Dieser Willisauer Ringer geht Schritt für Schritt zum grossen Ziel

Ringer Samuel Scherrer will mit Willisau Schweizer Meister werden. Und dann den nächsten Traum realisieren.

Simon Gerber
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Samuel Scherrer trainiert in der neuen Ringerhalle.

Samuel Scherrer trainiert in der neuen Ringerhalle.

Bild: Dominik Wunderli (Willisau, 3. Dezember 2019)

In der neuen Halle des Ringclubs Willisau Lions herrscht an diesem Dienstagnachmittag schon reger Betrieb. Unter den Fittichen des Nationaltrainers Nicola Ghita trainiert und schwitzt das Schweizer Freistilkader und bereitet sich auf die internationalen Einsätze im kommenden Jahr vor.

Nach dem Training nimmt sich Samuel Scherrer (22) Zeit für ein Gespräch. Er lächelt oft verschmitzt, ist offen und bodenständig. Seine Aussagen wählt er mit Bedacht. Nach den intensiven Trainingseinheiten ist er zwar etwas müde, aber dennoch gut gelaunt. Nicht nur ihm geht es nach einer Verletzungspause wieder sehr gut.

Auch seinen Kollegen von den Willisau Lions läuft es in der Teammeisterschaft in dieser Saison so rund wie schon lange nicht mehr. Bisher gewannen die Luzerner elf der zwölf Meisterschaftsduelle, heute (19Uhr, Sporthalle Bachmatten, Muri) stehen die Lions im ersten Finalkampf gegen Freiamt. Diese Serie ist auch für Samuel Scherrer ein bisschen unheimlich geworden. «Wir haben jedoch ein immens breites Kader und alle sind fit. In den zehn Gewichtsklassen sind wir sehr gut positioniert und das macht uns für den Gegner unberechenbar», hält Scherrer fest.

Ausdauernd und mental stark

Für ihn und das Team sei es nun höchste Zeit, nach einem dreijährigen Unterbruch den 14.Titel in der Vereinsgeschichte zu holen. Freiamt sei, wie die Vergangenheit schon oft gezeigt hat, kein einfacher Gegner. Es müsse deshalb um jeden einzelnen Punkt gefightet werden. In einem Finalkampf könne das Momentum immer auf die eine oder andere Seite kippen.

«Trotz unserer bisherigen Dominanz muss jeder von uns nochmals einen Gang höher schalten, wenn unser Vorhaben gelingen soll», sagt Scherrer. Von Nervosität oder Anspannung ist bei ihm noch nichts zu spüren. Samuel Scherrer gehört zum Stammpersonal der Willisau Lions und gilt schon lange als einer der Hoffnungsträger im Schweizer Ringsport. Bereits als 17-Jähriger klassierte er sich an der Kadetten-Weltmeisterschaft als Fünfter. Zu seinen weiteren Highlights zählt der fünfte Platz an der U23-EM im letzten Jahr und der Gewinn des Meistertitels 2015 mit seinem Verein.

Scherrer beschäftigt sich kaum damit, was andere von ihm erwarten. Er macht einfach Schritt für Schritt und geht konsequent seinen Weg. Zu seinen grossen Stärken zählen die Ausdauer, die Kampfübersicht und die Vielseitigkeit aus dem Stand wie auch in der Bodentechnik. Auch im mentalen Bereich stimmt es. Die Angriffstechnik sei hingegen noch ausbaufähig und auch kräftemässig sei er noch nicht dort, wo er gerne stehen möchte. «Auch muss ich noch besser lernen, im Kampf eine Spur härter und abgeklärter zu werden», erklärt der Freistilspezialist.

200 Tage pro Jahr im Ausland

Obwohl erst 22 Jahre alt, hat er inzwischen schon viele Facetten des Ringsports kennen gelernt. Auch die weniger erfreulichen. Im Dezember vor einem Jahr zog sich Scherrer im Halbfinal bei der Teammeisterschaft einen Kreuzbandriss zu. Das verletzte rechte Knie musste operiert werden. Das Willisauer Urgestein ist ein Kämpfer, schnell arrangierte er sich mit der neuen Situation und schuftete primär an der Sportschule in Magglingen hart an seiner Rückkehr. «Es war die erste grössere Verletzung und deshalb für mich keine einfache Zeit», blickt Scherrer zurück.

Durch die Pause verpasste er im vergangenen September die Freistil-WM in Kasachstan. Er stellte sich dann als Sparring-Partner für seinen langjährigen Trainingskameraden Stefan Reichmuth zur Verfügung. Die Sensation mitzuerleben, wie sein Freund grossartig die Bronzemedaille gewonnen hat und gleichzeitig die Qualifikation für die Olympischen Spiele schaffte, sei für ihn ein fantastisches Gefühl gewesen, erinnert sich Scherrer. Mit dem Ziel Olympia-Qualifikation nimmt auch Samuel Scherrer die Saison 2020 in Angriff. Um den olympischen Traum mit aller Konsequenz zu leben, setzt er schon länger auf die Karte Sport und arbeitet nur noch Teilzeit mit einem 45-Prozent-Pensum bei seinem früheren Lehrbetrieb Bächtold-Landtechnik in Menznau.

Ohne die grosse Unterstützung von Seiten der Familie, des guten Umfelds im Club sowie des Verbandes von Swiss Wrestling wäre ein solches Projekt allerdings nicht realisierbar. Für Wettkämpfe und Trainings verbringt Samuel Scherrer jährlich rund 200 Tage im Ausland. Vor allem in Osteuropa ist er unterwegs. Auf dem elterlichen Bauernhof Rohrmatt in Willisau ist das Muskelpaket deshalb nur noch selten anzutreffen. Die Möglichkeit, ein Olympia-Ticket zu holen, hat der gelernte Landmaschinentechniker an einem Europaturnier im März und an einem Weltturnier im April. Dazu braucht es in seiner Gewichtsklasse allerdings eine Klassierung unter den ersten zwei.

Er will in die Fussstapfen seines Onkels treten

Die Chance, gemeinsam mit Reichmuth nach Japan zu reisen, stuft Scherrer als eher gering, aber intakt ein. «Es wird für mich definitiv kein einfacher Weg werden. ‹Stifi› hat vorgemacht, dass mit einem eisernen Willen nichts unmöglich ist und wir uns vor anderen Athleten nicht verstecken müssen», erklärt Scherrer.

Nur allzu gern möchte «Sämi», wie er von allen gerufen wird, die Familientradition weiterführen und in die Fussstapfen seines Onkels treten. Rolf Scherrer hat sich 2000 in Sydney und 2004 in Athen gleich zweimal für Olympia qualifiziert. So wird Samuel Scherrer in den nächsten Monaten in der Trainingshalle im Grafenstädtchen für sein grosses Ziel Tokio weiter Vollgas geben.

Willisau Lions gehen als Favorit in den Final

Der Final findet im Best-of-3-Modus statt. Das Team, welches zwei Siege auf dem Konto hat, ist Schweizer Meister. In den zehn Gewichtsklassen werden je fünf Kämpfe im Freistil und im Greco (griechisch-römischer Stil) ausgetragen. Der ­erste Finalkampf (heute, 19 Uhr, Sporthalle Bachmatten, Muri) beginnt in der leichtesten Gewichtsklasse bis 57 kg im Freistil. Im Rückkampf in einer Woche in Willisau wechselt die Stilart und beginnt mit Greco bis 57 kg. Nach den bisherigen Resultaten gilt Willisau als Topfavorit. Erstmals seit 2008 treffen die Luzerner in einem Final auf Freiamt. Die beiden Stilarten: Freistil: Der gesamte Körper vom Kopf bis zu den Füssen gilt als Angriffsfläche. Greco: Nur der Körper oberhalb der Gürtellinie gilt als Angriffsmöglichkeit. (sige)

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