Ski alpin
Keine besingt ihre Siege so leidenschaftlich wie Sofia Goggia

So stürmisch wie sie in den Abfahrten zu Tale rast, so temperamentvoll zelebriert die 28-jährige Italienerin das Abspielen der Nationalhymne bei der Siegerehrung.

Rainer Sommerhalder
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Sofia Goggia ist im Zielgelände auf dem grossen Bildschirm beim Singen der Nationalhymne zu sehen.

Sofia Goggia ist im Zielgelände auf dem grossen Bildschirm beim Singen der Nationalhymne zu sehen.

zvg

«Lasst uns die Reihen schliessen, wir sind bereit zum Tod, wir sind bereit zum Tod, Italien hat gerufen!», heisst es im Refrain der italienischen Nationalhymne. Sofia Goggia kennt jede Silbe auswendig und die Siegerin der beiden Abfahrten von Crans-Montana singt das Lied «Brüder Italiens» mit einer Leidenschaft, als ginge es tatsächlich um Leben und Tod.

Die draufgängerische Abfahrts-Olympiasiegerin von 2018 mit der langen Mähne war beim Weltcup in Crans-Montana nicht nur überragend auf der Piste, sondern auch die Attraktion bei den zwei Siegerehrungen. Mit weit aufgerissenem Mund und wild mit den Armen zur Melodie herumfuchtelnd, zelebrierte sie die Siegerehrung als ihren ganz persönlichen Augenblicks des Geniessens.

Lara Gut-Behrami oder ein Podestplatz, der so richtig weh tat

Da konnte und wollte die zweitplatzierte Schweizerin Lara Gut-Behrami nicht mit der nunmehr vierfachen Saisonsiegerin Goggia mithalten. Ihr war überhaupt nicht zum Tanzen und Feiern zumute. Selten sah eine Zweitplatzierte derart gequält aus wie die eigenwillige Tessinerin nach ihrem Einsatz. Der Rücken zwickte gewaltig. Die Schmerzen, die am Vortag bei der Fahrt auf Platz 16 auftauchten, strahlten am Samstag bis runter in die Knie aus.

Im Schnee liegend erhielt Lara Gut-Behrami eine erste Behandlung noch im Zielgelände. Nun müsse sich diese Verkrampfung erst einmal lösen, bevor wieder ans Skifahren zu denken sei, sagte die 29-Jährige. Ob sie am Sonntag beim Super-G am Start stehen werde, wisse sie noch nicht.

Schweizer Frauen brillieren mit 6 Fahrerinnen in den ersten 14

Strahlen war im Schweizer Abfahrtsteam bei anderen Athletinnen angesagt. Allen voran bei der Innerschweizerin Jasmina Suter. Die 25-Jährige vom Stoos nutzte die besser werdenden Bedingungen und fuhr mit hoher Startnummer auf den sechsten Platz. Das mit Abstand beste Weltcupresultat in ihrer Karriere. Damit löste sie neben Corinne Suter, Lara Gut-Behrami, Michelle Gisin, Jasmine Flury und Priska Nufer bereits als sechste Abfahrerin von Swiss Ski das WM-Ticket. Dort wird es im Training zu internen Ausscheidungen kommen. Eine Folge der derzeitigen Dichte im Abfahrtsteam. Alle sechs besagten Swiss-Ski-Fahrerinnen schafften es am Samstag in die Top 14 der Rangliste.

«Es ist ein wenig schade. Unter der Maske sieht man ja meine grenzenlose Freude gar nicht», sagte Jasmina Suter im Ziel zu ihrem Exploit. Ihr Erfolgsrezept tönte so banal wie anspruchsvoll: «Ich habe versucht, unterwegs möglichst nicht zu bremsen.» Sie habe nie mit einem solchen Resultat gerechnet.

Ebenfalls nicht mit ihrem achten Platz gerechnet hat Namensvetterin Corinne Suter. Die Siegerin der Abfahrts-Gesamtwertung des vergangenen Winters hat inzwischen höhere Ziele. Entsprechend hielt ihre Stimmungslage nach dem Rennen nicht mit dem sonnigen Wetter im Wallis mit. «Mir ist es nicht gelungen, den Zug so aufzubauen, wie es mir sonst jeweils gelingt», sagte sie. Aber ratlos mache sie dieses Resultat dann doch nicht. Allerdings ist damit wohl der Zug zur Titelverteidigung ind der Disziplinenwertung im Duell mit Goggia abgefahren.

Michelle Gisin und die Bilder der Stürze

Wie zuletzt allermeistens nach einem Rennen gut drauf war auch Michelle Gisin. Der 10. Rang bedeutete einen weiteren Schritt zurück zur alten Stärke in der Abfahrt. Besonders Freude hatte die Allrounderin über ihre Bestzeit bis zur ersten Zwischenzeit. «Das zeigt mir, dass es mir wieder gelingt, mit der richtigen Einstellung und entschlossen in eine Abfahrt zu starten. »

Wieso dies gerade in diesem Rennen für sie nicht selbstverständlich war, erklärte Michelle Gisin gleich selbst. «Mir gehen Stürze wie jener von Urs Kryenbühl in Kitzbühel sehr, sehr nahe. Sie lösen in mir stets etwas aus. Ich bin da wohl sensibler als andere Fahrerinnen», sagte die Engelbergerin. Aber sie lerne auch, mit solchen Einflüssen umzugehen. Dass ihr dies unter den aktuellen Umständen gelungen ist, machte sie besonders glücklich.