Kommentar
Tour de France macht Halt in Bern: Ein Geschenk des reichen Onkels

Während Rennen wie die Tour de Suisse händeringend nach Sponsoren suchen, kann die Tour-Organisatorin die Stationen ihrer Milchkuh Jahr für Jahr aus zahllosen Kandidaten aussuchen

Simon Steiner
Simon Steiner
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Was die Tour de Suisse kann (im Bild), macht die Tour de France im nächsten Jahr: 2016 ist das grösste Radrennen der Welt zu Gast in der Bern.

Was die Tour de Suisse kann (im Bild), macht die Tour de France im nächsten Jahr: 2016 ist das grösste Radrennen der Welt zu Gast in der Bern.

Keystone

Wenn die Tour de France kommt, öffnen sich in Bern die Stadttore und die Schatztruhen plötzlich von selbst. Stolz empfängt die Bundesstadt im Juli 2016 für drei Tage die grösste Radrundfahrt der Welt – dabei hätten dieses Jahr schon zwei Tage Tour de Suisse um ein Haar im Fiasko geendet.

Vor dem Finale der Schweizer Rundfahrt musste das Organisationskomitee ausgewechselt und das Rahmenprogramm wegen finanzieller Probleme reduziert werden. Die Sponsorensuche war harziger verlaufen, als man sich das im Vorfeld erhofft hatte, zudem gab es Differenzen mit der Betreibergesellschaft des Stade de Suisse.

Für die Tour de France wird das Budget nun deutlich höher ausfallen als bei der Tour de Suisse. Gratis rollt die Tour keine ausländischen Destinationen an.

Die Kosten für einen dreitägigen Aufenthalt wie in Bern gehen in den Millionenbereich, auch wenn es (noch?) nicht zu einem Grand Départ, also zur Durchführung des Tourstarts, kommt wie ursprünglich angedacht. Noch ist die Finanzierung nicht abschliessend gelöst, doch die Situation ist komfortabel. Während die öffentliche Hand einige hunderttausend Franken wird übernehmen müssen, wissen die Tour-Promotoren mit dem Unternehmer Andy Rihs einen reichen Onkel im Rücken, der einen namhaften Betrag aufwerfen dürfte.

Was die Tour de Suisse kann (im Bild), macht die Tour de France im nächsten Jahr: 2016 ist das grösste Radrennen der Welt zu Gast in der Bern

Was die Tour de Suisse kann (im Bild), macht die Tour de France im nächsten Jahr: 2016 ist das grösste Radrennen der Welt zu Gast in der Bern

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Andy Rihs öffnet in Paris die Türen für Bern

Der gut vernetzte Velofreund und YB-Besitzer Rihs, der über seine in Grenchen ansässige Fahrradfirma BMC auch einen Profi-Rennstall unterhält, spielte bei der Berner Kandidatur darüber hinaus eine entscheidende Rolle, indem er die lokalen Entscheidungsträger mit Tour-Chef Christian Prudhomme in Kontakt brachte. Wobei der Begriff lokal hier weit gefasst werden kann.

Bei seiner Visite in Bern im vergangenen Jahr wurde der Tourdirektor nicht nur von Stadtpräsident Alexander Tschäppät und dem kantonalen Volkswirtschaftsdirektor Andreas Rickenbacher empfangen, sondern auch von Sportminister Ueli Maurer.

Dass Fabian Cancellara, der das Maillot jaune der Tour schon während 29 Tagen getragen hat, seine Karriere im nächsten Jahr beenden will, könnte den Zuschlag für seine Heimatstadt beschleunigt haben.

Für Bern ist das (Teil-)Geschenk des reichen Onkels ein Segen. Neben einem unmittelbaren wirtschaftlichen Effekt bietet die Tour, die in rund 190 Länder übertragen wird, ein beispielloses Schaufenster für Stadt und Region. Dies erst recht, als die Tour nach einem Ruhetag in Bern gleich nochmals für einen Tag in der Schweiz bleiben wird. Der Walliser Zielort Finhaut ob Martigny zeigt, dass es nicht zwingend einen klingenden Namen braucht, um die Tour empfangen zu können.

Das spektakuläre Etappenfinale über den Col de la Forclaz zum Stausee von Emosson auf knapp 2000 m begeisterte die Tourdirektion im vergangenen Jahr beim Testlauf im Rahmen der Dauphiné-Rundfahrt aber derart, dass die kleine Station hart an der französischen Grenze im Rennen um die Tour namhafte Konkurrenten wie Crans-Montana und Verbier ausstach. Umsonst gibt es die Tour aber auch für Finhaut-Emosson nicht: Rund 700 000 Franken soll das lokale Budget betragen, wobei sich der Kanton Wallis massgeblich daran beteiligen dürfte.

Die Tour de Suisse kommt unter die Räder

Dennoch gibt es beim ersten Tour-Abstecher in die Schweiz seit 2012 (Pruntrut) auch Verlierer. Die Tour de Suisse endet nun nächstes Jahr nicht wie vorgesehen in der Bundesstadt, sondern in Davos. Die Berner lösten den Vertrag mit Veranstalter Infront-Ringier auf.

Auch wenn die «Grande Boucle» nicht der einzige Grund für die Turbulenzen um die Berner Tour-de-Suisse-Etappen darstellt, ist die Situation für den Radsport symptomatisch: Die Tour de France überstrahlt alles, the winner takes it all.

Während Rennen wie die Tour de Suisse – immerhin die viertgrösste Rundfahrt weltweit – oder Verbände wie Swiss Cycling händeringend nach Sponsoren suchen, kann die Tour-Organisatorin ASO die Stationen ihrer Milchkuh Jahr für Jahr aus zahllosen Kandidaten aussuchen.

Gleichzeitig versucht sie ihre Vormachtstellung auszubauen: Erst im letzten Moment konnte die Tour de Suisse im letzten Winter eine massive Kürzung zugunsten der Tour de France und weiterer ASO-Rennen verhindern. Was für die Schweizer Radsport-Fans kein Grund sein soll, sich im Sommer das Fest vermiesen zu lassen, wenn der Tour-Zirkus in Bern zu Gast ist.

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