Können 25 000 norwegische Fans falsch liegen? Für sie sind die Nordischen Ski-Weltmeisterschaften der Nabel der Sportwelt. Aber nicht nur auf den Strassen Seefelds wirkt die Dominanz der fahnengeschmückten Norweger inzwischen erdrückend. Auch sportlich sorgen die Skandinavier für gähnende Leere beim Rest der Welt. 13 von 22 möglichen Titeln ergattert, 25 Medaillen und damit 16 mehr als die zweiterfolgreichste Nation gewonnen. Und dabei kriseln die norwegischen Skispringer…

Was ist schlimmer für die Unterhaltung, als wenn die Sieger bereits vor dem Start feststehen? So erlebt bei den Distanzrennen der Langläuferinnen, wo die von einer Dopingsperre  urückgekehrte Therese Johaug alles in Grund und Boden lief.

Norwegen kann nichts dafür, dass es im Nordischen Skisport derart überlegen ist. Aber es tut dem Sport damit keinen Gefallen. So pervers es tönen mag: Nicht einmal der Dopingskandal vermag grösseren Schaden anzurichten. An den beiden Tagen nach der spektakulären Polizeirazzia in Seefeld feierte die WM ihren grössten Zuschauer-Aufmarsch.

Der Langlauf erlebt in Zeiten von bildlich festgehaltenen Bluttransfusionen und medienwirksamen Inhaftierungen einen Effekt wie schon der Radsport. Die Anhänger säumen die Wege ihrer Helden zu Ruhm und Ehre unverändert zahlreich. Auch wenn sie immer exklusiver Rot-Weiss-Blau tragen.

Ist der Dopingskandal eine gute oder schlechte Sache?

Apropos Dopingskandal. Soll das, was wir die vergangenen Tage in Seefeld erlebt haben, nun pessimistisch oder optimistisch stimmen? Für die einen stehen die Erkenntnisse im Vordergrund, dass es im Spitzensport ohne illegales Nachhelfen nicht geht. Dass Dopingkontrollen offensichtlich nichts bringen. Und dass die Selbstreinigungskräfte des Sports ohne massives Eingreifen von Polizei und Justiz in keiner Weise funktionieren.

Andere weisen darauf hin, dass die neuen Antidoping-Gesetze den Sport sauberer machen. Dass man im Gegensatz zu früher nicht einfach nur einen betrügenden Athleten überführt, sondern dank koordinierten Ermittlungen von zivilen und sportlichen Behörden viele Hintermänner und ganze Netzwerke aushebeln kann. Und dass die Doper wegen der verstärkten Wirksamkeit der Massnahmen immer grössere Risiken auf sich nehmen müssen, etwa Bluttransfusionen auf Autobahn-Parkplätzen oder gar am Morgen des Wettkampfs, weil dann vom Reglement her bei einer Kontrolle kein Blut mehr entnommen werden darf.

Ein Nachfolger für die Überfigur Simon Ammann

Auch bei der Bilanz des Schweizer Teams stellt sich gleichsam die Frage nach dem halbvollen oder halbleeren Glas. Dank Skispringer Killian Peier feiert man eine Medaille mehr als bei der WM 2017 in Lahti und als dass aufgrund der Performance in dieser Saison von den Nordischen erwartet werden durfte. Und dank Peier wurde bei den Fliegern gerade noch rechtzeitig zum bevorstehenden Rücktritt von Überfigur Simon Ammann eine Nachfolgeregelung aufgegleist.

Mit Nadine Fähndrich kann eine junge Langläuferin neu auf WM-Niveau in die Weltklasse vorstossen. Und dank Dario Cologna taucht der Schweizer Langlauf bei den Männern
im vordersten Teil der Ranglisten auf.

Zu wenig Ertrag für den betriebenen Aufwand

Also alles in bester Ordnung? Mitnichten. Die Schweizer Nordischen haben in Seefeld in der Summe einen Rückschritt erlebt. Die Nordische Kombination schafft sich gerade ab. Im Skispringen und beim Frauen-Langlauf ist man in Zukunft noch mehr von Einzelmasken abhängig als in jüngster Vergangenheit.

Wehe, wenn Peier oder Fähndrich verletzt ausfallen. Und bei den Männern muss man Cologna beinahe schon beknien, seine Karriere bis zu den Winterspielen 2022 in Peking fortzusetzen. Nicht unbedingt, weil man von ihm weitere WM-Titel oder Olympiasiege erwarten sollte. Sondern, weil hinter dem 32-Jährigen ein so grosses Leistungsloch klafft wie seit Jahren nicht mehr.

Die direkte Konkurrenz enteilt Swiss Ski

Die Schweizer Langläufer werden nie mit den dominierenden Norwegern und Russen Schritt halten. So blieb Cologna am Abschlusstag der WM auch wegen der Teamtaktik dieser beiden Nationen im Rennen über 50 km ohne Medaillenchance. Aber der Anspruch von Swiss Ski muss lauten, quantitativ wie qualitativ auf Augenhöhe mit den Franzosen zu sein. Schliesslich betreibt der Verband einen ungleich grösseren finanziellen Aufwand als der Nachbar.

Doch dieser ist uns zuletzt enteilt. Was bringt ein aufgerüstetes, topmodernes Leistungszentrum in Davos, wenn der Effekt ausbleibt? Die junge Garde stagniert und kämpft in beunruhigender Häufigkeit mit Folgen von Übertraining. Es ist Zeit, über die Bücher zu gehen, vielleicht personelle Konsequenzen zu ziehen. Die Betreuung muss mit der Qualität der Infrastruktur korrespondieren. Sonst droht dem Nordischen Skisport das Verschwinden in der Nebensächlichkeit.