Zwölf Sekunden fehlten Visp. Zwölf Sekunden, um die Viertelfinalserie gegen den EHC Olten neu zu lancieren. Während die Sekunden runtertickten, kurvte Anthony Rouiller ein letztes Mal ums eigene Tor und lancierte den an der blauen Linie postierten Silvan Wyss mit einem Steilpass.

Irgendwie drosch der Flügelstürmer den Puck Richtung Visper Tor. «Ich frass noch einen Check und sah nicht einmal, dass er reingeht», sagte Wyss, als nach dem Spiel das Adrenalin abzuklingen begann. War es ein Schnitzer des Walliser Torhüters Reto Lory gewesen? Oder ein Zauberschuss? Fast in Zeitlupe schien sich der Puck durch die Kleinholz-Luft zu winden, ehe er im linken hohen Eck einschlug.

Der späte Ausgleich zum 2:2 – nach langem Anrennen – liess es erahnen: In der Verlängerung würde Olten alle Trümpfe in den Händen halten. Wieder war es Wyss, der das Kleinholz nicht lange warten liess. In Überzahl vollendete er in der zweiten Minute der Verlängerung – diesmal aus dem hohen Slot mit einem satten Hocheckschuss. Statt heute Freitag in Visp gegen den Ausgleich in der Serie anzurennen, biegt Olten auf die Zielgerade ein, die Richtung Halbfinal führt.

Auf und Ab im Überzahlspiel

Silvan Wyss schreibt die nächste verrückte Geschichte in der noch jungen Playoff-Kampagne Oltens. War in Spiel eins noch Marco Truttmann die grosse Figur gewesen, so ist es nun der Seeländer. Dass er in den Playoffs gross auftrumpft, überrascht längst nicht mehr.

Vor einem Jahr drohte Olten nach der schwierigen Qualifikation am HC Thurgau zu zerbrechen. Der Ex-Bieler Junior Wyss gehörte damals zu den Kämpfern der ersten Stunde. Er wurde seinem Namen als Mr. Playoff gerecht. Im goldenen Topskorer-Helm führte er Olten damals an – die Reise endete erst im Final gegen den späteren Aufsteiger Rapperswil-Jona.

«Wir müssen diesen unbedingten Willen auf den langen Weg mitnehmen, der uns bevorsteht», sagt Wyss ein Jahr später. Er spricht vom Killerinstinkt, den Olten so dringend brauche. Wyss selbst hatte diesen zuletzt ein wenig gesucht.

Defensiv funktionierte die Sturmlinie mit Lukas Haas und Alban Rexha gut, offensiv harmonierte sie nicht wunschgemäss. «Wir hatten viele Puckverluste und sagten uns deshalb: Jetzt bringen wir alles aufs Tor.» Wyss und Haas waren dann auch die Torschützen im dritten Spiel.

Jedoch kamen die Tore nicht mit der angestammten Angriffslinie zustande, sondern im Überzahlspiel. Dabei war dieses zunächst wenig überzeugend gewesen. Im ersten Powerplay vertändelten die Oltner den Puck in der eigenen Zone. Visp-Topskorer Jules Sturny erbte und brachte die Walliser mit einem Shorthander in Führung.

Beim zweiten Überzahlspiel verpasste das Visper Ausländerduo mit Dan Kissel und Mark Van Guilder nur knapp den nächsten Schlag in Unterzahl. Paradoxerweise hatte Olten am Ende des Abends drei der sechs Überzahlsituationen genutzt.

Weil am Mittwochabend mit Marco Truttmann ein weiterer Stürmer ausfiel und Olten eine Aufholjagd lancieren musste, war das dritte Viertelfinalspiel besonders kräftezehrend gewesen. Auch mental ging der wilde Ritt an die Substanz. Am Donnerstag fand folglich bloss ein lockeres Eistraining statt. Trotz vieler Ausfälle gab sich Olten bislang unbeeindruckt. Jetzt scheint auch Mr. Playoff Silvan Wyss vollends angekommen zu sein.