Nicht nur das Knie
Roger Federer: Die ganze Wahrheit hinter seiner Absage für die Australian Open

Erstmals seit 1999 nimmt Roger Federer nicht an den Australian Open teil. Offiziell, weil er sich nach der zweiten Operation am linken Knie im Sommer nicht dafür bereit fühle. Doch das ist nur die halbe Wahrheit.

Simon Häring
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Roger Federer verzichtet auf die Teilnahme bei den Australian Open.

Roger Federer verzichtet auf die Teilnahme bei den Australian Open.

Lukas Coch / EPA

Mit monatelangen Lockdowns und radikalen Quarantänebestimmungen hat Australien die Corona-Pandemie weitgehend unter Kontrolle gebracht. Innerhalb eines Jahres wurden weniger als 1000 Todesopfer verzeichnet. Ein Erfolg, den man – jetzt, wo diverse Impfstoffe zusätzliche Linderung versprechen – nicht aufs Spiel setzen möchte. Entsprechend streng sind die Auflagen, unter denen Grossveranstaltungen wie die Australian Open im Tennis stattfinden dürfen. Die Qualifikationen finden in Dubai (Frauen) und Doha (Männer) statt. Danach sollen 18 Flugzeuge Spieler und Betreuer nach Melbourne bringen. Um das Risiko einer Ansteckung zu minimieren, wird die Kapazität auf 20 Prozent beschränkt. Ein ökologischer Unsinn.

Die wichtigste Massnahme beim Turnier, das um drei Wochen auf Anfang Februar verschoben worden ist: Ab Einreise muss sich jeder für 14 Tage in Quarantäne begeben und darf das ihm zugewiesene Hotel nicht verlassen. Zuletzt hatten Anwohner des Hotels «The Westin Melbourne», wo sich 36 Penthouse-Wohnungen befinden, mit rechtlichen Schritten gedroht. Sie sehen im Tennis-Tross eine Bedrohung für ihre Gesundheit. Ein Ausbruch könne die gesamte Stadt wieder in den Lockdown bringen, erklärte Anwalt Graeme Efron dem «Sydney Morning Herald». Es sei stossend, dass man im Bundesstaat Victoria Menschen aus aller Welt empfange, während jene aus dem benachbarten New South Wales nicht willkommen seien.

2018 gewann Roger Federer in Melbourne seinen 20. und bislang letzten Grand-Slam-Titel. Es war sein sechster Erfolg bei den Australian Open.

2018 gewann Roger Federer in Melbourne seinen 20. und bislang letzten Grand-Slam-Titel. Es war sein sechster Erfolg bei den Australian Open.

Tracey Nearmy / EPA/AAP

«Ich sollte nicht mehr so lange von meiner Familie getrennt sein»

Davon nicht betroffen ist Roger Federer. Der Schweizer hatte Ende Jahr seine Teilnahme abgesagt. Die Australian Open in Melbourne finden damit zum ersten Mal seit 1999 ohne ihn statt. Nach einer zweiten Operation am Knie im letzten Sommer habe er noch Trainingsrückstand. Er fasse eine Rückkehr Ende Februar ins Auge. Doch das ist nur die halbe Wahrheit, wie nun bekannt wird. Seit Anfang 2019 ist der ehemalige Profi-Spieler André Sa beim australischen Verband, Tennis Australia, für Spielerbeziehungen zuständig. Und in dieser Funktion pflegte er zuletzt auch engen Kontakt mit Federer. Der Formstand sei nicht der einzige Grund für die Absage.

Während die Spieler das Hotel während der Quarantäne für fünf Stunden täglich verlassen dürfen, gilt diese Regelung für die Entourage nicht. Davon betroffen wäre auch die Familien, also auch Federers Ehefrau Mirka und die vier gemeinsamen Kinder. «Der Hauptgrund ist die Quarantäne», sagt Sa gegenüber dem brasilianischen TV-Sender «Ace Bandsports». Mirka sei nicht bereit gewesen, unter diesen Bedingungen mit ihrem Mann und den vier Kindern nach Australien zu reisen. Und ganz alleine zu reisen, sei für Federer selber keine Option gewesen. Sa sagt, Federer habe zu ihm gesagt: «Ich bin 39, habe vier Kinder und 20 Grand-Slam-Titel. Ich sollte nicht mehr so lange, für fünf Wochen, von meiner Familie getrennt sein.»

Die Familie sei der Hauptgrund für Federers Absage für die Australian Open. Und nicht etwa der Trainingsrückstand nach eine Knieoperation.

Die Familie sei der Hauptgrund für Federers Absage für die Australian Open. Und nicht etwa der Trainingsrückstand nach eine Knieoperation.

Juergen Hasenkopf

Rückkehr wohl in Montpellier oder Rotterdam

War die Absage seiner Teilnahme bei den Australian Open also gar nicht dem Knie geschuldet und der Trainingsrückstand nur ein Vorwand, der Roger Federer gelegen kam? Auch, aber nicht nur. Bereits im Dezember liess der Baselbieter durchblicken, dass er nicht im Zeitplan ist. Statt wie ursprünglich vorgesehen im August, kehrte er erst im Oktober auf den Platz zurück. Sein letzter Ernstkampf, der Halbfinal bei den Australian Open, liegt nun schon fast ein Jahr zurück. Vor einem Monat reiste er an seinen Zweitwohnsitz Dubai, wo er sich seit vielen Jahren vorbereitet.

Noch offen ist, wann und wo Federer sein erstes Turnier bestreiten wird. Sein Manager Tony Godsick kündigte einen Termin Ende Februar an. In der letzten Woche des Monats finden zwei Turniere der tiefsten Kategorie statt. In Cordoba, Argentinien, auf Sand wird Federer nicht antreten. Aber vielleicht in Montpellier, Frankreich, wo auf einem Hartbelag gespielt wird. Als wahrscheinlich erscheint auch die Teilnahme in Rotterdam Anfang März. 2018, nach seinem dritten Sieg in der niederländischen Hafenstadt nach 2005 und 2012, übernahm Federer noch einmal die Führung in der Weltrangliste. Derzeit wird er immer noch im 5. Rang geführt.

Ehefrau Mirka möchte den Kindern die Reise nach Australien und die damit verbundene Quarantäne im Hotelzimmer ersparen.

Ehefrau Mirka möchte den Kindern die Reise nach Australien und die damit verbundene Quarantäne im Hotelzimmer ersparen.

AP, Kathy Willens

Federers Hauptaugenmerk liegt auf dem Sommer mit Wimbledon (ab dem 28. Juni), seinen fünften persönlichen Olympischen Spielen in Tokio (ab dem 24. Juli) und den US Open (ab dem 30. August). Bleibt der Turnier-Kalender von der Corona-Pandemie weitgehend verschont, wovon wohl nicht ausgegangen werden kann, erscheint unwahrscheinlich, dass der 20-fache Grand-Slam-Sieger diese Ziele mit einer Teilnahme an den French Open (ab dem 23. Mai) gefährdet, wo er sich kaum Chancen auf einen Titel ausrechnet. Und das war, ist und bleibt der Massstab, an dem sich Roger Federer auch in den letzten Monaten seiner Karriere messen lassen wird. Und zwar völlig unabhängig von Quarantänebestimmungen.