Rücktritt
Harlekin und lebende Legende: Mit dem Rücktritt von Valentino Rossi geht eine grosse Töffära zu Ende

Am Sonntag fahren Valentino Rossi (42) und Tom Lüthi (35) ihr letztes Rennen – es sind zwei Karrieren mit Parallelen. Die Zeit der wilden und tragischen Helden im Motorradsport geht vorbei.

Klaus Zaugg Jetzt kommentieren
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Valentino Rossi posiert vor den Maschinen, die ihn zu neun WM-Titeln getragen haben.

Valentino Rossi posiert vor den Maschinen, die ihn zu neun WM-Titeln getragen haben.

Und am Ende fahren die Götter wie Sterbliche. Am letzten Wochenende reichte es gerade noch zum 13. Platz. Viel besser wird es am Sonntag nicht mehr. Valentino Rossi hat den Zeitpunkt für seinen Rücktritt verpasst. Oder doch nicht? Nein, hat er nicht. Weil er, in den Sporthimmel der Legenden aufgestiegen, längst über diesen Zeitpunkt erhaben ist. Mit dem Privileg, so lange zu fahren, wie er mag. Darin ähnelt er Roger Federer.

Dass er so lange gefahren ist, liefert uns auch die Erklärung für die grösste Töff-Karriere der Geschichte. Natürlich hat Rossi einen der gefährlichsten Berufe der Welt auch ausgeübt, um Geld zu verdienen. Um die 40 Millionen waren es in seinen besten Jahren. Aber es ist die Leidenschaft, die ihn über all die Jahre antreibt. In Kombination mit Talent und Intelligenz wird daraus eine globale Karriere. Rossi verzaubert, begeistert, verblüfft mit seiner Leichtigkeit, mit der er eine Höllenmaschine zähmt, die Sterbliche nicht einmal in Gang setzen können.

Die Gegner waren ihm auch mental nicht gewachsen

Mit Schalk und Witz, und dennoch geradlinig wie kein anderer: Valentino Rossi.

Mit Schalk und Witz, und dennoch geradlinig wie kein anderer: Valentino Rossi.

Kai Foersterling / EPA

Er kombiniert diese Leichtigkeit des Seins mit Schalk und Witz, mit immer wieder neuen Bemalungen seines Helmes und Possen auf den Ehrenrunden, und gar viele mögen glauben, der Supermann sei auch ein Clown. Aber genau das ist er nicht. So wie er das Publikum zu unterhalten versteht, so weiss er in seinen besten Jahren mit Worten die Seele seiner Rivalen zu treffen. Seine Gegner sind nicht nur an seiner Fahrkunst zerbrochen. Sie sind ihm mental nicht gewachsen. Nur nach aussen erfindet er sich immer wieder neu. Nach innen geht er geradlinig seine Ziele. Die Geschichte kennt nicht viele Piloten, die so zielstrebig, akribisch, wenn nötig unerbittlich ihren Weg gegangen sind.

Im Umgang charmant, witzig und freundlich bleibt er doch unnahbar und vertraut nur einem ganz engen Kreis. Ist Rossi der Grösste aller Zeiten? Ja. Der Italiener hat die «Königsklasse» ein Jahrzehnt lang dominiert. Das ist nicht mehr möglich. Weil die Ausgeglichenheit zu gross geworden ist. Mit Rossis Rücktritt geht die «Belle Epoque» zu Ende. Die Zeit der wilden und tragischen Helden, die ab und zu auch Harlekine sein konnten. Wir sind eingetreten ins Zeitalter der Technokraten, die Maschinen programmieren und nicht mehr bespielen wie Instrumente.

Lüthi ist anders – und eben doch ein wenig wie Rossi

Der Zufall will es, dass Tom Lüthi am Sonntag in Valencia seine Karriere mit 35 am gleichen Ort beendet wie Rossi. Seine Karriere mag im Vergleich nur eine Episode sein. 17 gegen 115 Siege, ein WM-Titel gegen neun. Und er dürfte in seiner ganzen Karriere weniger verdient haben als Rossis einmalige Steuernachzahlung von 35 Millionen. Und doch ist Lüthi – auf helvetische Verhältnisse übertragen – ein wenig wie Rossi. Kein Harlekin, diese Natur liegt weder einem Schweizer noch einem Emmentaler. Und in seiner Zielstrebigkeit auch nicht so unerbittlich. Aber auch er faszinierte das Publikum einmal mit seiner spielerischen Leichtigkeit: In dem Jahr, in dem er 2005 als 18-jähriger Bub Weltmeister und vor Roger Federer Sportler des Jahres wird.

Tom Lüthi nimmt nach seinem Weltmeistertitel 2005 in der 125cc-Klasse Glückwünsche von Moto-GP-Champion Valentino Rossi entgegen.

Tom Lüthi nimmt nach seinem Weltmeistertitel 2005 in der 125cc-Klasse Glückwünsche von Moto-GP-Champion Valentino Rossi entgegen.

Fernando Bustamamnte / AP

Hinter Lüthis Karriere steht die gleiche Leidenschaft. Deshalb hat auch er nur scheinbar den perfekten Zeitpunkt für den Rücktritt verpasst und – wie Rossi – in den letzten zwei Jahren keinen Podestplatz mehr herausgefahren. In der WM liegt er vor dem letzten Rennen auf dem 22. und Valentino Rossi auf dem 20. Platz. Am Ende fahren die Götter wie Sterbliche. Sie waren die Letzten ihrer Art. Es ist das Ende einer Ära.

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