison gewonnen. So gesehen ist die fehlende Konstanz eben auch ein Zeichen für die Klasse der Mannschaft.

Sie ist dazu in der Lage, im Laufe einer Partie zu reagieren, das Spiel zu justieren und anzupassen. Die Steigerung in der Partie gegen die Slowakei war beeindruckend. Aber warum das beste Hockey in Visp erst ab dem zweiten Drittel des zweiten Spiels?

Denis Malgin beschäftigt den slowakischen Goalie Patrik Rybar.

Denis Malgin beschäftigt den slowakischen Goalie Patrik Rybar.

Jean-Christophe Bott/KEYSTONE

Mag sein, dass Patrick Fischer im Pulverdampf einer hektischen Partie gelegentlich ein wenig die Übersicht verliert und kein Taktiklehrer ist. Aber was gerade bei der so schwierigen Vorbereitung für Peking mindestens so viel zählt wie ein Timeout zum richtigen Zeitpunkt: Das richtige Aufgebot. Patrick Fischer, mehr Philosoph, Psychologe und Spielerversteher als Bandengeneral, hat ein Gespür für seine Spieler. Er wird am 15. Januar intuitiv die richtigen für Peking nominieren.

Wenn unsere NHL-Stars dabei sind, dann haben von den Spielern aus der National League nur Leonardo Genoni, Reto Berra, der gestern in seinem 100. Länderspiel überragend war, Ramon Untersander, Patrick Geering, Andres Ambühl, Simon Moser, Gaëtan Haas und Christoph Bertschy (obwohl er gestern mit Penalty beim Stande von 0:1 an Rybar scheiterte) ihren Platz auf sicher.

Die restlichen Peking-Tickets werden an jene Spieler vergeben, die zu Beginn des neuen Jahres am besten «zwäg» sind. Patrick Fischer achtet mehr noch als vor früheren Turnieren darauf, dass nur im Aufgebot steht, wer auch in Form ist. Muss er die Mannschaft mit Spielern aus der heimischen National League zusammenstellen, wird es überraschende Aufgebote geben.

Vielleicht sogar für Andrea Glauser, Sven Senteler, Samuel Walser oder Killian Mottet. Und womöglich überraschende Nicht-Aufgebote. Selbst Titanen wie Sven Andrighetto oder Tristan Scherwey haben ihre Olympia-Berufung noch nicht auf sicher. Und einer war bei den beiden Testspielen in Visp dabei, der noch nicht geimpft ist. Für ihn naht bald die Stunde der Entscheidung. Nicht nur für die Spiele in Peking. Eine Impfpflicht ist auch für die Weltmeisterschaft in Vorbereitung.

Patrick Fischer ist im Amt gewachsen wie nur wenige Coaches und sein Charisma wirkt. Aber Turnier-Erfolg im Eishockey ist immer auch das Produkt von taktischer Disziplin, Konzentration, Taktik und Ordnung in jedem Spiel von der ersten bis zur letzten Minute. Es wäre nicht zu seinem Nachteil, wenn er die Schraube wieder etwas anziehen würde.

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