Mit einem nicht ganz akzentfreien «Buongiorno» weckt Rafael  Nadal nach seinem mühelosen Sieg in der ersten Runde der Australian Open einen italienischen Kollegen, der noch mit den Folgen des Jetlags zu kämpfen hat. Und fragt ihn: «Bin ich so langweilig?» Nur, um das ältere Semester gleich wieder aus der Schusslinie zu nehmen, indem er sagt: «Bestimmt haben Sie nur die Augen geschlossen, um sich besser auf meine Worte zu konzentrieren.» Die hatten es an diesem Nachmittag wahrlich in sich und sorgten beim einen oder anderen dann doch für Ärger und Verwunderung.

Hatte er das wirklich ernst gemeint, was er da von sich gab? Oder hatte der 32-Jährige, der die englische Sprache leider noch immer nicht so beherrscht, wie man das von einem Athleten seines Kalibers nach 15 Jahren auf der Profi-Tour erwarten müsste, sich einfach nur unglücklich ausgedrückt? Doch die Worte, die Nadal wählte, waren unmissverständlich und liessen auch keinen Spielraum für eine andere Interpretation. Er drückte sein Unverständnis darüber aus, dass die Profi-Vereinigung ATP nicht für die Opfer einer Sturzflut gespendet hatte, die sich im Oktober in seiner Heimat Mallorca ereignet hatte und bei der 13 Menschen ums Leben gekommen waren.

Es ist nicht die Tatsache, dass Nadal sich für diese Menschen in seiner Heimat einsetzt. Schliesslich hatte er am Tag nach der Katastrophe selber im Schlamm gestanden und bei der Beseitigung von Trümmern geholfen. Später spendete er eine Million Dollar aus seinem Privatvermögen. Doch die Argumentation war befremdlich. Denn er führte seine (unbestrittenen) Verdienste ins Feld. «Klar, solche schrecklichen Dinge passieren jeden Tag auf der ganzen Welt. Nur wenige Wochen später in Indonesien zum Beispiel. Aber wenn es in einem Land eines Spielers geschieht, der so viel für diesen Sport geleistet hat wie ich, hätte ich finanzielle Unterstützung erwartet und ich bin nicht glücklich, dass dies in diesem Fall nicht passiert ist», sagte Nadal.

Seine Verdienste sind unbestritten, im Tennis wie in der Philanthropie. Doch diese Äusserung offenbart ein anderes, weniger schönes Gesicht. Jenes eines Klassendenkens. Es ist an die Erwartungshaltung geknüpft, dass den Menschen in Mallorca die Hilfe aus der Tennis-Welt zusteht, nur, weil er dort seine Wurzeln hat, jenen in Indonesien hingegen nicht. So gut es gemeint ist, so falsch ist es. Und alles andere als zum Einschlafen.