Schwingen
Beruf und Spitzensport: ein happiges Programm

Remo Stalder aus Mümliswil beweist, dass Spitzensport trotz vollgepacktem Berufsleben möglich ist.

Martin Probst
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Remo Stalder kann als Zimmermann auf einen Arbeitgeber zählen, der ihm bei der Ausübung des Schwingsports den Rücken freihält.

Remo Stalder kann als Zimmermann auf einen Arbeitgeber zählen, der ihm bei der Ausübung des Schwingsports den Rücken freihält.

ALEX SPICHALE

Sechs Wochen lang durfte Remo Stalder in diesem Frühling erfahren, wie es ist, Profisportler zu sein. Wie es ist, nur aufzustehen, um zu trainieren. Und wie es ist, abends nicht noch in den Schwingkeller oder den Kraftraum zu gehen. Der Sportler-WK der Armee machte es möglich.

Schön wars. Das normale Leben von Remo Stalder ist anders. Als Zimmermann arbeitet er fünf Tage die Woche mit einem 100-Prozent-Pensum. Am Abend und am Wochenende hilft er auf dem Hof seines Vaters. Und dazwischen oder danach geht er noch dreimal in der Woche in den Schwingkeller und zwei- bis dreimal in den Kraftraum.

Remo Stalder beim Rangschwingfest in Grenchen

Remo Stalder beim Rangschwingfest in Grenchen

Ein happiges Programm, das Leidenschaft fordert. «Einmal in der Woche, am Samstag, gönne ich es mir aber schon, auszuschlafen», sagt Stalder. «Manchmal sogar bis 9 Uhr.» Darüber würden andere 26-Jährige wohl nur müde lächeln. 9 Uhr? Da kommen einige erst nach dem Ausgang ins Bett.

Gelernt, geduldiger zu werden

Remo Stalder ist es sich gewohnt, anzupacken. Nach einer Lehre als Zimmermann entschied er sich, auch noch die Ausbildung zum Landwirt zu absolvieren. «Mein Traum ist es, später einmal den Hof von meinem Vater zu übernehmen», sagt er. «Ich wollte aber als Zimmermann ein zweites Standbein, falls es aus irgendeinem Grund doch nicht klappen sollte mit dem eigenen Hof.»

Als wir Remo Stalder besuchen, ist er gerade dabei, eine Scheune zu bauen. Die Arbeit als Zimmermann dient ihm dabei auch als Lebensschule. «Ein Haus ist nicht von heute auf Morgen gebaut, es geht in Etappen vorwärts.» Dies musste er auch auf dem Schwingplatz lernen. Als Kind bereits ehrgeizig, machten ihm Niederlagen zu schaffen. «Ich ‹töipelte› regelrecht», erinnert er sich. Weil es ihm zu langsam vorwärtsging.

Schwingerkönig Matthias Sempach (v.) gegen Remo Stalder.

Schwingerkönig Matthias Sempach (v.) gegen Remo Stalder.

foto-net / Alexander Wagner

Mittlerweile weiss er, dass es auch im Sägemehl nur etappenweise nach oben geht. «Niederlagen ärgern mich nach wie vor», sagt er. Doch er bleibt geduldig und trainiert noch härter. Geblieben ist der Ehrgeiz, eine seiner grössten Stärken, und der Mut zum Angriff. «Ich schwinge offensiv. Ich nehme lieber das Risiko eines Konters in Kauf, als nur auf ein Unentschieden zu spekulieren.» Nur eben nicht mehr mit dem Kopf durch die Wand. Ganz Zimmermann.

Auf dem Bretterboden der Scheune ist es warm an diesem Tag. Ein Vorteil sei es, immer draussen zu arbeiten, sagt Stalder. «Weil ich mir dadurch die Hitze gewohnt bin.» Oder Regen – eben alles, was ein Schwingfest hart machen kann. «Da habe ich bestimmt einen Vorteil gegenüber den Kollegen, die stets in temperierten Büros arbeiten.» Dafür aber den Nachteil, dass eine Woche bei Wind und Wetter zusätzlich schwächt. «Das raubt schon Energie.» Um dagegen zu wirken, versucht Stalder, viel zu schlafen. Manchmal geht er bereits um acht Uhr ins Bett, um am Morgen ein paar Minuten zu brauchen, um in die Gänge zu kommen. Besonders am Montag nach einem Schwingfest. «Dann merke ich die ständigen Belastungen vom Schwingen und der Arbeit schon, doch spätestens nach dem Znüni bin ich wieder voll im Saft», erzählt er. Und der 26-Jährige ist froh, dass ihn sein Arbeitgeber und seine Kollegen bei der J. Roth AG in Mümliswil stets unterstützen. «Mein Arbeitgeber ist sehr rücksichtsvoll. Und meine Kollegen helfen mir, wenn ich mal die Nachwehen eines Festes spüre.»

Am Montagabend gönnt er sich nach besonders intensiven Schwingfesten auch einmal eine Massage. Luxus ist das dann zwischen der Holzarbeit, dem Anpacken auf dem Hof und der Schweissarbeit im Sägemehl. Doch nichts zu tun, ist nichts für Stalder. Im Winter wurde er am linken Knie operiert. Der Meniskus war kaputt. Die Reha trieb er schnell voran, um heute zu sagen: «Ich habe keine Probleme mehr, kann wieder im vollen Umfang und mit voller Kraft trainieren.»

Noch ein Kranz?

Das ist wichtig. Besonders mit Blick auf das Saisonhighlight Ende August. Beim «Eidgenössischen» will er erneut einen Kranz gewinnen. Wie schon 2013 in Burgdorf. Nur einfach wird es nicht. «Als Eidgenosse werde ich nun bei der Einteilung stärkere Gegner erhalten», sagt Stalder. Es ist das Los der Starken.

Aber auch die Chance. Der Kranz am «Eidgenössischen» ermöglichte Stalder, sich für die Sportler-WKs zu bewerben. Seither darf er zumindest jeweils im Frühling drei bis sechs Wochen fast wie ein Sportprofi leben. Zusammen mit der Garde des Schweizer Schwingsports. In diesem Jahr waren auch die Könige Kilian Wenger und Matthias Sempach dabei – oder Stalders Kollegen aus der Nordwestschweiz, Mario Thürig und Christoph Bieri. «Man könnte schon fast sagen, es ist ein Training der Nationalmannschaft», sagt Stalder, der die Chance, sich mit den Besten zu messen, geniesst. Und auch, für einmal nicht gefühlt drei Jobs zu haben.

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